Ver­pflich­tungs­kla­gen – und die maß­geb­li­che Rechts­la­ge

Dass bei Ver­pflich­tungs­kla­gen auf die Rechts­la­ge im Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung des Gerichts abzu­stel­len ist, ist eine Regel, die nicht aus­nahms­los gilt.

Ver­pflich­tungs­kla­gen – und die maß­geb­li­che Rechts­la­ge

Die Fra­ge, ob ein Anspruch auf Erlass des begehr­ten Ver­wal­tungs­akts besteht, beant­wor­tet sich nach dem mate­ri­el­len Recht. Hat sich seit dem Erlass der ableh­nen­den Ver­wal­tungs­ent­schei­dung das mate­ri­el­le Recht geän­dert, ist zu prü­fen, ob sich die­se Rechts­än­de­rung auch auf das mit der vor­an­ge­gan­ge­nen Rechts­la­ge zusam­men­hän­gen­de Bestehen bzw. Nicht­be­stehen des sei­ner­zeit gel­tend gemach­ten Rechts­an­spruchs aus­wirkt 1.

In die­sem Zusam­men­hang ist die stän­di­ge Recht­spre­chung des Gericht­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zu berück­sich­ti­gen, wonach Ver­fah­rens­vor­schrif­ten im All­ge­mei­nen auf alle bei ihrem Inkraft­tre­ten anhän­gi­gen Rechts­strei­tig­kei­ten anwend­bar sind, wäh­rend mate­ri­ell-recht­li­che Vor­schrif­ten gewöhn­lich so aus­ge­legt wer­den, dass sie grund­sätz­lich nicht für vor ihrem Inkraft­tre­ten ent­stan­de­ne Sach­ver­hal­te gel­ten 2.

Wie der Uni­ons­ge­richts­hof wei­ter­hin ent­schie­den hat, ver­bie­tet es der Grund­satz der Rechts­si­cher­heit im All­ge­mei­nen, den Beginn der Gel­tungs­dau­er eines Rechts­akts der Gemein­schaft auf einen Zeit­punkt vor des­sen Ver­öf­fent­li­chung zu legen; dies kann aber aus­nahms­wei­se dann anders sein, wenn ein im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­des Ziel es ver­langt und das berech­tig­te Ver­trau­en der Betrof­fe­nen gebüh­rend beach­tet ist oder wenn aus Wort­laut, Zweck oder Auf­bau der betref­fen­den Gemein­schafts­vor­schrif­ten ein­deu­tig her­vor­geht, dass ihnen eine sol­che Wir­kung bei­zu­mes­sen ist 3.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 24. Juli 2017 – VII B 165/​16

  1. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 21.05.1976 – IV C 80.74, BVerw­GE 51, 15; vom 27.04.1990 8 C 87.88, NVwZ 1991, 360; BFH, Beschluss vom 28.11.2008 – VII B 59/​08, BFH/​NV 2009, 806[]
  2. EuGH, Urtei­le Molen­berg­na­tie vom 23.02.2006 – C‑201/​04, EU:C:2006:136, ZfZ 2006, 161; De Haan vom 07.09.1999 – C‑61/​98, EU:C:1999:393, ZfZ 1999, 371[]
  3. EuGH, Urteil Mit­sui & Co. Deutsch­land vom 19.03.2009 – C‑256/​07, EU:C:2009:167, ZfZ 2009, 101, Rz 32, m.w.N.[]