Ver­brauchs­steu­ern und der Grund­satz der Rechts­si­cher­heit in der Euro­päi­schen Uni­on

Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on hat die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on für nich­tig erklärt, mit der die Rück­erstat­tung der von Frank­reich, Irland und Ita­li­en für die Ton­er­de­ge­win­nung gewähr­ten und vom Rat geneh­mig­ten Steu­er­be­frei­un­gen ange­ord­net wur­de. Denn, so das EuG, Uni­ons­rechts­ak­te dür­fen sich nicht wider­spre­chen und müs­sen dem Grund­satz der Rechts­si­cher­heit genü­gen.

Ver­brauchs­steu­ern und der Grund­satz der Rechts­si­cher­heit in der Euro­päi­schen Uni­on

Ton­er­de (Alu­mi­ni­um­oxid) ist ein wei­ßes Pul­ver, das aus Bau­xit gewon­nen und haupt­säch­lich zur Alu­mi­ni­um­her­stel­lung, dane­ben auch für che­mi­sche Zwe­cke ver­wen­det wird. Bei ihrer Gewin­nung wird als Brenn­stoff vor allem Mine­ral­öl ein­ge­setzt. In Irland, Ita­li­en und Frank­reich gibt es jeweils nur einen Ton­er­de­her­stel­ler: die Aughi­nish Alu­mi­na Ltd in der Regi­on Shan­non, die Eural­lu­mi­na SpA auf Sar­di­ni­en und die Alcan Inc. in der Regi­on Gard­an­ne. Ton­er­de­her­stel­ler gibt es auch in Deutsch­land, in Spa­ni­en, in Grie­chen­land, in Ungarn und im Ver­ei­nig­ten König­reich.

Mit den euro­päi­schen Rechts­vor­schrif­ten 1, die seit 1992 in Kraft sind, wer­den die Ver­brauch­steu­ern auf Mine­ral­öle har­mo­ni­siert und wird ein Min­dest­ver­brauch­steu­er­satz für schwe­res Heiz­öl fest­ge­legt; zugleich wird der Rat ermäch­tigt, den Mit­glied­staa­ten zu gestat­ten, wei­te­re Befrei­un­gen von der har­mo­ni­sier­ten Ver­brauch­steu­er zu gewäh­ren.

Auf die­ser Grund­la­ge gewähr­ten eini­ge Mit­glied­staa­ten – Irland, Ita­li­en und Frank­reich – ab 1983, 1993 bzw. 1997 Befrei­un­gen von der Ver­brauch­steu­er auf Mine­ral­öle, die für die Ton­er­de­ge­win­nung ver­wen­det wur­den. Der Rat geneh­mig­te die­se Befrei­un­gen und ver­län­ger­te sie bis zum 31. Dezem­ber 2006, zuletzt mit der Ent­schei­dung 2001/​224 des Rates vom 12. März 2001 2.

Die EU-Kom­mis­si­on stell­te spä­ter jedoch fest, dass die­se Maß­nah­men den begüns­tig­ten Unter­neh­men einen Vor­teil ver­schaff­ten – weil sie aus staat­li­chen Mit­teln finan­ziert wor­den sei­en –, selek­tiv sei­en, den Wett­be­werb ver­fälsch­ten und den Bin­nen­markt beein­träch­tig­ten. Sie erließ daher 2005 eine Ent­schei­dung 3, der zufol­ge die von Frank­reich, Irland und Ita­li­en (bis zum 31. Dezem­ber 2003 gewähr­ten Befrei­un­gen von der Ver­brauch­steu­er auf schwe­re Heiz­öle, die zur Ton­er­de­ge­win­nung ver­wen­det wer­den, staat­li­che Bei­hil­fen im Sin­ne von Art. 87 Abs. 1 EG dar­stell­ten. Auf­grund der wesent­li­chen Ände­run­gen der gemein­schaft­li­chen Besteue­rung von Ener­gie­er­zeug­nis­sen durch die Richt­li­nie 2003/​96/​EWG des Rates vom 27. Okto­ber 2003 zur Restruk­tu­rie­rung der gemein­schaft­li­chen Rah­men­vor­schrif­ten zur Besteue­rung von Ener­gie­er­zeug­nis­sen und elek­tri­schem Strom 4, mit der die Richt­li­nie 92/​82 mit Wir­kung zum 31. Dezem­ber 2003 auf­ge­ho­ben wur­de, beschränk­te die EU-Kom­mis­si­on ihre Ent­schei­dung auf die Zeit bis zum 31. Dezem­ber 2003.

Die Kom­mis­si­on ent­schied aller­dings, dass die bis zum 2. Febru­ar 2002 (dem Tag, an dem die Ent­schei­dun­gen der Kom­mis­si­on über die Ein­lei­tung eines Ver­fah­rens wegen der Befrei­un­gen im Amts­blatt ver­öf­fent­licht wur­den 5) gewähr­ten Bei­hil­fen zwar mit dem Gemein­sa­men Markt unver­ein­bar, aber nicht zurück­zu­for­dern sei­en, da eine Rück­for­de­rung gegen die Grund­sät­ze des Ver­trau­ens­schut­zes und der Rechts­si­cher­heit ver­sto­ßen wür­de, im Übri­gen hat­te die Kom­mis­si­on für die Zeit vor dem 17. Juli 1990 im Bereich der Rück­for­de­rung kei­ne Befug­nis­se mehr. Die vom 3. Febru­ar 2002 bis zum 31. Dezem­ber 2003 gewähr­ten Bei­hil­fen sei­en hin­ge­gen inso­weit mit dem Gemein­sa­men Markt unver­ein­bar, als die Begüns­tig­ten kei­nen Steu­er­satz von 13,01 Euro je 1 000 kg schwe­res Heiz­öl (Min­dest­satz gemäß den Rechts­vor­schrif­ten von 1992) gezahlt hät­ten; die Mit­glied­staa­ten sei­en ver­pflich­tet, sie von den Emp­fän­gern zurück­zu­for­dern.

Frank­reich, Irland und Ita­li­en erho­ben 2006 beim Gericht ers­ter Instanz der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten Kla­ge. Eine sol­che Nich­tig­keits­kla­ge dient dazu, uni­ons­rechts­wid­ri­ge Hand­lun­gen der Uni­ons­or­ga­ne für nich­tig erklä­ren zu las­sen. Sie kann unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen von Mit­glied­staa­ten, Orga­nen der Uni­on oder Ein­zel­nen beim Gerichts­hof oder beim Gericht erho­ben wer­den. Ist die Kla­ge begrün­det, wird die Hand­lung für nich­tig erklärt. Das betref­fen­de Organ hat eine durch die Nich­tig­erklä­rung der Hand­lung etwa ent­ste­hen­de Rege­lungs­lü­cke zu schlie­ßen.

Das Gericht ers­ter Instanz der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten erklär­te dar­auf­hin die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on von 2005 wegen eines Ver­sto­ßes gegen die Begrün­dungs­pflicht für nich­tig 6.

Auf das von der Kom­mis­si­on ein­ge­leg­te Rechts­mit­tel hin hob der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Jahr 2009 das Urteil des Gerichts ers­ter Instanz wegen eines Ver­sto­ßes gegen den Grund­satz des kon­tra­dik­to­ri­schen Ver­fah­rens und wegen Ver­let­zung der Ver­tei­di­gungs­rech­te auf und ver­wies die Rechts­sa­chen an das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on zurück 7.

Über die­se Rechts­sa­chen ent­schied das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on jetzt. Die Klä­ger machen gel­tend, die Kom­mis­si­on habe die Rechts­wir­kun­gen der Ent­schei­dun­gen des Rates zunich­te gemacht, mit denen die Mit­glied­staa­ten ermäch­tigt wor­den sei­en, die Befrei­un­gen bis zum 31. Dezem­ber 2006 zu gewäh­ren; sie habe dadurch gegen den Grund­satz der Rechts­si­cher­heit ver­sto­ßen.

Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on weist zunächst dar­auf hin, dass der Grund­satz der Rechts­si­cher­heit die Vor­aus­seh­bar­keit der unter das Uni­ons­recht fal­len­den Tat­be­stän­de und Rechts­be­zie­hun­gen gewähr­leis­ten soll. Hier­zu ist es wesent­lich, dass die Uni­ons­or­ga­ne die Unan­tast­bar­keit der von ihnen erlas­se­nen Rechts­ak­te wah­ren und Wider­sprü­che zwi­schen den ver­schie­de­nen Bestim­mun­gen, die sie erlas­sen, ver­mei­den.

Mit den Vor­schrif­ten zur Har­mo­ni­sie­rung der Steu­er­vor­schrif­ten und den Bestim­mun­gen über staat­li­che Bei­hil­fen wird ein und das­sel­be Ziel ver­folgt, näm­lich die För­de­rung des rei­bungs­lo­sen Funk­tio­nie­rens des Bin­nen­markts durch Bekämp­fung u. a. von Wett­be­werbs­ver­zer­run­gen. In Anbe­tracht die­ses gemein­sa­men Ziels ist bei der kohä­ren­ten Durch­füh­rung die­ser ver­schie­de­nen Vor­schrif­ten davon aus­zu­ge­hen, dass der Begriff der Wett­be­werbs­ver­zer­rung im Bereich der Har­mo­ni­sie­rung der natio­na­len Steu­er­vor­schrif­ten und im Bereich der staat­li­chen Bei­hil­fen die­sel­be Trag­wei­te und Bedeu­tung hat. Die Uni­ons­or­ga­ne müs­sen bei der Ent­schei­dung, ob sie eine Befrei­ung von der har­mo­ni­sier­ten Ver­brauch­steu­er gewäh­ren, daher kohä­rent beur­tei­len, ob eine Wett­be­werbs­ver­zer­rung vor­liegt.

Wenn die Kom­mis­si­on eine sol­che Wett­be­werbs­ver­zer­rung fest­stellt, hat sie dem Rat vor­zu­schla­gen, die Befrei­ung nicht zu geneh­mi­gen oder sie zu ent­zie­hen oder abzu­än­dern – was sie im vor­lie­gen­den Fall nicht getan hat. Im Übri­gen hät­te sie auch die Uni­ons­ge­rich­te anru­fen kön­nen, um prü­fen zu las­sen, ob die­se Befrei­ung im Rah­men des Funk­tio­nie­rens des Bin­nen­markts zu einer Wett­be­werbs­ver­zer­rung führt, und hät­te die Nich­tig­erklä­rung der Ent­schei­dung des Rates bean­tra­gen kön­nen.

Solan­ge die Ent­schei­dung des Rates in Kraft war und weder geän­dert noch für nich­tig erklärt wor­den war, durf­te die Kom­mis­si­on die strei­ti­gen Befrei­un­gen jeden­falls nicht als staat­li­che Bei­hil­fen ein­stu­fen, da dies zu einer wider­sprüch­li­chen Durch­füh­rung der Vor­schrif­ten zur Har­mo­ni­sie­rung der Steu­er­vor­schrif­ten und der Bestim­mun­gen im Bereich staat­li­cher Bei­hil­fen führ­te und gegen den Grund­satz der Rechts­si­cher­heit ver­stieß.

Das Euro­päi­sche Gericht erklärt die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on daher inso­weit für nich­tig, als sie auf der Fest­stel­lung beruht, dass die von Frank­reich, Irland und Ita­li­en gewähr­ten Befrei­un­gen von der Ver­brauch­steu­er auf Mine­ral­öle, die als Brenn­stoff zur Ton­er­de­ge­win­nung ver­wen­det wer­den, staat­li­che Bei­hil­fen dar­stel­len, und mit ihr ange­ord­net wird, dass die Mit­glied­staa­ten sie von ihren Emp­fän­gern zurück­zu­for­dern haben, soweit die­se nicht eine Ver­brauch­steu­er von 13,01 Euro je 1 000 kg schwe­res Heiz­öl gezahlt haben.

Gericht der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 21. März 2012 – T‑50/​06 RENV, T‑56/​06 RENV, T‑60/​06 RENV, T‑62/​06 RENV und T‑69/​06 RENV
[Irland/​Kommission, Frankreich/​Kommission, Italien/​Kommission, Eural­lu­mi­na SpA/​Kommission, Aughi­nish Alu­mi­na Ltd/​Kommission]

  1. Richt­li­ni­en 92/​81/​EWG des Rates vom 19. Okto­ber 1992 zur Har­mo­ni­sie­rung der Struk­tur der Ver­brauch­steu­ern auf Mine­ral­öle (ABl. L 316, S. 12) und 92/​82/​EWG des Rates vom 19. Okto­ber 1992 zur Annä­he­rung der Ver­brauch­steu­er­sät­ze für Mine­ral­öle (ABl. L 316, S. 19).[]
  2. ABl. L 84, S. 23[]
  3. EU-Kom­mis­si­on, Ent­schei­dung 2006/​232/​EG vom 07.12.2005 über die Befrei­ung von der Ver­brauch­steu­er auf Mine­ral­öle, die als Brenn­stoff zur Ton­er­de­ge­win­nung in den Regio­nen Gard­an­ne und Shan­non und auf Sar­di­ni­en ver­wen­det wer­den, durch Frank­reich, Irland und Ita­li­en, ABl. 2006, L 119, S. 12.[]
  4. ABl. L 283, S. 51[]
  5. Kom­mis­si­on, Ent­schei­dung 2006/​323/​EG, 101. Erwä­gungs­grund[]
  6. EuG, Urteil vom 12.12.2007 – T‑50/​06, T‑56/​06, T‑62/​06, T‑62/​06 und T‑69/​06 [Irland u. a./Kommission][]
  7. EuGH, Urteil vom 02.12.2009 – C89/​08 P [Kommission/​Irland][]