Der insol­ven­te Die­sel­käu­fer – und der bran­chen­üb­li­che Eigen­tums­vor­be­halt

Nach § 60 Abs. 1 Nr. 3 Ener­gieStG wird eine Steu­er­ent­las­tung auf Antrag gewährt, wenn der Zah­lungs­aus­fall u.a. trotz ver­ein­bar­ten Eigen­tums­vor­be­halts nicht zu ver­mei­den war. Auf das Tat­be­stands­merk­mal der Ver­ein­ba­rung eines Eigen­tums­vor­be­halts kann nicht des­halb ver­zich­tet wer­den, weil der Mine­ral­öl­händ­ler wei­te­re Siche­rungs­maß­nah­men (wie z.B. der Abschluss einer Waren­kre­dit­ver­si­che­rung oder die Anfor­de­rung einer Bürg­schafts­er­klä­rung) getrof­fen hat.

Der insol­ven­te Die­sel­käu­fer – und der bran­chen­üb­li­che Eigen­tums­vor­be­halt

Auf­grund der beson­de­ren Siche­rungs­funk­ti­on eines Eigen­tums­vor­be­halts kann der Mine­ral­öl­händ­ler von der Pflicht zur Ver­ein­ba­rung eines Eigen­tums­vor­be­halts nicht ent­bun­den wer­den 1.

Im hier ent­schie­de­nen Fall wur­den die AGB der Lie­fe­ran­tin, in denen u.a. ein Eigen­tums­vor­be­halt gere­gelt war, bei Ver­trags­ab­schluss nicht aus­drück­lich ein­be­zo­gen. Auch hat die Lie­fe­ran­tin nicht erkenn­bar auf die AGB ver­wie­sen. Viel­mehr waren ihre AGB ledig­lich auf der Rück­sei­te der bei­den Rech­nun­gen vom 22.12 2008; und vom 13.01.2009 abge­druckt, ohne dass auf der Vor­der­sei­te ein Hin­weis auf die rück­sei­tig abge­druck­ten AGB gege­ben war. Bei den bei­den Lie­fe­run­gen, die die­sen Rech­nun­gen zugrun­de lagen, han­del­te es sich nach eige­nem Bekun­den der Lie­fe­ran­tin um Erst­lie­fe­run­gen. Die­ser Umstand und der kur­ze Abstand zwi­schen den bei­den Lie­fe­run­gen von drei Wochen deu­ten dar­auf hin, dass von einer dau­ern­den Geschäfts­be­zie­hung noch nicht gespro­chen wer­den kann. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH) kommt eine Ein­be­zie­hung von AGB durch schlüs­si­ges Ver­hal­ten nur in Betracht, wenn der Ver­trags­part­ner im Rah­men einer lau­fen­den Geschäfts­ver­bin­dung einen immer wie­der­keh­ren­den Hin­weis auf die­se Bedin­gun­gen unwi­der­spro­chen lässt 2. Selbst für eine län­ger andau­ern­de Geschäfts­be­zie­hung hat das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt ent­schie­den, dass der blo­ße Abdruck einer Gerichts­stands­klau­sel auf der Rück­sei­te von Rech­nun­gen ohne jeden Hin­weis auf der Vor­der­sei­te für eine Ein­be­zie­hung die­ser Klau­sel nicht genügt 3.

In sei­nem Urteil vom 07.11.2002 4 hat das Finaz­ge­richt Ham­burg dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die­ses Urteil kei­ne All­ge­mein­gül­tig­keit bean­spru­chen kön­ne und zur still­schwei­gen­den Ein­be­zie­hung einer Ver­ein­ba­rung über einen Eigen­tums­vor­be­halt ‑wie auch im Streit­fall- ledig­lich auf die Bran­chen­üb­lich­keit einer sol­chen Ver­ein­ba­rung abge­stellt. Der Bun­des­fi­nanz­hof kann offen­las­sen, ob es zutrifft, im Mine­ral­öl­han­del sei die Ver­ein­ba­rung eines Eigen­tums­vor­be­halts bran­chen­üb­lich, denn eine blo­ße Bran­chen­üb­lich­keit reicht zur Ein­be­zie­hung nicht aus.

Die Bran­chen­üb­lich­keit einer AGB-Ver­wen­dung hat die Recht­spre­chung bis­her ledig­lich bei Spe­di­ti­ons, Ver­si­che­rungs- und Bank­ge­schäf­ten bejaht 5. Nach einer Ent­schei­dung des BGH besteht für Lie­fe­run­gen im Mine­ral­öl­han­del (Belie­fe­rung einer Tank­stel­le durch ein Mine­ral­öl­han­dels­ge­schäft) kein ent­spre­chen­der Han­dels­brauch 6. Ohne die Mög­lich­keit einer still­schwei­gen­den Ein­be­zie­hung von AGB durch Bran­chen­üb­lich­keit in Erwä­gung zu zie­hen, hat der Bun­des­fi­nanz­hof selbst bei einer mehr­jäh­ri­gen Geschäfts­be­zie­hung ein blo­ßes Wis­sen­müs­sen des Käu­fers, dass der Geschäfts­be­zie­hung die AGB des Ver­käu­fers mit einem dort gere­gel­ten Eigen­tums­vor­be­halt zugrun­de lagen, für die Ver­ein­ba­rung eines Eigen­tums­vor­be­halts für nicht aus­rei­chend erach­tet 7.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs stellt die Bran­chen­üb­lich­keit ledig­lich ein Indiz für einen kon­klu­den­ten Ein­be­zie­hungs­wil­len dar. Wie er geur­teilt hat 8, reicht eine Bran­chen­üb­lich­keit allein für die Ein­be­zie­hung von AGB nicht aus 9. Viel­mehr müs­sen Umstän­de hin­zu­tre­ten, die den Schluss dar­auf zulas­sen, dass der Ver­trags­part­ner still­schwei­gend mit der Rege­lung ein­ver­stan­den ist. Nur in die­sem Fall soll die Bran­chen­üb­lich­keit das Wis­sen­müs­sen des bran­chen­ty­pisch täti­gen Kauf­manns begrün­den. Auch im Schrift­tum wird die Ansicht ver­tre­ten, die rei­ne Bran­chen­üb­lich­keit rei­che ohne die Fest­stel­lung eines Ein­be­zie­hungs­wil­lens für die wirk­sa­me Ein­be­zie­hung von AGB nicht aus 10. Da das Finanz­ge­richt ‑ohne die dar­ge­stell­te BGH-Recht­spre­chung zu berück­sich­ti­gen und einen Ein­be­zie­hungs­wil­len fest­zu­stel­len- die Ein­be­zie­hung der AGB der Lie­fe­ran­tin allein mit der ver­meint­li­chen Bran­chen­üb­lich­keit begrün­det hat, kann der Bun­des­fi­nanz­hof die­ser Rechts­auf­fas­sung nicht fol­gen.

Da es sich im Streit­fall um Erst­lie­fe­run­gen han­del­te und Anhalts­punk­te für einen erfor­der­li­chen Ein­be­zie­hungs­wil­len nicht bestehen, kann von einer still­schwei­gen­den Ein­be­zie­hung der AGB und der Ver­ein­ba­rung eines Eigen­tums­vor­be­halts nicht aus­ge­gan­gen wer­den. Somit ist eine der in § 60 Abs. 1 Nr. 3 Ener­gieStG genann­ten Vor­aus­set­zun­gen nicht erfüllt, so dass die Lie­fe­ran­tin hin­sicht­lich bei­der Lie­fe­run­gen kei­nen Ent­las­tungs­an­spruch hat. Bei die­sem Befund bedarf es kei­ner Ent­schei­dung über die Fra­gen, ob die Ent­las­tung hin­sicht­lich der ers­ten Lie­fe­rung auch zu ver­sa­gen ist, weil der Zah­lungs­an­spruch nicht recht­zei­tig gericht­lich gel­tend gemacht wor­den ist, und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen und in wel­chem Umfang die von der Bun­des­fi­nanz­hofs­recht­spre­chung ent­wi­ckel­te Zwei­mo­nats­frist, die nicht als Aus­schluss­frist zu begrei­fen ist, über­schrit­ten wer­den kann.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 10. Novem­ber 2015 – VII R 35 – 37/​14; VII R 35/​14; VII R 37/​14

  1. FG Ham­burg, Urteil vom 21.10.2005 – IV 130/​04[]
  2. BGH, Urtei­le vom 07.06.1978 – VIII ZR 146/​77, NJW 1978, 2243; und vom 07.05.1969 – VIII ZR 142/​68, WM 1969, 772[]
  3. OLG Ham­burg, Urteil vom 19.09.1984 – 5 U 56/​84, ZIP 1984, 1241[]
  4. FG Ham­burg, Urteil vom 07.11.2002 – IV 273/​99[]
  5. Ulmer/​Brandner/​Hensen, AGB-Recht, 11. Aufl., § 305 BGB Rz 175, m.w.N.[]
  6. BGH, Urteil in NJW 1978, 2243[]
  7. BFH, Beschluss vom 21.05.2001 – VII B 53/​00, BFH/​NV 2001, 1304[]
  8. BGH, Urteil vom 04.02.1992 – X ZR 105/​90, NJW-RR 1992, 626[]
  9. bestä­tigt durch BGH, Urteil vom 15.01.2014 – VIII ZR 111/​13, BB 2014, 785[]
  10. Pfeif­fer in Wolf/​Lindacker/​Pfeiffer, AGB-Recht, 5. Aufl., § 305 BGB Rz 126; Stau­din­ger, BGB-Kom­men­tar, § 305 Rz 194[]