Wech­sel auf der Rich­ter­bank – nach der Zeu­gen­ver­neh­mung

Bei einem Rich­ter­wech­sel nach vor­an­ge­gan­ge­ner Beweis­auf­nah­me ist zwin­gend erfor­der­lich, dass sich die neu hin­zu­ge­tre­te­nen Rich­ter zuver­läs­sig Kennt­nis vom Inhalt der Zeu­gen­aus­sa­gen ver­schaf­fen. Hier­zu müs­sen die Pro­to­kol­le über die Zeu­gen­ver­neh­mung wie nach der Ver­neh­mung durch einen beauf­trag­ten Rich­ter im Wege des Urkun­den­be­wei­ses durch Ver­le­sung in das Ver­fah­ren ein­ge­führt wer­den.

Wech­sel auf der Rich­ter­bank – nach der Zeu­gen­ver­neh­mung

Eine „Ent­zie­hung des gesetz­li­chen Rich­ters“ und ein „Ver­stoß gegen die Unmit­tel­bar­keit der Beweis­auf­nah­me“ liegt zwar nicht des­halb vor, weil inner­halb der drei Sit­zungs­ta­ge jeweils mit Beweis­auf­nah­me (hier: inner­halb vom 15 Mona­ten) die Rich­ter­bank (hier: wegen Erkran­kung eines Berufs­rich­ters und des Wech­sels der bei­den ehren­amt­li­chen Rich­ter) gewech­selt hat.

Denn ein Urteil kann zwar gemäß § 103 FGO nur von den­je­ni­gen Rich­tern gefällt wer­den, die an der münd­li­chen Ver­hand­lung teil­ge­nom­men haben. Hier­mit ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs jedoch nur das Gericht gemeint, das in der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung auch das Urteil gespro­chen hat. Dar­aus ergibt sich wei­ter, dass auch nach ‑wie vor­lie­gend- der Ver­ta­gung und nicht nur einer Unter­bre­chung einer münd­li­chen Ver­hand­lung mit Beweis­auf­nah­me, bei der sich ein und die­sel­be münd­li­che Ver­hand­lung über meh­re­re Ver­hand­lungs­ta­ge (Sit­zungs­ta­ge) hin­zieht, ein Wech­sel auf der Rich­ter­bank grund­sätz­lich zuläs­sig ist [1].

Dem Grund­satz der Unmit­tel­bar­keit der Beweis­auf­nah­me (§ 81 FGO) wäre aller­dings am bes­ten genügt, wenn nur die­je­ni­gen Rich­ter das Urteil spre­chen, die an allen Beweis­auf­nah­men zuge­gen waren. Jedoch führt das Gesetz die­sen Grund­satz aus pro­zess­öko­no­mi­schen Grün­den nicht streng durch, denn es sieht in § 81 Abs. 2 und § 79 Abs. 3 FGO auch die Mög­lich­keit der Über­tra­gung einer Beweis­auf­nah­me auf ein­zel­ne Mit­glie­der des Gerichts oder durch ein ande­res Gericht vor, was zur Fol­ge hat, dass in die­sen Fäl­len Rich­ter zur Ent­schei­dung mit beru­fen sind, die an der Beweis­auf­nah­me selbst nicht teil­ge­nom­men haben. Eine Wie­der­ho­lung der Beweis­auf­nah­me ist nur dann erfor­der­lich, wenn es auf den per­sön­li­chen Ein­druck des Zeu­gen zur Beur­tei­lung sei­ner Glaub­wür­dig­keit ankommt.

Im Hin­blick auf die Ein­schrän­kung des Grund­sat­zes der Unmit­tel­bar­keit der Beweis­auf­nah­me bei Rich­ter­wech­sel nach vor­an­ge­gan­ge­ner Beweis­auf­nah­me ist aber als Aus­gleich zwin­gend erfor­der­lich, dass sich die neu hin­zu­ge­tre­te­nen Rich­ter zuver­läs­sig Kennt­nis vom Inhalt der Zeu­gen­aus­sa­gen ver­schaf­fen. Das setzt nicht nur vor­aus, dass die Zeu­gen­ver­neh­mung pro­to­kol­liert wur­de, son­dern dass zudem die Pro­to­kol­le wie nach Ver­neh­mung durch einen beauf­trag­ten Rich­ter im Wege des Urkun­den­be­wei­ses durch Ver­le­sung in das Ver­fah­ren ein­ge­führt wer­den [2].

Die Ein­füh­rung der Pro­to­kol­le über die vor­an­ge­gan­ge­nen Zeu­gen­ver­neh­mun­gen durch Ver­le­sung ist vor­lie­gend jedoch dem Sit­zungs­pro­to­koll nicht zu ent­neh­men. Die­ser Ver­stoß gegen den Grund­satz der Unmit­tel­bar­keit ist vor­lie­gend auch nicht durch Ver­zicht oder rüge­lo­ser Ein­las­sung geheilt wor­den [3], denn die Klä­ger haben den Ver­stoß gegen den Grund­satz der Unmit­tel­bar­keit laut Sit­zungs­pro­to­koll aus­drück­lich gerügt.

Die Rüge eines Ver­sto­ßes gegen den Grund­satz der Unmit­tel­bar­keit wegen Wech­sel der Rich­ter­bank nach vor­an­ge­gan­ge­ner Beweis­auf­nah­me mit der Begrün­dung, nicht die gesam­te Rich­ter­bank besit­ze einen hin­rei­chen­den Ein­druck vom Inhalt der Zeu­gen­aus­sa­gen, umfasst auch die Rüge der Nicht­ein­füh­rung der Pro­to­kol­le im Wege des Urkun­den­be­wei­ses, da die Rüge auf das­sel­be Ziel gerich­tet ist, das Feh­len der zuver­läs­si­gen Kennt­nis der Rich­ter vom Inhalt der Zeu­gen­aus­sa­gen zu bean­stan­den.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 1. April 2015 – V B 63/​14

  1. BFH, Urteil vom 26.03.1991 – VII R 72/​90, BFH/​NV 1992, 115; Beschluss vom 22.10.2003 – I B 39/​03, BFH/​NV 2004, 350[]
  2. BFH, Beschlüs­se vom 07.02.2007 – X B 105/​06, BFH/​NV 2007, 962; vom 03.08.2006 – V B 27/​06; vom 30.04.2003 – I B 120/​02, BFH/​NV 2003, 1587; vom 26.03.1991 – VII R 72/​90, BFH/​NV 1992, 115; BGH, Urteil vom 30.01.1990 – XI ZR 162/​89, NJW 1991, 1302; vom 12.06.2012 – X ZR 131/​09, GRUR 2012, 895, Rz 31[]
  3. vgl. dazu BFH, Beschluss in BFH/​NV 1992, 115[]