Grund­er­werb­steu­er – und die Anzei­ge­pflicht

Nach § 16 Abs. 5 GrEStG gel­ten die Vor­schrif­ten der Abs. 1 bis 4 des § 16 GrEStG nicht, wenn einer der in § 1 Abs. 2, 2a und 3 GrEStG bezeich­ne­ten Erwerbs­vor­gän­ge rück­gän­gig gemacht wird, der nicht ord­nungs­ge­mäß ange­zeigt war (§§ 18, 19 GrEStG).

Grund­er­werb­steu­er – und die Anzei­ge­pflicht

§ 16 Abs. 5 GrEStG dient der Siche­rung der Anzei­ge­pflich­ten aus §§ 18 und 19 GrEStG und wirkt dem Anreiz ent­ge­gen, durch Nicht­an­zei­ge einer Besteue­rung der in die­ser Vor­schrift genann­ten Erwerbs­vor­gän­ge zu ent­ge­hen 1. Ins­be­son­de­re soll die Vor­schrift den Betei­lig­ten die Mög­lich­keit neh­men, einen die­ser Erwerbs­vor­gän­ge ohne wei­te­re steu­er­li­che Fol­gen wie­der auf­he­ben zu kön­nen, sobald den Finanz­be­hör­den ein sol­ches Geschäft bekannt wird 2.

Unter Berück­sich­ti­gung die­ses Norm­zwecks ist eine Anzei­ge der Betei­lig­ten i.S. des § 16 Abs. 5 GrEStG ord­nungs­ge­mäß, wenn der Vor­gang inner­halb der in § 19 Abs. 3 GrEStG vor­ge­se­he­nen Anzei­ge­frist dem Finanz­amt in einer Wei­se bekannt wird, dass es die Ver­wirk­li­chung eines Tat­be­stands nach § 1 Abs. 2, 2a und 3 GrEStG prü­fen kann. Dazu muss die Anzei­ge die ein­wand­freie Iden­ti­fi­zie­rung von Ver­äu­ße­rer und Erwer­ber (§ 20 Abs. 1 Nr. 1 GrEStG) sowie der grund­be­sit­zen­den Gesell­schaft (§ 20 Abs. 2 GrEStG) ermög­li­chen; fer­ner müs­sen der Anzei­ge in der Regel die in § 19 Abs. 4 Satz 2 GrEStG genann­ten Abschrif­ten bei­gefügt wer­den 3.

Steu­er­schuld­ner müs­sen nach § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3a GrEStG (i.d.F. des Steu­er­än­de­rungs­ge­set­zes 2001 4) Anzei­ge erstat­ten über unmit­tel­ba­re und mit­tel­ba­re Ände­run­gen des Gesell­schaf­ter­be­stan­des einer Per­so­nen­ge­sell­schaft, die inner­halb von fünf Jah­ren zum Über­gang von 95 % der Antei­le am Gesell­schafts­ver­mö­gen auf neue Gesell­schaf­ter geführt haben, wenn zum Ver­mö­gen der Per­so­nen­ge­sell­schaft ein inlän­di­sches Grund­stück gehört (§ 1 Abs. 2a GrEStG).

Durch die­se Fas­sung des § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3a GrEStG, die auf Erwerbs­vor­gän­ge nach dem 31.12 2001 anzu­wen­den ist (§ 23 Abs. 7 Satz 1 GrEStG), soll­te klar­ge­stellt wer­den, dass mit dem Begriff "Anteil" die ver­mö­gens­mä­ßi­ge Betei­li­gung am Gesamt­hands­ver­mö­gen und nicht die Gesell­schaf­ter­stel­lung als ding­li­che Mit­be­rech­ti­gung gemeint ist 5.

Für Erwerbs­vor­gän­ge bis zum 1.01.2002 bestand die Anzei­ge­pflicht nach § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3a GrEStG a.F. für Ände­run­gen des Gesell­schaf­ter­be­stan­des in Höhe von min­des­tens 95 % der Antei­le an einer Per­so­nen­ge­sell­schaft (§ 1 Abs. 2a GrEStG). Zu § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3a GrEStG a.F. hat der BFH ent­schie­den, aus dem Klam­mer­zu­satz "§ 1 Abs. 2a" erge­be sich ein­deu­tig, dass sich die Anzei­ge­pflicht auf Rechts­ge­schäf­te bezie­he, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 1 Abs. 2a GrEStG erfül­len kön­nen 6. Dies ent­spre­che auch der Absicht des Gesetz­ge­bers, der durch die­se Vor­schrift "eine Anzei­ge­pflicht für Erwerbs­vor­gän­ge im Sin­ne des § 1 Abs. 2a GrEStG" ein­füh­ren woll­te 7. Die Anzei­ge­pflicht flan­kie­re nach der erkenn­ba­ren Absicht des Gesetz­ge­bers die Neu­fas­sung des § 1 Abs. 2a GrEStG, durch die die Über­tra­gung von Antei­len an grund­be­sit­zen­den Per­so­nen­ge­sell­schaf­ten der Grund­er­werb­steu­er unter­wor­fen wer­den soll­te, wenn sie im wirt­schaft­li­chen Ergeb­nis einer Über­tra­gung des Grund­stücks gleich­kom­me.

Ent­spre­chen­des gilt auch für die Neu­fas­sung des § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3a GrEStG für Erwerbs­vor­gän­ge nach dem 31.12 2001.

In der Lite­ra­tur wird zwar die Ein­deu­tig­keit der Norm bezwei­felt 8 und die Mei­nung ver­tre­ten, es bestehe kei­ne Anzei­ge­pflicht für Ände­run­gen in der ver­mö­gens­mä­ßi­gen Betei­li­gung eines an der Per­so­nen­ge­sell­schaft bereits betei­lig­ten Gesell­schaf­ters, selbst wenn die­se Ände­rung zur Ver­wirk­li­chung des Tat­be­stands des § 1 Abs. 2a GrEStG füh­re 9. Dem kann jedoch nicht gefolgt wer­den. § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3a GrEStG schließt mit sei­nem Wort­laut unmit­tel­bar an § 1 Abs. 2a Satz 1 GrEStG an. Dar­aus wird deut­lich erkenn­bar, dass unter Ände­run­gen des Gesell­schaf­ter­be­stan­des i.S. des § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3a GrEStG sol­che i.S. des § 1 Abs. 2a GrEStG zu ver­ste­hen sind, wobei § 1 Abs. 2a Satz 1 GrEStG für die maß­geb­li­chen Ände­run­gen durch die Ver­wen­dung des Begriffs "der­ge­stalt" auf den Über­gang von min­des­tens 95 % der Antei­le am Gesell­schafts­ver­mö­gen auf neue Gesell­schaf­ter abstellt. Die in § 1 Abs. 2a Satz 1 GrEStG gere­gel­te Ände­rung des Gesell­schaf­ter­be­stan­des ist auf­grund des Klam­mer­zu­sat­zes "§ 1 Abs. 2a" in § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3a GrEStG auch für die Anzei­ge­pflicht maß­ge­bend. Die Anzei­ge­pflicht erfasst somit die Auf­sto­ckung der Betei­li­gungs­quo­te eines neu­en Gesell­schaf­ters inner­halb von fünf Jah­ren. Es gibt kei­nen Grund dafür, ein­zel­ne Erwerbs­vor­gän­ge, die den Tat­be­stand des § 1 Abs. 2a Satz 1 GrEStG aus­lö­sen, von der Anzei­ge­pflicht aus­zu­neh­men.

Die Anzei­ge­pflicht der Betei­lig­ten ist nicht davon abhän­gig, ob und inwie­weit sie die durch einen Rechts­vor­gang aus­ge­lös­te Grund­er­werb­steu­er­pflicht erkannt haben bzw. wuss­ten, dass inso­weit eine Anzei­ge­pflicht bestand 10.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 17. Mai 2017 – II R 35/​15

  1. vgl. BFH, Urtei­le vom 03.03.2015 – II R 30/​13, BFHE 249, 212, BSt­Bl II 2015, 777, Rz 23; und vom 25.11.2015 – II R 64/​08, BFH/​NV 2016, 420, Rz 20[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 249, 212, BSt­Bl II 2015, 777, Rz 23[]
  3. BFH, Urteil in BFHE 249, 212, BSt­Bl II 2015, 777, Rz 24, m.w.N.[]
  4. vom 20.12 2001, BGBl I 2001, 3794[]
  5. BR-Drs. 399/​01, S. 55[]
  6. vgl. BFH, Urteil vom 26.02.2007 – II R 50/​06, BFH/​NV 2007, 1535, m.w.N.[]
  7. Beschluss­emp­feh­lun­gen des Finanz­aus­schus­ses zum Jah­res­steu­er­ge­setz 1997, BR-Drs. 804/​1/​96, S. 15[]
  8. Hof­mann, a.a.O., § 19 Rz 3[]
  9. vgl. Vis­korf in Borut­tau, a.a.O., § 19 Rz 23; Pahl­ke, a.a.O., § 19 Rz 5; nicht ein­deu­tig: Hei­ne in Wilms/​Jochum, Grund­er­werb­steu­er­ge­setz, § 19 Rz 25[]
  10. BFH, Urteil in BFH/​NV 2016, 420, Rz 22[]