Ver­tre­tungs­zwang auch bei Ent­schä­di­gungs­kla­gen wegen über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er

Der Ver­tre­tungs­zwang gemäß § 62 Abs. 4 FGO gilt auch bei Ent­schä­di­gungs­kla­gen wegen über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er nach § 198 GVG, für die in Bezug auf finanz­ge­richt­li­che Ver­fah­ren aus­schließ­lich der Bun­des­fi­nanz­hof zustän­dig ist (§ 155 Satz 2 FGO). Der Ver­tre­tungs­zwang ver­stößt nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs nicht gegen höher­ran­gi­ges Recht, ins­be­son­de­re nicht gegen Art. 6 EMRK.

Ver­tre­tungs­zwang auch bei Ent­schä­di­gungs­kla­gen wegen über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er

Vor dem Bun­des­fi­nanz­hof muss sich jeder Betei­lig­te, sofern es sich nicht um eine juris­ti­sche Per­son des öffent­li­chen Rechts oder um eine Behör­de han­delt, durch einen Rechts­an­walt, Steu­er­be­ra­ter, Steu­er­be­voll­mäch­tig­ten, Wirt­schafts­prü­fer oder ver­ei­dig­ten Buch­prü­fer als Bevoll­mäch­tig­ten ver­tre­ten las­sen; zur Ver­tre­tung berech­tigt sind auch Gesell­schaf­ten i.S. des § 3 Nr. 2 und 3 StBerG, die durch sol­che Per­so­nen han­deln (§ 62 Abs. 4 i.V.m. Abs. 2 Satz 1 FGO).

Die­ser Ver­tre­tungs­zwang gilt auch bei Ent­schä­di­gungs­kla­gen wegen über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er gemäß §§ 198 ff. GVG, für die in Bezug auf die finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren aus­schließ­lich der BFH zustän­dig ist (§ 155 Satz 2 FGO). Auch bei den Ent­schä­di­gungs­kla­gen sind die all­ge­mei­nen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten des Zwei­ten Teils der FGO, zu denen der in § 62 Abs. 4 FGO gere­gel­te Ver­tre­tungs­zwang gehört, anzu­wen­den 1. Die in § 155 Satz 2 Halb­satz 2 FGO ange­ord­ne­te ent­spre­chen­de Anwen­dung der Vor­schrif­ten über das Ver­fah­ren im ers­ten Rechts­zug bezieht sich nur auf die §§ 63 bis 94a FGO. Die­se expli­zi­te Anord­nung war not­wen­dig gewor­den, weil der BFH bis­lang erst­in­stanz­lich nicht zustän­dig war.

Der in § 62 Abs. 4 FGO nor­mier­te Ver­tre­tungs­zwang ver­stößt nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs auch nicht gegen höher­ran­gi­ges Recht, ins­be­son­de­re nicht gegen Art. 6 EMRK.

Nach Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EMRK hat jede Per­son ein Recht dar­auf, dass über Strei­tig­kei­ten in Bezug auf ihre zivil­recht­li­chen Ansprü­che und Ver­pflich­tun­gen von einem unab­hän­gi­gen Gericht in einem fai­ren Ver­fah­ren in ange­mes­se­ner Frist ver­han­delt wird. Durch den Ver­tre­tungs­zwang des § 62 Abs. 4 FGO wird Art. 6 Abs. 1 EMRK [unbe­scha­det der Fra­ge, ob die­se Rege­lung auf Ent­schä­di­gungs­kla­gen gemäß §§ 198 ff. GVG über­haupt anwend­bar ist[ nicht ver­letzt.

Es ist aner­kannt, dass der Zugang zum Gericht durch Art. 6 Abs. 1 EMRK nicht abso­lut gewähr­leis­tet wird 2, son­dern inhä­ren­ten Beschrän­kun­gen unter­liegt 3. Dabei darf jedoch die in Art. 6 EMRK gege­be­ne Garan­tie nicht in ihrem Wesens­ge­halt ange­tas­tet wer­den 4. Die Beschrän­kun­gen müs­sen im Inter­es­se einer geord­ne­ten Rechts­pfle­ge erfor­der­lich sein, ein berech­tig­tes Ziel ver­fol­gen und ver­hält­nis­mä­ßig sein 5.

Der vor dem Bun­des­fi­nanz­hof bestehen­de Ver­tre­tungs­zwang dient zum einen dem Schutz des Gerichts vor einer Belas­tung mit Rechts­mit­teln, deren Erfolgs­aus­sich­ten die Betei­lig­ten nach ihrer Vor­bil­dung nicht rich­tig ein­zu­schät­zen in der Lage sind und folg­lich auch nicht rich­tig und fach­kun­dig zu füh­ren wis­sen; zum ande­ren kommt er aber auch dem Schutz der Rechts­su­chen­den zugu­te, die sich durch einen Ange­hö­ri­gen der in § 62 Abs. 2 Satz 1 FGO genann­ten Berufs­grup­pen ver­tre­ten las­sen müs­sen 6. Die Ein­schrän­kung des Zugangs zum Gericht durch den Ver­tre­tungs­zwang wird zudem dadurch gemil­dert, dass ein Steu­er­pflich­ti­ger bei Bedürf­tig­keit Anspruch auf Pro­zess­kos­ten­hil­fe gemäß § 142 FGO i.V.m. § 114 ZPO hat und ihm für den Fall, dass er kei­nen zur Ver­tre­tung berei­ten Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten fin­det, ein Not­an­walt gemäß § 155 Satz 1 FGO i.V.m. § 78b ZPO bei­zu­ord­nen ist.

Der Anwalts­zwang für bestimm­te Ver­fah­ren bzw. bei bestimm­ten Gerich­ten ist auch vom Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te als unbe­denk­lich ange­se­hen wor­den 7. Das gilt nicht nur für Beru­fungs- oder Revi­si­ons­ver­fah­ren, son­dern auch für den Ver­tre­tungs­zwang in einem [wie im Streit­fall gege­be­nen[ erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­ren 8.

Der Ver­tre­tungs­zwang ist ver­fas­sungs­ge­mäß. Er ver­stößt nicht gegen die Rechts­schutz­ga­ran­tie des Art.19 Abs. 4 GG, da die Anru­fung des Bun­des­fi­nanz­hofs dadurch weder unzu­mut­bar noch in sach­lich nicht zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwert wird 9. Auch wird der Klä­ger durch § 62 Abs. 4 FGO nicht in unzu­läs­si­ger Wei­se in sei­ner all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit aus Art. 2 Abs. 1 GG ein­ge­schränkt, da der Ver­tre­tungs­zwang der Funk­ti­ons­fä­hig­keit des BFH sowie dem Schutz des Steu­er­pflich­ti­gen dient 10. § 62 Abs. 4 FGO ver­letzt eben­falls nicht den Anspruch auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG), denn der Ver­tre­tungs­zwang erweist sich auf­grund des mit ihm ver­bun­de­nen Ent­las­tungs­zwecks "als nicht sach­lich unge­recht­fer­tigt" 11.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs führt § 62 Abs. 4 FGO auch zu kei­nem Ver­stoß gegen Art. 47 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on. Danach kann sich jede Per­son bera­ten, ver­tei­di­gen und ver­tre­ten las­sen. Mit die­ser Bestim­mung wird dem Ein­zel­nen das Recht ein­ge­räumt, sich vor Gericht ver­tre­ten zu las­sen. Das Recht, sich bera­ten, ver­tei­di­gen und ver­tre­ten zu las­sen, nimmt den Mit­glied­staa­ten jedoch nicht die Mög­lich­keit, aus ver­fah­rens­öko­no­mi­schen Grün­den vor bestimm­ten Gerich­ten einen Ver­tre­tungs­zwang vor­zu­se­hen 12.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 6. Febru­ar 2013 – X K 11/​12

  1. all­ge­mei­ne Mei­nung, vgl. Stein­beiß-Win­kel­man­n/Ott, Rechts­schutz bei über­lan­gen Gerichts­ver­fah­ren, Teil 2 E. § 155 Rz 9; Bran­dis in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 155 FGO Rz 17; Schwarz in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 155 FGO Rz 129; Mack/​Wollweber, Steu­er­be­ra­tung 2012, 7; Stein­hauff, juris­PR-Steu­er­recht 48/​2012, Anm. 4, D; sie­he aus­drück­lich zum Ver­tre­tungs­zwang bei Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren vor den Ober­lan­des­ge­rich­ten und dem Bun­des­ge­richts­hof Gesetz­ent­wurf des ÜberlVfRSchG, BT-Drs. 17/​3802, 25[]
  2. so EGMR, Urteil vom 21.02.1975 – 4451/​70 [Golder/​Großbritannien], Euro­päi­sche Grund­rech­te Zeit­schrift [EuGRZ[ 1975, 91[]
  3. Peu­kert in Frowein/​Peukert, EMRK-Kom­men­tar, 3. Aufl., Art. 6 Rz 64[]
  4. EGMR, Urtei­le vom 28.05.1985 8225/​78 [Ashingdane/​Großbritannien], EuGRZ 1986, 8, Rz 57; und vom 10.05.2001 – 29392/​95 [Z u.a./Großbritannien], Zen­tral­blatt für Jugend­recht 2005, 154, Rz 93[]
  5. EGMR, Urteil vom 18.02.1999 – 26083/​94 [Wai­te u. Kennedy/​Deutschland], NJW 1999, 1173, Rz 59; Mey­er-Lade­wig, EMRK, Hand­kom­men­tar, 3. Aufl., Art. 6 Rz 37[]
  6. BFH, Beschluss vom 19.01.2012 – - VI B 98/​11, BFH/​NV 2012, 759, m.w.N.[]
  7. vgl. EGMR, Urtei­le vom 24.11.1986 – 9063/​80 [Gillow/​Großbritannien], EGMRE 3, 306, Rz 69; und vom 10.05.2007 76680/​01 [A.S./Deutschland][]
  8. vgl. die bei Frowein/​Peukert, a.a.O., Art. 6 Rz 65 in Fuß­no­te 191 zitier­te EGMR-Recht­spre­chung[]
  9. vgl. jüngst BFH, Beschluss in BFH/​NV 2012, 759, m.w.N.; sowie BFH, Beschluss vom 11.10.1976 – 1 BvR 373/​76, HFR 1977, 33[]
  10. stän­di­ge BFH-Recht­spre­chung, vgl. u.a. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2012, 759, m.w.N.[]
  11. BVerfG, Beschluss vom 20.08.1992 – 2 BvR 1000/​92, HFR 1992, 729 zur Vor­gän­ger­vor­schrift des Art. 1 Nr. 1 des Geset­zes zur Ent­las­tung des Bun­des­fi­nanz­hofs; BFH-Beschlüs­se in BFH/​NV 2012, 759; und vom 12.11.2008 – - X B 203/​08, Zeit­schrift für Steu­ern und Recht 2009, R44[]
  12. sie­he BFH-Beschlüs­se vom 22.07.2010 – V S 8/​10, BFH/​NV 2010, 2095; und in BFH/​NV 2012, 759[]