Die rechts­wid­ri­ge Sat­zung zur Zweit­woh­nungsteu­er – und kei­ne Über­gangs­frist…

Wird eine kom­mu­na­le Abga­ben­sat­zung (hier: zur Zweit­woh­nungs­steu­er) im gericht­li­chen Ver­fah­ren als rechts­wid­rig erkannt, darf sie auch nicht über­gangs­wei­se als wirk­sam behan­delt wer­den.

Die rechts­wid­ri­ge Sat­zung zur Zweit­woh­nungsteu­er – und kei­ne Über­gangs­frist…

So ent­schied jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig in meh­re­ren Fäl­len, die die nie­der­säch­si­sche Gemein­de Lind­we­del 1 sowie die schles­wig-hol­stei­ni­schen Gemein­den Fried­richs­koog 2 und Tim­men­dor­fer Strand 3 betref­fen. Die­se Gemein­den erhe­ben Zweit­woh­nungs­steu­ern, jeweils bemes­sen anhand der mit dem Ver­brau­cher­index hoch­ge­rech­ne­ten Jah­res­roh­mie­te nach den Wert­ver­hält­nis­sen im Jahr 1964. Die­ser Maß­stab lehnt sich an die bis­he­ri­ge Bemes­sungs­grund­la­ge für die Grund­steu­er an.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat den betref­fen­den Steu­er­maß­stab für die Grund­steu­er durch Urteil vom 10. April 2018 bean­stan­det, weil die Anknüp­fung an die Wert­ver­hält­nis­se von 1964 zu erheb­li­chen Ver­zer­run­gen führt (BVerfG, Beschluss vom 18. Juli 2019 – 1 BvR 807/​12). Ob die Grün­de die­ses Urteils auch auf die Zweit­woh­nungs­steu­er über­trag­bar sind, war aber umstrit­ten. Das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt bejah­te dies und hob die hier umstrit­te­nen Steu­er­be­schei­de auf 4. Das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schied dage­gen zuguns­ten der Gemein­de 5. Bei­de Ober­ver­wal­tungs­ge­rich­te lie­ßen im Hin­blick auf die unter­schied­li­chen Auf­fas­sun­gen die Revi­si­on zu.

Wäh­rend der lau­fen­den Revi­si­ons­ver­fah­ren vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt befand das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit Beschluss vom 18. Juli 2019, dass die Fest­stel­lung der Jah­res­roh­mie­te für Zwe­cke der Zweit­woh­nungs­steu­er eben­falls ver­fas­sungs­wid­rig ist. Aller­dings gewähr­te es den an den ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren betei­lig­ten (baye­ri­schen) Gemein­den eine Über­gangs­frist zur wei­te­ren Anwend­bar­keit ihrer Sat­zun­gen bis zum 31. März 2020.

Vor die­sem Hin­ter­grund kon­zen­trier­te sich der Streit vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt im Wesent­li­chen dar­auf, ob die hier betrof­fe­nen Gemein­den die Fort­gel­tung ihrer feh­ler­haf­ten Steu­er­sat­zun­gen über­gangs­wei­se bean­spru­chen kön­nen. Dies ist nicht der Fall. Anders als das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sind die Ver­wal­tungs­ge­rich­te zu einer der­ar­ti­gen Fort­gel­tungs­an­ord­nung nicht befugt. Sie sind viel­mehr ver­pflich­tet, ange­foch­te­ne Steu­er­be­schei­de auf­zu­he­ben, wenn die­se kei­ne Grund­la­ge in einer recht­mä­ßi­gen Sat­zung fin­den und des­halb die Steu­er­schuld­ner in ihren Rech­ten ver­let­zen.

Unzu­mut­ba­re Aus­wir­kun­gen auf den Gemein­de­haus­halt sind dadurch regel­mä­ßig und auch hier nicht zu befürch­ten. Denn für die Ver­gan­gen­heit sind nur die noch kon­kret ange­foch­te­nen Beschei­de betrof­fen. Es besteht kei­ne Ver­pflich­tung, unan­fecht­ba­re Beschei­de zu über­prü­fen und anzu­pas­sen. Gege­be­nen­falls sind die Kom­mu­nen im Übri­gen berech­tigt, eine ungül­ti­ge Sat­zung rück­wir­kend durch eine neue Sat­zung zu erset­zen und auf die­ser Grund­la­ge Steu­ern auch für einen zurück­lie­gen­den Zeit­raum neu zu erhe­ben.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 27. Novem­ber 2019 – 9 C 6.18; 9 C 7.18; 9 C 3.19 und 9 C 4.19

  1. BVerwG 9 C 6.18 und 7.18[]
  2. BVerwG 9 C 3.19[]
  3. BVerwG 9 C 4.19[]
  4. OVG Schles­wig, Urtei­le vom 30.01.2019 – 2 LB 90/​18 und 2 LB 92/​18[]
  5. Nds. OVG, Urtei­le vom 20.06.2018 – 9 LB 123/​17 und 9 LB 124/​17[]