Zweit­woh­nungsteu­er – und der Beur­tei­lungs­spiel­raum der Gemein­de

Die Zweit­woh­nungsteu­er ist nicht gleich­ar­tig mit der Ver­mö­gen­steu­er, weil die­se auf eine ande­re Quel­le wirt­schaft­li­cher Leis­tungs­fä­hig­keit zugreift 1.

Zweit­woh­nungsteu­er – und der Beur­tei­lungs­spiel­raum der Gemein­de

Auf einen Schät­zungs­spiel­raum, der im Abga­ben­recht einer Behör­de ein­ge­räumt wird, ist der Rechts­ge­dan­ke des § 114 Satz 2 VwGO ent­spre­chend anzu­wen­den mit der Fol­ge, dass ein Nach­schie­ben von Grün­den, sofern es mate­ri­ell- und ver­wal­tungs­ver­fah­rens­recht­lich zuläs­sig ist, nicht an pro­zes­sua­len Hin­der­nis­sen schei­tert.

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall ent­hielt die Sat­zung der Gemein­de über die Erhe­bung einer Zweit­woh­nungsteu­er (ZwStS) u.a. fol­gen­de Rege­lung:

§ 3 Steu­er­maß­stab

Die Steu­er wird nach dem jähr­li­chen Miet­auf­wand berech­net.

Der jähr­li­che Miet­auf­wand ist das Gesamt­ent­gelt, das der Steu­er­schuld­ner für die Benut­zung der Woh­nung auf­grund ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­run­gen nach dem Stand im Zeit­punkt der Ent­ste­hung der Steu­er­schuld für ein Jahr zu ent­rich­ten hat (Jah­res­roh­mie­te).

Statt des Betra­ges nach Absatz 2 gilt als jähr­li­cher Miet­auf­wand die übli­che Mie­te für sol­che Woh­nun­gen, die eigen­ge­nutzt, unge­nutzt, zu vor­über­ge­hen­dem Gebrauch oder unent­gelt­lich über­las­sen sind. Die übli­che Mie­te wird in Anleh­nung an die Jah­res­roh­mie­te geschätzt, die für Räu­me glei­cher oder ähn­li­cher Art, Lage und Aus­stat­tung regel­mä­ßig gezahlt wird.

Die Vor­schrif­ten des § 79 Abs. 1 des Bewer­tungs­ge­set­zes i.d.F. vom 26.09.1974 2 fin­den ent­spre­chen­de Anwen­dung."

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt bil­lig­te die­se Bestim­mung in der Baden-Bade­ner Sat­zung:

Danach ist die Zweit­woh­nungsteu­er nicht gleich­ar­tig mit der Ver­mö­gen­steu­er, weil die­se auf eine ande­re Quel­le wirt­schaft­li­cher Leis­tungs­fä­hig­keit zugreift. Sie zielt nicht auf die Ein­kom­mens­ver­wen­dung ab, son­dern auf die im Ver­mö­gen lie­gen­de poten­ti­el­le Ertrags­kraft und das dar­aus flie­ßen­de fun­dier­te Ein­kom­men 3. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, das sich bereits wie­der­holt mit Fra­gen der Zweit­woh­nungsteu­er befasst hat 4, hat auch nach sei­ner die Ver­mö­gen­steu­er betref­fen­den Ent­schei­dung vom 22. Juli 1995 5 an der ver­fas­sungs­recht­li­chen Zuläs­sig­keit der Zweit­woh­nungsteu­er als ört­li­che Auf­wand­steu­er im Sin­ne des Art. 105 Abs. 2a Satz 1 GG fest­ge­hal­ten. Sie soll die in der Ein­kom­mens­ver­wen­dung für den per­sön­li­chen Lebens­be­darf zum Aus­druck kom­men­de wirt­schaft­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit des Steu­er­schuld­ners tref­fen.

Der Kon­sum als Auf­wand ist typi­scher­wei­se Aus­druck und Indi­ka­tor der wirt­schaft­li­chen Leis­tungs­fä­hig­keit. Ob der Auf­wand im Ein­zel­fall die Leis­tungs­fä­hig­keit über­schrei­tet, ist für die Steu­er­pflicht uner­heb­lich. Eine Ein­kom­mens­ver­wen­dung für den per­sön­li­chen Lebens­be­darf liegt ins­be­son­de­re dann vor, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge – wie vor­lie­gend auch die Klä­ge­rin – die Zweit­woh­nung selbst bewohnt 6.

Dabei ist für das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt auch kein grund­sätz­li­cher Klä­rungs­be­darf in Bezug auf Abschrei­bun­gen und Auf­wen­dun­gen, die im Fal­le der Ver­mie­tung einer Zweit­woh­nung anfal­len, ersicht­lich. Die Zweit­woh­nungsteu­er ist im Übri­gen auch nicht gleich­ar­tig mit der Grund­steu­er, weil auch inso­weit unter­schied­li­che Quel­len wirt­schaft­li­cher Leis­tungs­fä­hig­keit erschlos­sen wer­den 7; glei­ches gilt für die von der Beschwer­de erwähn­te Abgel­tungs­steu­er.

Es ist in der Recht­spre­chung geklärt, dass die "Erdros­se­lungs­gren­ze" eine äußers­te Schran­ke der Besteue­rung dar­stellt 8. Die Fra­ge, ab wel­cher Höhe eine kom­mu­na­le Auf­wand­steu­er erdros­seln­de Wir­kung ent­fal­tet, kann aber nur auf­grund einer dem Tatrich­ter vor­be­hal­te­nen Fest­stel­lung und Wür­di­gung der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se beant­wor­tet wer­den. Es han­delt sich daher um eine Tat­sa­chen­fra­ge, die sich einer grund­sätz­li­chen Klä­rung im Revi­si­ons­ver­fah­ren ent­zieht 9. Bei der Tat­sa­chen­wür­di­gung kann der Umstand eine Rol­le spie­len, dass in einer Gemein­de – wie nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts auch im Fal­le der Klä­ge­rin – eine beacht­li­che Zahl von Zweit­woh­nungs­in­ha­bern zur Zweit­woh­nungsteu­er ver­an­lagt wird und sich die­se Zahl in den letz­ten Jah­ren noch erhöht hat 10.

Der Gemein­de ist nach ihrer Sat­zung weder bei der Fest­set­zung der Zweit­woh­nungsteu­er (vgl. § 1 ZwStS) noch bei der Anwen­dung des Steu­er­maß­stabs (hier: Schät­zung der übli­chen Mie­te in Anleh­nung an die Jah­res­roh­mie­te nach § 3 Abs. 3 Satz 2 ZwStS) ein Ermes­sen ein­ge­räumt. Ihr wird aller­dings nach der inso­weit maß­geb­li­chen mate­ri­ell-recht­li­chen Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts – auf der Tat­be­stands­sei­te der Norm – ein Schät­zungs­spiel­raum, mit­hin ein Beur­tei­lungs­spiel­raum zuge­bil­ligt. Inso­weit ist – unab­hän­gig von der Fra­ge, ob sich der Anwen­dungs­be­reich von § 114 VwGO auch auf Beur­tei­lungs­er­mäch­ti­gun­gen erstreckt 11 – der Rechts­ge­dan­ke des § 114 Satz 2 VwGO ent­spre­chend anzu­wen­den 12.

Nach dem Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 20.06.2013 13 bestimmt sich die Fra­ge der Zuläs­sig­keit des Nach­schie­bens von Ermes­sens­er­wä­gun­gen nach dem mate­ri­el­len Recht und dem Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­recht. Neue Grün­de für einen Ver­wal­tungs­akt dür­fen nach dem all­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­recht nur nach­ge­scho­ben wer­den, wenn sie schon bei Erlass des Ver­wal­tungs­akts vor­la­gen, die­ser nicht in sei­nem Wesen ver­än­dert und der Betrof­fe­ne nicht in sei­ner Rechts­ver­tei­di­gung beein­träch­tigt wird 14. Kommt danach ein Nach­schie­ben von Grün­den in Betracht, muss die Behör­de im Hin­blick auf das Bestimmt­heits­ge­bot unmiss­ver­ständ­lich deut­lich machen, ob und inwie­weit – über ein nur pro­zes­sua­les Ver­tei­di­gungs­vor­brin­gen hin­aus – der Ver­wal­tungs­akt selbst geän­dert wer­den soll 15. Aus § 114 Satz 2 VwGO erge­ben sich kei­ne wei­ter­ge­hen­den Anfor­de­run­gen. Die­se Vor­schrift regelt nicht die Vor­aus­set­zun­gen für die mate­ri­ell-recht­li­che und ver­wal­tungs­ver­fah­rens­recht­li­che Zuläs­sig­keit des Nach­schie­bens von Ermes­sens­er­wä­gun­gen, son­dern betrifft nur deren Gel­tend­ma­chung im Pro­zess. Ihr Zweck ist es, klar­zu­stel­len, dass ein mate­ri­ell- und ver­wal­tungs­ver­fah­rens­recht­lich zuläs­si­ges Nach­ho­len von Ermes­sens­er­wä­gun­gen nicht an pro­zes­sua­len Hin­der­nis­sen schei­tert 16.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 15. Mai 2014 – 9 B 57.2013 -

  1. vgl. BFH, Urteil vom 05.03.1997 – II R 28.95 – BFHE 182, 243[]
  2. BGBl. I, S. 2369[]
  3. BFH, Urteil vom 05.03.1997 – II R 28.95 – BFHE 182, 243 – unter Hin­weis auf BVerfG, Beschluss vom 12.10.1976 – 1 BvR 2328/​73, BVerfGE 43, 1, 7[]
  4. grund­le­gend BVerfG, Beschluss vom 06.12 1983 – 2 BvR 1275/​79, BVerfGE 65, 325[]
  5. BVerfG, Beschluss vom 22.06.1995 – 2 BvL 37/​91, BVerfGE 93, 121[]
  6. BVerfG, stRspr, vgl. nur BVerfG, Beschlüs­se vom 11.10.2005 – 1 BvR 1232/​00, 1 BvR 2627/​03, BVerfGE 114, 316, 334 sowie jüngst vom 15.01.2014 – 1 BvR 1656/​09 46 f.[]
  7. BVerfG, Beschluss vom 06.12 1983 a.a.O. S. 353[]
  8. vgl. nur BVerwG, Beschluss vom 07.01.1998 – 8 B 228.97, Buch­holz 401.68 Ver­gnü­gungs­steu­er Nr. 32 S. 25 sowie Urteil vom 10.12 2009 – 9 C 12.08, Buch­holz 401.68 Ver­gnü­gungs­steu­er Nr. 47 = BVerw­GE 135, 367 Rn. 45 – jeweils zur Ver­gnü­gungs­steu­er[]
  9. s. auch Beschluss vom 25.03.2010 – 9 B 74.09 5 – zur Hun­de­steu­er[]
  10. BVerfG, Beschluss vom 15.01.2014 a.a.O. Rn. 51; vgl. auch BVerwG, Urteil vom 10.12 2009 a.a.O. Rn. 46[]
  11. vgl. zum Mei­nungs­stand Wolff, in: Sodan/​Ziekow, VwGO, 3. Aufl.2010, § 114 Rn. 39 m.w.N.[]
  12. vgl. BVerwG, Beschluss vom 16.12 2008 – 1 WB 19.08, BVerw­GE 133, 13 Rn. 46[]
  13. BVerwG, Urteil vom 20.06.2013 – 8 C 46.12, BVerw­GE 147, 81[]
  14. BVerwG, Urteil vom 20.06.2013 a.a.O. Rn. 31 unter Hin­weis auf die stRspr, s. Urtei­le vom 14.10.1965 – 2 C 3.63, BVerw­GE 22, 215, 218 = Buch­holz 232 § 32 BBG Nr. 14; vom 16.06.1997 – 3 C 22.96, BVerw­GE 105, 55, 59 = Buch­holz 316 § 39 VwVfG Nr. 25; und vom 29.01.2001 – 11 C 3.00, Buch­holz 401.64 § 6 AbwAG Nr. 3[]
  15. BVerwG, Urteil vom 20.06.2013 a.a.O. Rn. 35[]
  16. BVerwG, Urteil vom 20.06.2013 a.a.O. Rn. 31, 34 unter Hin­weis auf Urtei­le vom 05.05.1998 – 1 C 17.97, BVerw­GE 106, 351, 364 = Buch­holz 402.240 § 45 Aus­lG 1990 Nr. 13; und vom 13.12 2011 – 1 C 14.10, BVerw­GE 141, 253 Rn. 11; vgl. zum Gan­zen auch Schen­ke, DVBl 2014, 285, 288 ff.[]