Kauf­preis­her­ab­set­zung beim Grund­stücks­kauf – und die Anpas­sung der Grunderwerbsteuer

Die Her­ab­set­zung der Gegen­leis­tung i.S. des § 16 Abs. 3 GrEStG ermög­licht kei­ne Ände­rung der fest­ge­setz­ten Grund­er­werb­steu­er als rück­wir­ken­des Ereig­nis nach § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO.

Kauf­preis­her­ab­set­zung beim Grund­stücks­kauf – und die Anpas­sung der Grunderwerbsteuer

Ein Steu­er­be­scheid ist zu ändern, soweit ein Ereig­nis ein­tritt, das steu­er­li­che Wir­kung für die Ver­gan­gen­heit hat (rück­wir­ken­des Ereig­nis; § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO).

Zu den rück­wir­ken­den Ereig­nis­sen zäh­len alle recht­lich bedeut­sa­men Vor­gän­ge, aber auch tat­säch­li­che Lebens­vor­gän­ge, die steu­er­recht­lich ‑unge­ach­tet der zivil­recht­li­chen Wir­kun­gen- in der Wei­se Rück­wir­kung ent­fal­ten, dass nun­mehr der ver­än­der­te anstel­le des zuvor ver­wirk­lich­ten Sach­ver­halts der Besteue­rung zugrun­de zu legen ist [1]. Ein nach­träg­li­ches Ereig­nis mit steu­er­recht­li­cher Rück­wir­kung muss dem­ge­mäß zu einer Ände­rung des Sach­ver­halts füh­ren, den die Finanz­be­hör­de bei der Steu­er­fest­set­zung zugrun­de gelegt hat, und nicht nur zu einer ver­än­der­ten (recht­li­chen) Beur­tei­lung des näm­li­chen Sach­ver­halts [2].

Eine Ände­rung des nach dem Steu­er­tat­be­stand rechts­er­heb­li­chen Sach­ver­halts kann ins­be­son­de­re dann zu einer rück­wir­ken­den Ände­rung steu­er­recht­li­cher Rechts­fol­gen füh­ren, wenn Steu­er­tat­be­stän­de an einen ein­ma­li­gen Vor­gang anknüp­fen [3].

Ob einer nach­träg­li­chen Ände­rung eines Sach­ver­halts rück­wir­ken­de steu­er­recht­li­che Bedeu­tung zukommt, ob mit­hin eine sol­che Ände­rung dazu führt, dass bereits ein­ge­tre­te­ne steu­er­recht­li­che Rechts­fol­gen mit Wir­kung für die Ver­gan­gen­heit sich ändern oder voll­stän­dig ent­fal­len, bestimmt sich allein nach dem jeweils ein­schlä­gi­gen mate­ri­el­len Recht. Nach die­sem ist zu beur­tei­len, ob zum einen eine Ände­rung des ursprüng­lich gege­be­nen Sach­ver­halts den Steu­er­tat­be­stand über­haupt betrifft und ob dar­über hin­aus der nach § 38 AO bereits ent­stan­de­ne mate­ri­el­le Steu­er­an­spruch mit steu­er­recht­li­cher Rück­wir­kung noch geän­dert wer­den oder ent­fal­len kann [4].

Der Umstand, dass einem Ereig­nis ertrags­steu­er­recht­lich Rück­wir­kung zukommt, ist somit für Zwe­cke der Grund­er­werb­steu­er nicht aus­schlag­ge­bend [5].

Die Her­ab­set­zung der Gegen­leis­tung i.S. des § 16 Abs. 3 GrEStG ermög­licht nach der inso­weit zwin­gen­den gesetz­li­chen Sys­te­ma­tik kei­ne Ände­rung nach § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO. Das folgt aus § 16 Abs. 4 GrEStG und § 175 Abs. 1 Satz 2 AO und ent­spricht dem Grund­satz, dass die steu­er­recht­li­che Wir­kung für die Ver­gan­gen­heit auto­nom für das jewei­li­ge mate­ri­el­le Steu­er­ge­setz zu beur­tei­len ist [6].

§ 16 Abs. 3 GrEStG lässt als spe­zi­al­ge­setz­li­che Kor­rek­tur­vor­schrift zu § 1 GrEStG unter den dort näher auf­ge­führ­ten Vor­aus­set­zun­gen auf Antrag die Ände­rung einer Steu­er­fest­set­zung zu, wenn die Gegen­leis­tung nach Ent­ste­hung der Steu­er her­ab­ge­setzt wird. Eine nach­träg­li­che Her­ab­set­zung der Gegen­leis­tung erlaubt aber nur dann eine Ände­rung der Steu­er­fest­set­zung, wenn die Her­ab­set­zung inner­halb von zwei Jah­ren seit der Ent­ste­hung der Steu­er statt­fin­det (§ 16 Abs. 3 Nr. 1 GrEStG) oder wenn die Her­ab­set­zung (Min­de­rung) auf­grund des § 437 des Bür­ger­li­chen Gesetz­bu­ches voll­zo­gen wird (§ 16 Abs. 3 Nr. 2 GrEStG). Tritt ein Ereig­nis ein, das nach § 16 Abs. 3 GrEStG die Auf­he­bung oder Ände­rung einer Steu­er­fest­set­zung begrün­det, endet die Fest­set­zungs­frist (§§ 169 bis 171 AO) inso­weit nicht vor Ablauf eines Jah­res nach dem Ein­tritt des Ereig­nis­ses (§ 16 Abs. 4 GrEStG).

Wäre ein Ereig­nis, das nach § 16 Abs. 1 bis 3 GrEStG die Auf­he­bung oder Ände­rung einer Steu­er­fest­set­zung begrün­det, nament­lich die Her­ab­set­zung der Gegen­leis­tung, ein rück­wir­ken­des Ereig­nis i.S. des § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO, lie­fe § 16 Abs. 4 GrEStG aus­nahms­los leer. Denn mit dem Ende des Kalen­der­jah­res einer Kauf­preis­her­ab­set­zung i.S. des § 16 Abs. 3 GrEStG wür­de dann die vier­jäh­ri­ge Fest­set­zungs­ver­jäh­rung nach § 169 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 AO erneut begin­nen. Damit bedürf­te es des § 16 Abs. 4 GrEStG nicht, wonach die Fest­set­zungs­frist (§§ 169 bis 171 AO) ledig­lich nicht vor Ablauf eines Jah­res nach dem Ein­tritt des Ereig­nis­ses endet. Eine Aus­le­gung, mit der eine gesetz­li­che Vor­schrift jeg­li­chen Anwen­dungs­be­reich ver­lö­re, wider­sprä­che der gesetz­li­chen Sys­te­ma­tik, kann von Geset­zes wegen nicht gewollt sein und wäre offen­kun­dig unzu­tref­fend [7].

Daher war eine Ände­rung des Grund­er­werb­steu­er­be­scheids im hier ent­schie­de­nen Fall nicht mög­lich, da die Her­ab­set­zung des Kauf­prei­ses durch nota­ri­ell beur­kun­de­ten Ver­gleich kein rück­wir­ken­des Ereig­nis i.S. die­ser Vor­schrift dar­stellt. Die Ände­rung des Bescheids konn­te auch nicht auf § 16 Abs. 3 Nr. 1 oder Nr. 2 GrEStG gestützt wer­den, da der für § 16 Abs. 3 GrEStG not­wen­di­gen Antrag nicht inner­halb der Fest­set­zungs­frist gestellt wur­de. Ein spä­te­rer Ablauf der Fest­set­zungs­frist ergibt sich auch nicht aus § 16 Abs. 4 GrEStG, da die Her­ab­set­zung des Kauf­prei­ses durch den nota­ri­ell beur­kun­de­ten Ver­gleich sowie die Rück­zah­lung des antei­li­gen Kauf­prei­ses noch inner­halb der Fest­set­zungs­frist erfolg­ten und die Jah­res­frist noch inner­halb der regu­lä­ren Fest­set­zungs­frist ablief. Der gestell­te Antrag war verspätet.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 22. Juli 2020 – II R 15/​18

Kaufpreisherabsetzung beim Grundstückskauf - und die Anpassung der Grunderwerbsteuer
  1. BFH, Urteil vom 12.05.2016 – II R 39/​14, BFHE 255, 286, BStBl II 2017, 63, Rz 18, m.w.N.[]
  2. vgl. BFH, Urtei­le vom 17.05.2017 – II R 60/​15, BFH/​NV 2017, 1299, Rz 17; und vom 12.03.2019 – IX R 2/​18, BFH/​NV 2019, 1073, Rz 22, jeweils m.w.N.[]
  3. BFH, Beschluss vom 19.07.1993 – GrS 2/​92, BFHE 172, 66, BStBl II 1993, 897, unter C.II. 1.d; BFH, Urteil vom 11.07.2019 – II R 36/​16, BFHE 265, 430, BStBl II 2020, 391, Rz 24[]
  4. BFH, Urtei­le in BFHE 255, 286, BStBl II 2017, 63, Rz 18; in BFH/​NV 2017, 1299, Rz 20; in BFH/​NV 2019, 1073, Rz 22, und in BFHE 265, 430, BStBl II 2020, 391, Rz 24, jeweils m.w.N.[]
  5. vgl. BFH, Beschluss vom 04.11.2019 – II B 48/​19, BFH/​NV 2020, 182, Rz 13[]
  6. vgl. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2020, 182, Rz 16[]
  7. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2020, 182, Rz 19[]

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