Wenn das Finanz­amt die Frist ver­säumt…

Bei der Beur­tei­lung, ob eine Behör­de sich die Ver­säu­mung einer gesetz­li­chen Frist als schuld­haft anrech­nen las­sen muss, gel­ten grund­sätz­lich die glei­chen Maß­stä­be, wie sie die Recht­spre­chung für das Ver­schul­den von Ange­hö­ri­gen der rechts- und steu­er­be­ra­ten­den Beru­fe ent­wi­ckelt hat 1; d.h., das Ver­schul­den eines gesetz­li­chen Ver­tre­ters oder Bevoll­mäch­tig­ten steht dem eige­nen Ver­schul­den des Finanz­amt gleich 2.

Wenn das Finanz­amt die Frist ver­säumt…

In for­mel­ler Hin­sicht setzt die Gewäh­rung der Wie­der­ein­set­zung vor­aus, dass das Finanz­amt vor­trägt, wel­che Maß­nah­men zur Über­wa­chung der Ein­hal­tung der Fris­ten im Amts­be­trieb getrof­fen sind. Dabei ist zu beach­ten, dass eben­so wie ein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter auch der Vor­ste­her des Finanz­amt ver­pflich­tet ist, ein Fris­ten­kon­troll­buch zu füh­ren, in dem jeg­li­che Fris­ten, u.a. die Frist für die Revi­si­ons­be­grün­dung oder Frist für einen Antrag auf münd­li­che Ver­hand­lung nach Erlass eines Gerichts­be­scheids, zu ver­mer­ken ist 3.

Das Finanz­amt muss also vor­tra­gen, wie und durch wel­che Beschäf­tig­ten in sei­nem Amt Frist­sa­chen gehand­habt wer­den, zumal wenn ihre Erle­di­gung an Fris­ten gebun­den ist, die nicht zu den übli­chen, häu­fig vor­kom­men­den und ein­fach zu berech­nen­den Fris­ten gehö­ren. Dazu rech­net die Frist zur Stel­lung eines Antrags auf münd­li­che Ver­hand­lung nach Erge­hen eines Gerichts­be­scheids eben­so wie die Revi­si­ons­be­grün­dungs­frist 4. Das Finanz­amt muss vor­brin­gen, wer die Fris­ten berech­net sowie durch wen und wel­che Maß­nah­men gewähr­leis­tet ist, dass die Fris­ten notiert und kon­trol­liert wer­den 5. Wei­ter muss es dar­le­gen, wann und wie die in der Sach­be­ar­bei­tung von Recht­be­hel­fen und Frist­sa­chen ein­ge­setz­ten Beschäf­tig­ten ent­spre­chend belehrt wer­den und wie die Ein­hal­tung die­ser Beleh­run­gen über­wacht wird 6.

Nach die­sen Grund­sät­zen moch­te der Bun­des­fi­nanz­hof im vor­lie­gen­den Fall dem Finanz­amt kei­ne Wie­der­ein­set­zung bewil­li­gen: Dem Wie­der­ein­set­zungs­ge­such ist bereits nicht zu ent­neh­men, wel­che Bediens­te­ten die Post­sen­dung ent­ge­gen­ge­nom­men und über wel­che Qua­li­fi­ka­ti­on die­se ver­fügt haben.

Im Übri­gen ist zwar nach dem Vor­trag des Finanz­amt davon aus­zu­ge­hen, dass für die Post­ein­gangs­stel­le Anwei­sun­gen vor­lie­gen, aus denen sich ergibt, wie ein­ge­hen­de Schrift­stü­cke zu behan­deln und wei­ter­zu­lei­ten sind. Es kann auch davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass Orga­ni­sa­ti­ons­an­wei­sun­gen exis­tie­ren, nach denen förm­lich zuge­stell­te Sen­dun­gen mit dem Umschlag der förm­li­chen Zustel­lung in den Geschäfts­gang zu geben sind und die Bediens­te­ten des Finanz­amt von die­sen Anwei­sun­gen Kennt­nis haben und die­se grund­sätz­lich beach­ten. Ob und wie die Bediens­te­ten des Finanz­amt über die­se Anwei­sun­gen unter­rich­tet wer­den und inwie­weit die Umset­zung und Ein­hal­tung die­ser Anwei­sun­gen kon­trol­liert wird, ist jedoch nicht nach­voll­zieh­bar.

Dar­über hin­aus fehlt jeg­li­che Dar­stel­lung zur regel­mä­ßi­gen Hand­ha­bung von Fris­ten und der Kon­trol­le ihrer Beach­tung sowie zur Beleh­rung und Über­prü­fung des kon­kret zur Beach­tung von Fris­ten ein­ge­setz­ten Per­so­nals. Das Finanz­amt hat sich im Wesent­li­chen dar­auf beschränkt, dar­zu­stel­len, wie sams­tags ein­ge­hen­de Schrift­stü­cke in der Post­ein­gangs­stel­le behan­delt wer­den und dass bei Zustel­lun­gen durch Post­zu­stel­lungs­ur­kun­de der Umschlag der förm­li­chen Zustel­lung mit in den Geschäfts­gang zu geben ist. Die­se Schil­de­rung gibt aber kei­ner­lei Aus­kunft über die Orga­ni­sa­ti­on des Amtes und über die Art und Wei­se, wie die für die Beach­tung von Fris­ten Ver­ant­wort­li­chen die­se Fris­ten hand­ha­ben und deren Ein­hal­tung kon­trol­lie­ren. Wenn es aber für Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te unum­gäng­lich ist, sich für eine ord­nungs­ge­mä­ße Fris­ten­kon­trol­le den Umschlag mit dem Zustel­lungs­ver­merk vor­le­gen zu las­sen 7, so gilt das für die mit der Fris­ten­kon­trol­le beim Finanz­amt betrau­ten Per­so­nen glei­cher­ma­ßen, zumal die­se in der Regel mit die­ser Pro­ble­ma­tik ver­traut sind und die ent­spre­chen­den Rechts­kennt­nis­se besit­zen müss­ten. Es müs­sen daher auch Anwei­sun­gen exis­tie­ren, wie die für die Ein­hal­tung der Frist ver­ant­wort­li­chen Per­so­nen bei Feh­len die­ser Umschlä­ge ver­fah­ren müs­sen. Ob dies der Fall ist und wie in sol­chen Kon­stel­la­tio­nen zu han­deln ist, erschließt sich aus dem Wie­der­ein­set­zungs­ge­such indes nicht.

Der Bun­des­fi­nanz­hof kann auf­grund die­ser unzu­rei­chen­den Dar­stel­lung nicht von einem ent­schuld­ba­ren Ver­se­hen eines Mit­ar­bei­ters aus­ge­hen, da ein Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den als Ursa­che der Frist­ver­säum­nis nicht aus­zu­schlie­ßen ist.

Nur ergän­zend weist der Bun­des­fi­nanz­hof dar­auf hin, dass der gesetz­li­che Ver­tre­ter des Finanz­amt die von ihm vor­ge­tra­ge­nen Tat­sa­chen nicht glaub­haft gemacht hat. Es feh­len als prä­sen­tes Beweis­mit­tel i.S. von § 155 FGO i.V.m. § 294 Abs. 2 der Zivil­pro­zess­ord­nung eine Ablich­tung aus dem Fris­ten­kon­troll­buch mit der Notie­rung der ein­ge­tra­ge­nen Frist sowie als wei­te­res mög­li­ches Mit­tel der Glaub­haft­ma­chung eine dienst­li­che Erklä­rung oder eides­statt­li­che Ver­si­che­rung des/​der nament­lich zu benen­nen­den, als für die Frist­ver­säum­nis ver­ant­wort­lich bezeich­ne­ten Sachbearbeiters/​in zur Rich­tig­keit der Sach­ver­halts­schil­de­rung des gesetz­li­chen Ver­tre­ters des Finanz­amt.

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Beschlüs­se vom 16.01.2007 – IX R 41/​05, BFH/​NV 2007, 1508, m.w.N.; vom 25.11.2008 – III R 78/​06, BFH/​NV 2009, 407[]
  2. BFH, Urteil vom 12.05.1992 – VII R 38/​91, BFH/​NV 1993, 6, m.w.N.[]
  3. BFH, Ent­schei­dun­gen vom 19.07.1994 – II R 74/​90, BFHE 175, 302, BSt­Bl II 1994, 946; vom 10.07.1996 – II R 12/​96, BFH/​NV 1997, 47; vom 26.08.1997 – VII R 11/​96, BFH/​NV 1998, 70; vom 10.03.2000 – VII R 2/​00, BFH/​NV 2000, 1117[]
  4. vgl. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2007, 945; Kuc­zyn­ski in Beermann/​Gosch, FGO § 56 Rz 15.2; Gräber/​Stapperfend, Finanz­ge­richts­ord­nung, 7. Aufl., § 56 Rz 20, Stich­wor­te Revi­si­ons­be­grün­dungs­frist und Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de[]
  5. vgl. BFH, Beschluss vom 14.05.2007 – VIII B 47/​07, BFH/​NV 2007, 1684[]
  6. vgl. BFH-Beschlüs­se vom 07.02.2002 – VII B 150/​01, BFH/​NV 2002, 795; vom 24.01.2005 – III R 43/​03, BFH/​NV 2005, 1312; vom 11.05.2010 – XI R 24/​08, BFH/​NV 2010, 1834[]
  7. vgl. dazu Gräber/​Stapperfend, a.a.O., § 56 Rz 20, Stich­wort Fris­ten­kon­trol­le, m.w.N.[]