Zurück­ver­wei­sung an das Finanzgericht

Eine ‑durch § 563 Abs. 1 Satz 2 ZPO ermög­lich­te- Zurück­ver­wei­sung an einen ande­ren Bun­des­fi­nanz­hof des Finanz­ge­richts setzt beson­de­re sach­li­che Grün­de vor­aus. Gra­vie­ren­de Ver­fah­rens­feh­ler des Finanz­ge­richts allein rei­chen hier­für grund­sätz­lich nicht aus. Hin­zu­kom­men muss viel­mehr im Regel­fall, dass ernst­li­che Zwei­fel an der Unvor­ein­ge­nom­men­heit der Vor­in­stanz bestehen.

Zurück­ver­wei­sung an das Finanzgericht

Auch wenn das Wahl­recht des § 563 Abs. 1 Satz 2 ZPO in einem Span­nungs­ver­hält­nis zum Anspruch auf den ‑abs­trakt vor­her­be­stimm­ten- gesetz­li­chen Rich­ter (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG) steht, ist die­se Vor­schrift ver­fas­sungs­ge­mäß [1]. Das BVerfG hat hier­zu aus­ge­führt, das­je­ni­ge, was Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG allen nicht­ge­richt­li­chen Ein­rich­tun­gen ein­schließ­lich der Jus­tiz­ver­wal­tung ver­bie­te ‑näm­lich auf die Ent­schei­dung eines bestimm­ten Gerichts­ver­fah­rens Ein­fluss zu nehmen‑, sei dem Revi­si­ons­ge­richt gera­de auf­ge­tra­gen. Es sei dazu beru­fen, die Ent­schei­dun­gen der Instanz­ge­rich­te auf Rechts­feh­ler zu über­prü­fen und ihnen ggf. bin­den­de Rechts­an­wei­sun­gen zu geben, um die nach mensch­li­chem Ermes­sen gerech­tes­te End­ent­schei­dung her­bei­zu­füh­ren. Es kön­ne aus vie­ler­lei Grün­den ‑u.a. beim mög­li­chen Anschein einer Vor­ein­ge­nom­men­heit der Vor­in­stanz- gebo­ten sein, im wei­te­ren Ver­lauf nicht mehr das Gericht, des­sen Ent­schei­dung auf­ge­ho­ben wor­den ist, mit der Sache zu befas­sen. Die Berück­sich­ti­gung der­ar­ti­ger Gesichts­punk­te gehö­re zur Rechts­fin­dung, die dem Rechts­mit­tel­ge­richt oblie­ge. Aller­dings dür­fe das Rechts­mit­tel­ge­richt bei sei­ner Ent­schei­dung nach § 563 Abs. 1 Satz 2 ZPO nicht will­kür­lich verfahren.

Wird dies beach­tet, bean­stan­det es das BVerfG sogar noch nicht ein­mal, wenn das Rechts­mit­tel­ge­richt eine auf § 563 Abs. 1 Satz 2 ZPO gestütz­te Ent­schei­dung nicht aus­drück­lich begrün­det [2].

Gleich­wohl macht der BFH ‑zu Recht- von der Mög­lich­keit des § 563 Abs. 1 Satz 2 ZPO nur in äußerst sel­te­nen Aus­nah­me­fäl­len Gebrauch. Um eine will­kürfreie Ermes­sens­aus­übung zu gewähr­leis­ten, sind beson­de­re sach­li­che Grün­de erfor­der­lich. Allein der Umstand, dass eine vor­in­stanz­li­che Ent­schei­dung wegen eines ‑auch gra­vie­ren­den- Ver­fah­rens­feh­lers auf­ge­ho­ben wer­den muss, reicht dazu grund­sätz­lich nicht aus. Hin­zu­kom­men muss viel­mehr im Regel­fall, dass ernst­li­che Zwei­fel an der Unvor­ein­ge­nom­men­heit der Vor­in­stanz bestehen [3]. Sol­che Zwei­fel kön­nen ins­be­son­de­re dann aus­ge­schlos­sen wer­den, wenn die Vor­in­stanz ihre Ent­schei­dung im Hin­blick auf ihre eige­ne Unsi­cher­heit über die Recht­mä­ßig­keit des von ihr gewähl­ten Ver­fah­rens durch Zulas­sung der Revi­si­on in beson­de­rer Wei­se über­prüf­bar gemacht hat [4].

Der hier vor­lie­gen­de Fall ist durch die Beson­der­heit gekenn­zeich­net, dass dem Finanz­ge­richt nicht allein meh­re­re gra­vie­ren­de Ver­fah­rens­feh­ler ‑ins­be­son­de­re in Gestalt von gegen­über den Betei­lig­ten nicht mit­ge­teil­ten Sach­ver­halts­er­mitt­lun­gen- vor­zu­hal­ten sind, die die Ver­fah­rens­rech­te vor allem der Klä­ger ‑aber auch die des Finanz­am­tes- erheb­lich ein­ge­schränkt haben. Viel­mehr befin­den sich in den Akten in gro­ßer Zahl Schrift­sät­ze sowohl der Betei­lig­ten als auch drit­ter Per­so­nen, in denen auf Tele­fon­ge­sprä­che mit dem Vor­sit­zen­den Bezug genom­men wird. Jedoch ist weder der erfor­der­li­che Gesprächs­ver­merk erstellt und zu den Akten genom­men wor­den noch ist die ande­re Sei­te über den Inhalt des Tele­fon­ge­sprächs unter­rich­tet worden.

Rich­ter­li­che Hin­wei­se, die münd­lich oder tele­fo­nisch erteilt wer­den ‑was grund­sätz­lich zuläs­sig ist‑, müs­sen nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum einen voll­stän­dig doku­men­tiert wer­den, so dass sich nach­voll­zieh­bar aus den Akten ergibt, wer wann wem gegen­über wel­chen Hin­weis gege­ben hat. Dar­über hin­aus ist es ver­fas­sungs­recht­lich gebo­ten, den jewei­li­gen Geg­ner vor Erlass einer Ent­schei­dung in den glei­chen Kennt­nis­stand zu ver­set­zen, indem auch ihm die rich­ter­li­chen Hin­wei­se zeit­nah mit­ge­teilt wer­den [5].

Ver­stö­ße des Rich­ters gegen die­se Gebo­te der Neu­tra­li­tät und Par­tei­öf­fent­lich­keit wer­den in der Regel einen Grund für eine Ableh­nung wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit (§ 42 ZPO) dar­stel­len [6].

Eine sol­che Ver­fah­rens­füh­rung, bei der es sich nicht um ein ein­ma­li­ges Ver­se­hen han­delt, son­dern die sich über einen lan­gen Zeit­raum erstreckt, wider­spricht grund­le­gen­den pro­zes­sua­len Vor­ga­ben und betei­lig­ten­schüt­zen­den Garan­tien der FGO und des GG.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 19. Mai 2020 – X R 27/​19

Zurückverweisung an das Finanzgericht
  1. vgl. zur Par­al­lel­vor­schrift des § 354 Abs. 2 StPO aus­führ­lich: BVerfG, Beschluss vom 25.10.1966 – 2 BvR 291/​64, 656/​64, BVerfGE 20, 336; aus neue­rer Zeit fer­ner BVerfG, Beschluss vom 14.02.2006 – 2 BvR 109/​06[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 14.02.2006 – 2 BvR 109/​06[]
  3. zum Gan­zen vgl. BFH, Urtei­le vom 04.09.2002 – XI R 67/​00, BFHE 200, 1, BStBl II 2003, 142, unter II. 3.; und vom 09.01.2018 – IX R 34/​16, BFHE 260, 440, BStBl II 2018, 582, Rz 38[]
  4. BFH, Urteil vom 19.10.2011 – X R 65/​09, BFHE 235, 304, BStBl II 2012, 345, Rz 115[]
  5. zum Gan­zen BVerfG, Beschluss vom 30.09.2018 – 1 BvR 1783/​17, Neue Juris­ti­sche Wochen­schrift ‑NJW- 2018, 3631, Rz 24; vgl. auch Beschluss des Bun­des­ge­richts­hofs vom 11.04.2013 – I ZB 91/​11, HFR 2014, 266, Rz 23[]
  6. Zöller/​Vollkommer, Zivil­pro­zess­ord­nung, 33. Aufl., § 42 Rz 25, m.w.N.[]

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