Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des Zins­sat­zes von 6% für Steu­er­nach­for­de­run­gen und Steu­er­erstat­tun­gen

Der durch § 238 Abs. 1 Satz 1 AO auf 0,5 % pro Monat fest­ge­leg­te gesetz­li­che Zins­satz für Zins­zah­lungs­zeit­räu­me ab 2009 genügt nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an eine Typi­sie­rung.

Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des Zins­sat­zes von 6% für Steu­er­nach­for­de­run­gen und Steu­er­erstat­tun­gen

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat –bezo­gen auf die Zins­zah­lungs­zeit­räu­me 2003 bis 2006– zu der gesetz­li­chen Typi­sie­rung aus­ge­führt 1: "Indem der Gesetz­ge­ber im Inter­es­se der Prak­ti­ka­bi­li­tät und der Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung den aus­zu­glei­chen­den Zins­vor­teil und ‑nach­teil typi­sie­rend auf 0,5 % pro Monat fest­ge­setzt hat, ist dies jeden­falls rechts­staat­lich unbe­denk­lich und stellt ins­be­son­de­re kei­nen Ver­stoß gegen das aus dem Rechts­staats­prin­zip fol­gen­de Über­maß­ver­bot dar. Nach der Absicht des Gesetz­ge­bers soll der kon­kre­te Zins­vor­teil oder ‑nach­teil für den Ein­zel­fall nicht ermit­telt wer­den müs­sen. Eine Anpas­sung an den jewei­li­gen Markt­zins­satz oder an den Basis­zins­satz nach § 247 BGB wür­de wegen des­sen Schwan­kun­gen auch zu erheb­li­chen prak­ti­schen Schwie­rig­kei­ten füh­ren, da im Ein­zel­nen für die Ver­gan­gen­heit fest­ge­stellt wer­den müss­te, wel­che Zins­sät­ze für den jewei­li­gen Zins­zeit­raum zugrun­de zu legen wären 2. In vie­len Fäl­len ist eine sol­che Ermitt­lung gar nicht mög­lich, weil es von sub­jek­ti­ven Ent­schei­dun­gen des Steu­er­pflich­ti­gen abhängt, in wel­cher Wei­se er Steu­er­nach­zah­lun­gen finan­ziert oder das noch nicht zu Steu­er­zah­lun­gen benö­tig­te Kapi­tal ver­wen­det. Zudem ist auch bei der Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prü­fung zu berück­sich­ti­gen, dass der hohe Zins­satz des § 233a in Ver­bin­dung mit § 238 AO glei­cher­ma­ßen zuguns­ten wie zulas­ten des Steu­er­pflich­ti­gen wirkt."

Die vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt her­an­ge­zo­ge­nen Erwä­gun­gen gel­ten glei­cher­ma­ßen auch für Zins­zah­lungs­zeit­räu­me ab 2009. Auch hier wäre eine Ermitt­lung der jewei­li­gen Markt­zins­sät­ze mit erheb­li­chen prak­ti­schen Schwie­rig­kei­ten ver­bun­den; der gesetz­li­che Zins­satz gilt wei­ter­hin sowohl zuguns­ten als auch zulas­ten des Steu­er­pflich­ti­gen.

Soweit ein­ge­wandt wird, für den Ver­gleich mit dem gesetz­li­chen Zins­satz des § 238 Abs. 1 Satz 1 AO sei aus­schließ­lich der jeweils aktu­el­le Zins­satz für Fest­geld­an­la­gen her­an­zu­zie­hen, trifft dies nicht zu.

Bereits das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat in der oben zitier­ten Ent­schei­dung aus­ge­führt, es sei von sub­jek­ti­ven Ent­schei­dun­gen des Steu­er­pflich­ti­gen abhän­gig, in wel­cher Wei­se er Steu­er­nach­zah­lun­gen finan­zie­re oder das noch nicht zu Steu­er­zah­lun­gen benö­tig­te Kapi­tal ver­wen­de. Dar­aus folgt, dass sowohl der Anla­ge­zins­satz (Ver­wen­dung von Kapi­tal) als auch der Dar­le­hens­zins­satz (Finan­zie­rung von Steu­er­nach­zah­lun­gen) für einen Ver­gleich mit dem Zins­satz des § 238 Abs. 1 Satz 1 AO geeig­net sind.

In die­sem Zusam­men­hang ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass auch in den Jah­ren ab 2009 die gesetz­li­chen Ver­zugs­zin­sen nach § 288 Abs. 1 BGB (fünf Pro­zent­punk­te über dem Basis­zins­satz) und § 288 Abs. 2 BGB (acht Pro­zent­punk­te über dem Basis­zins­satz) sowie die bank­üb­li­chen Soll­zin­sen für Dis­po­si­ti­ons­kre­di­te über bzw. jeden­falls nicht wesent­lich unter dem in § 238 Abs. 1 Satz 1 AO genann­ten Zins­satz von 0,5 % pro Monat (6 % pro Jahr) lagen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 29. Mai 2013 – X B 233/​12

  1. BVerfG, Beschluss vom 03.09.2009 – 1 BvR 2539/​07, BFH/​NV 2009, 2115, unter III.1.b bb[]
  2. vgl. BT-Drucks 8/​1410, S. 13[]