Milch­quo­ten-Rück­über­tra­gung auf den Ver­päch­ter

Hat ein Erzeu­ger wäh­rend eines Zwölf­mo­nats­zeit­raums Milch an eine Mol­ke­rei gelie­fert und dadurch von sei­ner Refe­renz­men­ge Gebrauch gemacht, kann nach Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs in dem­sel­ben Zwölf­mo­nats­zeit­raum weder von ihm noch von einem ande­ren Erzeu­ger auf die so aus­ge­nutz­te Refe­renz­men­ge Milch abga­ben­frei gelie­fert wer­den. Die Über­tra­gung einer bereits aus­ge­nutz­ten Refe­renz­men­ge kann das Recht zur abga­ben­frei­en Milch­lie­fe­rung in dem betref­fen­den Zwölf­mo­nats­zeit­raum nicht wie­der auf­le­ben las­sen.

Milch­quo­ten-Rück­über­tra­gung auf den Ver­päch­ter

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten zu zwei damit Zwei­fels­fra­gen aus dem Bereich der Milch­quo­te ange­ru­fen.

Zu ent­schei­den ist zum einen die Fra­ge, in wel­chem Umfang einem Milch­er­zeu­ger die Milch­quo­te zuzu­rech­nen ist, wenn er für einen Teil des Milch­wirt­schafts­jah­res sei­nen Betrieb an einen ande­ren Land­wirt ver­pach­tet hat­te, von die­sem auf die Milch­quo­te Milch gelie­fert wor­den ist, der Ver­päch­ter dann jedoch wie­der selbst die Milch­pro­duk­ti­on über­nom­men hat und nun am Ende des Milch­wirt­schafts­jah­res (31. März) zu einer Milch­ab­ga­be her­an­ge­zo­gen wer­den soll, weil in dem betref­fen­den Jahr ins­ge­samt mehr Milch gelie­fert wor­den ist, als die für die­ses Jahr fest­ge­setz­te Milch­quo­te es zuließ. In die­sem Fal­le wird der Ver­päch­ter zwar grund­sätz­lich eine Milch­ab­ga­be für die Men­ge Milch schul­dig, die er über die (vom Päch­ter teil­wei­se bereits belie­fer­te und dadurch ver­brauch­te) Milch­quo­te hin­aus pro­du­ziert und an sei­ne Mol­ke­rei gelie­fert hat. Die von ihm über die Milch­quo­te hin­aus pro­du­zier­te Milch­men­ge darf aller­dings mit den Men­gen gegen­ge­rech­net wer­den, die von ande­ren Milch­bau­ern weni­ger, als ihnen ihre Milch­quo­te gestat­tet hät­te, an die Mol­ke­rei gelie­fert wor­den sind (sog. Sal­die­rung von Unter- und Über­lie­fe­run­gen).

Nach Auf­fas­sung des BFH zwei­fel­haft und des­halb vom EuGH zu ent­schei­den sei bei die­ser Sach­la­ge, ob bei der erfor­der­li­chen pro­por­tio­na­len Auf­tei­lung der zu wenig pro­du­zier­ten Milch­men­gen auf die­je­ni­gen Land­wir­te, die zu viel pro­du­ziert haben, zuguns­ten des Ver­päch­ters die gesam­te Milch­quo­te sei­nes Betrie­bes als Auf­tei­lungs­maß­stab zu berück­sich­ti­gen ist oder nur der Teil sei­ner Quo­te, den er nach Been­di­gung der Pacht noch selbst belie­fern konn­te, weil der Päch­ter inso­weit noch kei­ne Milch gelie­fert hat­te.

Die­se Fra­ge ist in den ein­schlä­gi­gen Vor­schrif­ten nicht ein­deu­tig gere­gelt. Die Milch­markt­ord­nung weist bekannt­lich jedem Erzeu­ger eine bestimm­te Milch­quo­te zu, um die hoch sub­ven­tio­nier­te Milch­pro­duk­ti­on in der Euro­päi­schen Gemein­schaft zu begren­zen. Wer mehr Milch pro­du­ziert, muss dar­auf eine hohe Abga­be zah­len. Wird der Betrieb ver­pach­tet, geht das Recht zur abga­ben­frei­en Milch­pro­duk­ti­on auf den Päch­ter über. Auf eine Milch­quo­te, auf die die­ser Milch gelie­fert hat, kann nach Pach­ten­de der Ver­päch­ter unstrei­tig nur noch in dem Umfang Milch abga­be­frei lie­fern, in dem nicht bereits der Päch­ter von der Quo­te Gebrauch gemacht hat. Kann aber eine sol­che teil­wei­se für Milch­pro­duk­ti­on „ver­brauch­te“ Quo­te des­halb über­haupt nicht mehr auf einen ande­ren über­ge­hen, auch nicht, damit die­ser von ande­ren durch die Quo­te ver­mit­tel­ten Rechts­vor­tei­len Gebrauch machen kann? Einen sol­chen Rechts­vor­teil hät­te eine hohe Quo­te für ihren Inha­ber im Sal­die­rungs­ver­fah­ren: ihm wür­de ein ent­spre­chend hoher Anteil an den Unter­lie­fe­run­gen ande­rer Milch­er­zeu­ger gut­ge­schrie­ben und er müss­te inso­weit folg­lich trotz Über­lie­fe­rung sei­ner Quo­te kei­ne oder doch weni­ger Milch­ab­ga­be zah­len. Wür­de er hin­ge­gen nur mit dem von ihm belie­fer­ten Teil der Quo­te an der Sal­die­rung betei­ligt, fie­le die­ser Vor­teil ent­spre­chend gerin­ger aus.

Ein ähn­li­ches Pro­blem stellt sich bei der Bemes­sung der sog. Milch­prä­mie, die den Milch­er­zeu­gern einen pro­duk­ti­ons­un­ab­hän­gi­gen Aus­gleich für Ein­nah­me­aus­fäl­le gewäh­ren soll. Daher hat der BFH auch hier­zu eine Anfra­ge nach Arti­kel 234 des EG Ver­tra­ges an den EuGH gerich­tet: Muss dem Ver­päch­ter ent­spre­chend der Quo­te des Betrie­bes oder nur ent­spre­chend sei­nem Anteil an der Jah­res­milch­pro­duk­ti­on des Betrie­bes eine Milch­prä­mie gewährt wer­den?

Dem EuGH wer­den fol­gen­de Fra­gen vor­ge­legt:

  1. Ist das Gemein­schafts­recht, ins­be­son­de­re Art. 5 Buchst. k VO Nr. 1788/​2003 über die Erhe­bung einer Abga­be im Milch­sek­tor, dahin zu ver­ste­hen, dass die Refe­renz­men­ge eines Erzeu­gers, der einen Betrieb wäh­rend eines lau­fen­den Zwölf­mo­nats­zeit­raums von einem ande­ren Erzeu­ger über­nom­men hat, nicht die Men­ge umfasst, auf die wäh­rend des betref­fen­den Zwölf­mo­nats­zeit­raums von jenem ande­ren Erzeu­ger vor dem Betriebs­über­gang Milch gelie­fert wor­den ist?
  2. Ste­hen Rege­lun­gen des Gemein­schafts­rechts oder all­ge­mei­ne Grund­sät­ze der gemein­sa­men Markt­or­ga­ni­sa­ti­on für Milch und Milch­er­zeug­nis­se einer Rege­lung des natio­na­len Rechts ent­ge­gen, die im Rah­men der in Art. 10 Abs. 3 VO Nr. 1788/​2003 vor­ge­se­he­nen Sal­die­rung des unge­nutz­ten Anteils der ein­zel­staat­li­chen Refe­renz­men­ge mit Über­lie­fe­run­gen in dem in der ers­ten Fra­ge zugrun­de geleg­ten Fall den Erzeu­ger, der den Betrieb wäh­rend des Zwölf­mo­nats­zeit­raums über­nom­men hat, auch mit dem von dem ande­ren Erzeu­ger belie­fer­ten Teil der Refe­renz­men­ge an der Zutei­lung jenes Anteils teil­neh­men lässt?
    (VII R 23,24/08)
  3. Ist das Gemein­schafts­recht, ins­be­son­de­re Art. 5 Buchst. k VO Nr. 1788/​2003 über die Erhe­bung einer Abga­be im Milch­sek­tor, dahin zu ver­ste­hen, dass die Refe­renz­men­ge eines Erzeu­gers in dem Zwölf­mo­nats­zeit­raum, in wel­chem ihm von einem ande­ren Erzeu­ger eine Refe­renz­men­ge über­tra­gen wor­den ist, nicht die Men­ge umfasst, auf die wäh­rend des betref­fen­den Zwölf­mo­nats­zeit­raums von jenem ande­ren Erzeu­ger bereits Milch gelie­fert wor­den ist?
    (VII R 44/​07)

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschlüs­se vom 31.03.09 – VII R 23, 24/​08 und VII R 44/​07