Wer hat geklagt?

Für die Betei­lig­ten­stel­lung ist die Bezeich­nung in der Kla­ge­schrift nicht allein aus­schlag­ge­bend. Viel­mehr kommt es dar­auf an, wel­cher Sinn der in der Kla­ge­schrift gewähl­ten Par­tei­be­zeich­nung bei objek­ti­ver Wür­di­gung des Erklä­rungs­in­halts bei­zu­le­gen ist.

Wer hat geklagt?

In die­se Beur­tei­lung ist auch das tat­säch­li­che Vor­brin­gen im wei­te­ren Ver­lauf des Ver­fah­rens mit­ein­zu­be­zie­hen 1.

Bei unrich­ti­ger äuße­rer Bezeich­nung ist grund­sätz­lich die Per­son als Betei­lig­ter anzu­spre­chen, die erkenn­bar durch die Betei­lig­ten­be­zeich­nung betrof­fen wer­den soll 2.

Auch bei schein­bar ein­deu­ti­ger Erklä­rung hängt die Bestim­mung des Klä­gers von allen dem Finanz­amt und dem Finanz­ge­richt als den Emp­fän­gern der Kla­ge­schrift bekann­ten oder erkenn­ba­ren Umstän­den tat­säch­li­cher oder recht­li­cher Art ab 3.

Dabei ist im All­ge­mei­nen nicht anzu­neh­men, dass eine Kla­ge für jeman­den erho­ben wird, der nicht mehr exis­tent ist 4.

Eine Aus­le­gung der Kla­ge­schrift ent­ge­gen ihrem Wort­laut kommt nach der Recht­spre­chung des BFH jeden­falls dann in Betracht, wenn die feh­ler­haf­te Klä­ger­be­zeich­nung durch eine feh­ler­haf­te Rubrums­be­zeich­nung in der Ein­spruchs­ent­schei­dung ver­an­lasst wor­den ist 5.

Nach die­sen Grund­sät­zen war im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall davon aus­zu­ge­hen, dass Kla­ge und Revi­si­on ‑ent­ge­gen ihrem Wort­laut- von der Part­ner­schafts­ge­sell­schaft erho­ben wor­den sind. Mit Ein­tra­gung der Part­ner­schafts­ge­sell­schaft im Part­ner­schafts­re­gis­ter im Janu­ar 2012 wur­de die GbR in die Part­ner­schafts­ge­sell­schaft ohne Rück­griff auf eine gesetz­li­che Rege­lung außer­halb des Umwand­lungs­ge­set­zes im Wege des iden­ti­täts­wah­ren­den Rechts­form­wech­sels umge­wan­delt 6. Die Ein­spruchs­ent­schei­dung war (eben­so wie der Haf­tungs­be­scheid) den­noch zu Unrecht an die GbR und nicht an die Part­ner­schafts­ge­sell­schaft gerich­tet, obwohl die GbR schon zum Zeit­punkt des Erlas­ses der Ein­spruchs­ent­schei­dung (und des Haf­tungs­be­scheids) in die Part­ner­schafts­ge­sell­schaft form­wech­selnd umge­wan­delt wor­den war. Die Umwand­lung der GbR in die Part­ner­schafts­ge­sell­schaft war dem Finanz­amt jeden­falls bei Erlass der Ein­spruchs­ent­schei­dung auch bekannt. Denn die Klä­ge­rin trat im Ein­spruchs­ver­fah­ren bereits als Part­ner­schafts­ge­sell­schaft auf. Dies war aus dem von ihr ver­wen­de­ten Brief­pa­pier für das Finanz­amt auch klar erkenn­bar.

Gleich­wohl führ­te die feh­ler­haf­te Adres­sie­rung der Ein­spruchs­ent­schei­dung nicht zu deren Unwirk­sam­keit, da sie sich trotz Adres­sie­rung an die GbR inhalt­lich an die durch iden­ti­täts­wah­ren­den Rechts­form­wech­sel ent­stan­de­ne Part­ner­schafts­ge­sell­schaft rich­te­te und dem Bevoll­mäch­tig­ten der Part­ner­schafts­ge­sell­schaft als Bekannt­ga­be­adres­sa­ten wirk­sam bekannt gege­ben wur­de. Ent­spricht das Rubrum der Kla­ge­schrift in die­sem Fall dem der Ein­spruchs­ent­schei­dung, hat das Finanz­amt die feh­ler­haf­te Klä­ger­be­zeich­nung dem Grun­de nach ver­an­lasst. Da aber für das Finanz­amt erkenn­bar war, dass die Kla­ge zuläs­si­ger­wei­se nur von der Part­ner­schafts­ge­sell­schaft erho­ben wer­den konn­te, kann auch die Kla­ge gegen den Wort­laut nur dahin aus­ge­legt wer­den, dass sie von der Part­ner­schafts­ge­sell­schaft ein­ge­legt wor­den ist 7. Dass die Kla­ge von einem rechts­kun­di­gen Pro­zess­ver­tre­ter erho­ben wor­den ist, steht der Aus­le­gung in die­sem Fall nicht ent­ge­gen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 10. März 2016 – VI R 58/​14

  1. BFH, Urteil vom 14.11.1986 – III R 12/​81, BFHE 148, 212, BSt­Bl II 1987, 178[]
  2. BFH, Urtei­le in BFHE 148, 212, BSt­Bl II 1987, 178; und vom 07.07.1987 – VII R 94/​84, BFHE 150, 492, BSt­Bl II 1987, 804; BFH, Beschlüs­se vom 25.09.1985 – IV R 180/​83, BFH/​NV 1986, 171; vom 06.05.1998 – IV B 108/​97, BFH/​NV 1999, 146; vom 31.08.1999 – VIII B 29/​99, BFH/​NV 2000, 442; und vom 08.11.2005 – VIII B 3/​96, BFH/​NV 2006, 570[]
  3. BFH, Urteil vom 08.01.1991 – VII R 61/​88, BFH/​NV 1991, 795[]
  4. BFH, Urteil in BFHE 148, 212, BSt­Bl II 1987, 178; BFH, Beschluss in BFH/​NV 2006, 570[]
  5. BFH, Urtei­le vom 23.04.2009 – IV R 87/​05, BFH/​NV 2009, 1650; und vom 11.04.2013 – IV R 20/​10, BFHE 241, 132, BSt­Bl II 2013, 705[]
  6. vgl. dazu Henssler, PartGG, 2. Aufl., § 1 Rz 33; Schä­fer, Münch­Komm BGB, 6. Aufl., § 1 PartGG Rz 31; Beck’sches Hand­buch der Per­so­nen­ge­sell­schaf­ten, 4. Aufl., § 20 Rz 50, 113[]
  7. vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 2009, 1650[]
  8. BGHZ 4, 328, 334; BGH WM 1981, 829[]