Ein Gelän­de­wa­gen ist kein LKW

Ein Gelän­de­wa­gen ist kein LKW. Auch ein Nis­san Nava­ra nicht. Auch nicht für die Kraft­fahr­zeug­steu­er.

Ein Gelän­de­wa­gen ist kein LKW

Das beschei­nig­te jetzt das Finanz­ge­richt Müns­ter dem Fahr­zeug­hal­ter, der sich dage­gen gewehrt hat­te, dass das Finanz­amt sei­nen Gelän­de­wa­gen als Pkw behan­delt und die Kraft­fahr­zeug­steu­er nach dem Hub­raum und dem Emis­si­ons­ver­hal­ten des Fahr­zeugs fest­ge­setzt hat­te.

Die Kraft­fahr­zeug­steu­er Steu­er bemisst sich bei Kraft­rä­dern und Pkw gemäß § 8 Nr. 1 Kraft­StG nach dem Hub­raum. Gem. § 8 Nr. 2 Kraft­StG bemisst sich bei ande­ren Kraft­fahr­zeu­gen (Lkw) mit einem zuläs­si­gen Gesamt­ge­wicht unter 3.500 Kilo­gramm die Steu­er nach dem ver­kehrs­recht­lich zuläs­si­gen Gesamt­ge­wicht.

Nach der neue­ren Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist ein PKW ein nach Bau­art und Ein­rich­tung zur Beför­de­rung von nicht mehr als neun Per­so­nen (ein­schließ­lich Fah­rer) geeig­ne­tes und bestimm­tes Fahr­zeug 1. Die­se Begriffs­be­stim­mung deckt sich mit der in § 4 Abs. 4 Nr. 1 PBefG ent­hal­te­nen Defi­ni­ti­on.

Lkw sind hin­ge­gen Kraft­fahr­zeu­ge, die nach ihrer Bau­art und Ein­rich­tung zur Beför­de­rung von Gütern bestimmt sind, § 4 Abs. 4 Nr. 3 PBefG 2. Die Unter­schei­dung zwi­schen Pkw und Lkw ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BFH anhand von Bau­art, Aus­stat­tung zur Per­so­nen­be­för­de­rung und sons­ti­ger Ein­rich­tung des Fahr­zeugs vor­zu­neh­men 3. Dabei ist die objek­ti­ve Beschaf­fen­heit des Fahr­zeugs unter Berück­sich­ti­gung aller Merk­ma­le in ihrer Gesamt­heit zu bewer­ten: zu berück­sich­ti­gen sind z. B. die Zahl der Sitz­plät­ze, die erreich­ba­re Höchst­ge­schwin­dig­keit, die Grö­ße der Lade­flä­che, die Aus­stat­tung des Fonds mit Sit­zen und Sicher­heits­gur­ten oder für deren Ein­bau geeig­ne­ten Befes­ti­gungs­punk­ten, das Fahr­ge­stell, die Moto­ri­sie­rung und die Gestal­tung der Karos­se­rie 4.

Die EU-Richt­li­nie 70/​156/​EWG zur Anglei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Betriebs­er­laub­nis für Kraft­fahr­zeu­ge und Kraft­fahr­zeug­an­hän­ger an den tech­ni­schen Fort­schritt und die dar­auf beru­hen­de ver­kehrs­recht­li­che Ein­stu­fung des Fahr­zeugs durch die Zulas­sungs­be­hör­de sind dage­gen nicht maß­geb­lich und auch nicht bin­dend 5.

Nach der Bestim­mung des § 2 Abs. 2a Satz 1 Kraft­StG gel­ten auch die in der Vor­schrift genann­ten Fahr­zeu­ge als Pkw, wenn die­se vor­ran­gig zur Per­so­nen­be­för­de­rung aus­ge­legt und gebaut sind, § 2 Abs. 2a Satz 2 Kraft­StG. Das ist ins­be­son­de­re der Fall, wenn die zur Per­so­nen­be­för­de­rung die­nen­de Boden­flä­che grö­ßer ist als die Hälf­te der gesam­ten Nutz­flä­che des Fahr­zeugs, § 2 Abs. 2a Satz 3 Kraft­StG(. Dabei kommt § 2 Abs. 2a Kraft­StG nicht die Wir­kung zu, aus­schließ­lich und abschlie­ßend zu bestim­men, wann ein Pkw vor­liegt. Aus der For­mu­lie­rung "gel­ten auch" ergibt sich viel­mehr, dass nach der Vor­schrift ledig­lich bestimm­te wei­te­re Kraft­fahr­zeu­ge als Pkw zu behan­deln sind, sofern sie nicht schon nach der all­ge­mei­nen kraft­fahr­zeug­steu­er­recht­li­chen Ein­ord­nung Pkw sind 5.

Von die­sen Rechts­grund­sät­zen und Bestim­mun­gen aus­ge­hend ist das Finanz­ge­richt Müns­ter auf­grund der dem Gericht vor­lie­gen­den Ablich­tung des streit­be­fan­ge­nen Nis­san Nava­ra und der Akten­la­ge davon über­zeugt, dass das Fahr­zeug unter Berück­sich­ti­gung der Gesamt­heit aller objek­ti­ven Beschaf­fen­heits­kri­te­ri­en als Pkw i. S. d. § 8 Nr. 1 Kraft­StG und nicht als ande­res Fahr­zeug i. S. d. § 8 Nr. 2 Kraft­StG ein­zu­stu­fen ist. Gewich­ti­ges Indiz hier­für ist, dass das Fahr­zeug der Her­stel­ler­kon­zep­ti­on nach für den Trans­port von fünf Per­so­nen geeig­net und bestimmt ist. Wei­te­res wesent­li­ches Indiz für das Vor­lie­gen eines Pkw ist, dass die Lade­flä­che – wie sie sich nach den im Her­stel­ler­pro­spekt abge­druck­ten Abmes­sun­gen und nach den Abmes­sun­gen durch den Klä­ger errech­net – nicht grö­ßer ist als die zur Per­so­nen­be­för­de­rung die­nen­de Flä­che. Bei der Berech­nung der maß­geb­li­chen Flä­chen ist nach Auf­fas­sung des Finanz­ge­richts Müns­ter die zusätz­li­che Flä­che, die sich durch Aus­klap­pen der Heck­klap­pe ergibt, nicht als Lade­flä­che i. S. d. kraft­fahr­zeug­steu­er­recht­li­chen Abgren­zungs­kri­te­ri­ums zu berück­sich­ti­gen. Denn die Heck­klap­pe bil­det nach der Grund­kon­struk­ti­on des Fahr­zeugs die Rück­wand des Lade­raums und kei­ne Boden­flä­che. Die Mög­lich­keit des Aus­klap­pens dient in ers­ter Linie dem leich­te­ren Bela­den der Lade­flä­che mit Las­ten. Der Umstand, dass bei aus­ge­klapp­ter Heck­klap­pe beson­ders lan­ge Gegen­stän­de, die über die eigent­li­che Lade­flä­che hin­aus­ra­gen, bes­ser trans­por­tiert wer­den kön­nen, ändert das äuße­re Erschei­nungs­bild des Fahr­zeugs als Pkw nicht 6.

Wei­ter führt der Umstand, dass die hin­te­re Sitz­bank umge­klappt oder aus­ge­baut wer­den kann, um so mög­li­cher­wei­se zusätz­li­che Las­ten trans­por­tie­ren zu kön­nen, nicht dazu, dass die so gewon­ne­ne Flä­che der Lade­flä­che zuzu­rech­nen ist. Denn ein sol­cher Umbau ist nicht von Dau­er und kann jeder­zeit wie­der rück­gän­gig gemacht wer­den. Anders als der Klä­ger meint, ist auch der Stau­raum hin­ter der Rück­bank nicht als Lade­flä­che zu berück­sich­ti­gen, weil die­ser von der übri­gen Lade­flä­che durch die Rück­wand der Fah­rer­ka­bi­ne abge­trennt ist. Bei der Berech­nung der für die Abgren­zung Pkw/​Lkw maß­geb­li­chen Nutz­flä­chen bil­det die Trenn­wand zwi­schen den Sit­zen und der Lade­flä­che grund­sätz­lich die Gren­ze zwi­schen der zur Per­so­nen­be­för­de­rung und der zur Las­ten­be­för­de­rung die­nen­den Boden­flä­che. Wegen der Gering­fü­gig­keit des Stau­raums hin­ter der Rück­bank besteht im Streit­fall kei­ne Ver­an­las­sung, von die­sem Grund­satz abzu­wei­chen. Schließ­lich sind nach Auf­fas­sung des Senats die Boden­flä­chen des Pedal­raums und der Mit­tel­kon­so­le der für die Per­so­nen­be­för­de­rung bestimm­ten Flä­che zuzu­rech­nen.

Wei­te­res wesent­li­ches Indiz für das Vor­lie­gen eines Pkw ist im Streit­fall die Zula­dung von 1.070 kg. Dem Klä­ger ist zwar zuzu­ge­ste­hen, dass die Zula­dung abso­lut gese­hen deut­lich höher ist als die der übli­chen zum öffent­li­chen Ver­kehr zuge­las­se­nen Pkw mit einem ein­fa­chen Kof­fer­raum. Jedoch ent­spricht die Zula­dung ledig­lich 33,33% des zuläs­si­gen Gesamt­ge­wichts. Die Zula­dung liegt damit unter der für einen Lkw typi­schen Zula­dung. So hat der BFH sogar eine Zula­dung von 34,6% nicht als außer­ge­wöhn­lich hohe, der Ver­wen­dung zum Güter­trans­port ein­deu­tig indi­zie­ren­de Zula­dung ange­se­hen 7. Auch die zuläs­si­ge Höchst­ge­schwin­dig­keit liegt mit 170 km/​h in einem für Pkw typi­schen Bereich.

Dem­ge­gen­über tre­ten die Umstän­de zurück, die dar­auf hin­deu­ten könn­ten, dass das Fahr­zeug des Klä­gers geeig­net und bestimmt ist, vor­wie­gend der Beför­de­rung von Las­ten zu die­nen. Der Fahr­kom­fort mag auf­grund der Blatt­fe­de­rung und des Lei­ter­rah­mens gerin­ger aus­fal­len als bei ande­ren Pkw. Die­ses Indiz ist jedoch weni­ger gewich­tig als die hier für einen Pkw spre­chen­den Merk­ma­le. Schließ­lich ist nicht maß­geb­lich, dass das Fahr­zeug mög­li­cher­wei­se aus­schließ­lich oder über­wie­gend zu betrieb­li­chen Zwe­cken genutzt wird. Denn es kommt auf die Eig­nung und Bestim­mung des Fahr­zeugs an, nicht jedoch auf des­sen tat­säch­li­che Ver­wen­dung 8.

Es kann dahin­ge­stellt blei­ben, so das Finanz­ge­richt Müns­ter wei­ter, ob das Fahr­zeug des Klä­gers als Gelän­de­wa­gen oder ande­res Fahr­zeug gemäß § 2 Abs. 2a Satz 1, Nr. 1 Kraft­StG oder als Mehr­zweck­fahr­zeug gem. § 2 Abs. 2a Satz 1, Nr. 2 Kraft­StG anzu­se­hen ist. Das Fahr­zeug gilt bereits nach der all­ge­mei­nen kraft­fahr­zeug­steu­er­recht­li­chen Ein­ord­nung als Pkw. Die Vor­aus­set­zun­gen des § 2 Abs. 2a Kraft­StG müs­sen dar­über hin­aus nicht vor­lie­gen, da nach der Vor­schrift ledig­lich bestimm­te wei­te­re Kraft­fahr­zeu­ge als Pkw zu behan­deln sind 5.

Finanz­ge­richt Müns­ter, Urteil vom 12. Janu­ar 2010 – 13 K 4411/​07 Kfz

  1. vgl. z. B. BFH, Beschluss vom 30.10.2008 – II B 58/​08, BFH/​NV 2009, 418[]
  2. vgl. BFH. Urteil vom 01.08.2000 – VII R 26/​99, BFHE 194, 257, BSt­Bl II 2001, 72[]
  3. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 09.04.2008 – II R 62/​07, BFHE 221, 252, BSt­Bl II 2008, 691; und vom 01.10.2008 – II R 63/​07, BFHE 222, 100, BSt­Bl II 2009, 20; BFH, Beschlüs­se vom 14.04.2008 – II B 36/​08; und vom 13.04.2007 – IX B 14/​07, BFH/​NV 2007, 1352[]
  4. BFH in BFHE 222, 100, BSt­Bl II 2009, 20 m.w.N.[]
  5. vgl. BFH in BFHE 222, 100, BSt­Bl II 2009, 20[][][]
  6. vgl. auch FG Mün­chen, Urteil vom 08.09.2004 – 4 K 3889/​04, EFG 2005, 483[]
  7. vgl. BFH, Urteil vom 08.02.2001 – VII R 73/​00, BFHE 194, 264, BSt­Bl II 2001, 368[]
  8. BFH in BFHE 221, 252, BSt­Bl II 2008, 691; BFH, Urteil vom 05.05.1998 – VII R 104/​97, BFHE 185, 515, BSt­Bl II 1998, 489[]