Zustän­dig­keits­wech­sel bei Abrech­nungs­be­schei­den

Zustän­dig für den Erlass eines Abrech­nungs­be­scheids ist die nach den all­ge­mei­nen Zustän­dig­keits­re­ge­lun­gen der §§ 16 ff. AO zustän­di­ge Finanz­be­hör­de. An sei­ner mit Urteil vom 12.07.2011 1 ver­tre­te­nen Auf­fas­sung, dass für Ent­schei­dun­gen durch Abrech­nungs­be­scheid die­je­ni­ge Behör­de zustän­dig ist, die den Anspruch aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis fest­ge­setzt hat, um des­sen Ver­wirk­li­chung gestrit­ten wird, hält der Bun­des­fi­nanz­hof nicht mehr fest.

Zustän­dig­keits­wech­sel bei Abrech­nungs­be­schei­den

Dies ent­schied jetzt der Bun­des­fi­nanz­hof im Zusam­men­hang mit Säum­nis­zu­schlä­gen wegen fest­ge­setz­ter und nicht recht­zei­tig gezahl­ter Ein­kom­men­steu­er und gab damit sei­ne bis­he­ri­ge, von der Finanz­ver­wal­tung nicht wei­ter ange­wand­te, Recht­spre­chung auf, nach der für den Erlass eines Abrech­nungs­be­scheids auch nach einem Wech­sel der (ört­li­chen) Zustän­dig­keit die­je­ni­ge Finanz­be­hör­de zustän­dig blei­ben soll­te, die den Anspruch aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis, um des­sen Ver­wirk­li­chung gestrit­ten wird, fest­ge­setzt hat 2.

Geht die ört­li­che Zustän­dig­keit für die Besteue­rung wie etwa bei einem Wohn­sitz­wech­sel oder einer Betriebs­ver­le­gung von einer Finanz­be­hör­de auf eine ande­re Finanz­be­hör­de über, ist dies daher nun­mehr auch beim Erlass eines Abrech­nungs­be­scheids zu beach­ten.

Nach der nun­mehr geän­der­ten Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs gilt der sog. Grund­satz der Gesamt­zu­stän­dig­keit auch in Bezug auf die ört­li­che Zustän­dig­keit für Steu­ern vom Ein­kom­men; und vom Ver­mö­gen natür­li­cher Per­so­nen (§ 19 AO). Das jeweils zustän­di­ge Finanz­amt ist nicht nur für die eigent­li­che Besteue­rung (§§ 134 ff. AO), son­dern dar­über hin­aus auch für die Erhe­bung (§§ 218 ff. AO) und Voll­stre­ckung (§§ 249 ff. AO) der betref­fen­den Steu­ern und gege­be­nen­falls auch für die Ent­schei­dung über einen Ein­spruch (§ 367 Abs. 1 Satz 2 AO) zustän­dig – und zwar auch dann, wenn sich der Streit auf Jah­re bezieht, die vor dem Zustän­dig­keits­wech­sel lie­gen.

Gemäß § 218 Abs. 2 AO ent­schei­det die Finanz­be­hör­de über Strei­tig­kei­ten, die die Ver­wirk­li­chung von Ansprü­chen aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis betref­fen, durch Abrech­nungs­be­scheid.

Der Abrech­nungs­be­scheid ent­hält dabei grund­sätz­lich nur die Fest­stel­lung, ob und inwie­weit der fest­ge­setz­te Anspruch aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis bereits ver­wirk­licht (also erfüllt) oder noch zu ver­wirk­li­chen ist; d.h. er ent­schei­det dar­über, ob eine bestimm­te Zah­lungs­ver­pflich­tung durch Zah­lung, Auf­rech­nung, Ver­rech­nung, Erlass, Ein­tritt der Zah­lungs­ver­jäh­rung oder ob eine Schuld bereits vor der Begrün­dung der Zah­lungs­pflicht oder infol­ge von Voll­stre­ckungs­maß­nah­men erlo­schen ist 3.

Als Aus­nah­me zu die­sem Grund­satz ist in der Recht­spre­chung des BFH aner­kannt, dass der Abrech­nungs­be­scheid bei Strei­tig­kei­ten über die Recht­mä­ßig­keit der Erhe­bung von Säum­nis­zu­schlä­gen unter dem Gesichts­punkt der Gewähr­leis­tung eines effek­ti­ven Rechts­schut­zes nicht nur über den Fort­be­stand der Zah­lungs­ver­pflich­tung ent­schei­det, son­dern auch dar­über, ob Säum­nis­zu­schlä­ge über­haupt ent­stan­den sind und ggf. in wel­cher Höhe 4. Damit wird ein zusätz­li­ches Rege­lungs­be­dürf­nis hin­sicht­lich des Ent­ste­hens von Säum­nis­zu­schlä­gen aner­kannt, soweit eine Über­prü­fung des Ent­ste­hens die­ser Säum­nis­zu­schlä­ge nach Grund und Höhe erfor­der­lich ist. Das betrifft ins­be­son­de­re die Fra­gen, ob die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Ent­ste­hung von Säum­nis­zu­schlä­gen nach § 240 AO erfüllt sind oder ob außer­halb der Ver­wirk­li­chung des Tat­be­stands des § 240 AO trotz Bestehens einer Säum­nis Umstän­de vor­lie­gen, die das Ent­ste­hen von Säum­nis­zu­schlä­gen hin­dern, z.B. weil für bestimm­te Zeit­räu­me, für die sie erho­ben wer­den könn­ten, Stun­dung oder Aus­set­zung der Voll­zie­hung (AdV) gewährt wor­den ist, oder soweit sich die Par­tei­en über die Wir­kung einer AdV oder eines Voll­stre­ckungs­auf­schubs im Hin­blick auf die Ver­wir­kung von Säum­nis­zu­schlä­gen strei­ten 5.

Im Hin­blick auf die Funk­ti­on des Abrech­nungs­be­scheids sind die Anfor­de­run­gen an die nach § 119 AO erfor­der­li­che inhalt­li­che Bestimmt­heit die­ses Ver­wal­tungs­akts so aus­zu­rich­ten, dass die Klä­rung der im Ein­zel­fall bestehen­den Strei­tig­keit erreicht wird 6. Wird über die Ent­ste­hung von Säum­nis­zu­schlä­gen gestrit­ten, müs­sen die­se nach Art, Zeit­raum und Betrag auf­ge­führt wer­den und zwar bezo­gen auf jede ein­zel­ne Steu­er­schuld getrennt; es genügt nicht, wenn die Säum­nis­zu­schlä­ge vom Gesamt­be­trag der Steu­er­for­de­run­gen berech­net wer­den 7. Des Wei­te­ren sind ggf. Fest­stel­lun­gen dar­über erfor­der­lich, ob der Steu­er­an­spruch ver­jährt ist oder nicht 8. Dabei genügt es, wenn sich die erfor­der­li­chen Anga­ben aus der Ein­spruchs­ent­schei­dung erge­ben 9.

Zustän­dig für die Ent­schei­dung durch Abrech­nungs­be­scheid ist gemäß § 218 Abs. 2 Satz 1 AO "die Finanz­be­hör­de". Das ist die nach den all­ge­mei­nen Zustän­dig­keits­re­ge­lun­gen der §§ 16 ff. AO zustän­di­ge Finanz­be­hör­de.

An der Auf­fas­sung, dass für Ent­schei­dun­gen durch Abrech­nungs­be­scheid die­je­ni­ge Behör­de zustän­dig ist, die den Anspruch aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis fest­ge­setzt hat, um des­sen Ver­wirk­li­chung gestrit­ten wird 10, hält der Bun­des­fi­nanz­hof nicht mehr fest. Das gilt ins­be­son­de­re auch für die in dem genann­ten BFH, Urteil ver­tre­te­ne Auf­fas­sung, die Rege­lun­gen in §§ 19, 26 AO beträ­fen allein die ört­li­che Zustän­dig­keit der Finanz­be­hör­den für die Durch­füh­rung der (eigent­li­chen) Besteue­rung i.S. der §§ 134 ff. AO, nicht aber die Zustän­dig­keit im Erhe­bungs­ver­fah­ren nach §§ 218 ff. AO 11. Auch für die Zustän­dig­keit nach § 19 AO gilt der Grund­satz der Gesamt­zu­stän­dig­keit 12.

Grund­sätz­lich ent­schei­det die danach zustän­di­ge Behör­de gemäß § 367 Abs. 1 Satz 1 AO auch über einen Ein­spruch gegen den Abrech­nungs­be­scheid. Ist aller­dings nach­träg­lich nach den all­ge­mei­nen Zustän­dig­keits­re­ge­lun­gen der §§ 16 ff. AO eine ande­re Finanz­be­hör­de für den Steu­er­fall zustän­dig gewor­den, ohne dass eine Zustän­dig­keits­ver­ein­ba­rung nach § 26 Satz 2 AO getrof­fen wor­den ist oder getrof­fen wird, ent­schei­det gemäß § 367 Abs. 1 Satz 2 AO die­se Finanz­be­hör­de. Maß­geb­lich ist die Zustän­dig­keit der ande­ren Finanz­be­hör­de im Zeit­punkt der Bekannt­ga­be der Ein­spruchs­ent­schei­dung 13.

Aus­ge­hend von die­sen Grund­sät­zen sind im hier ent­schie­de­nen Streit­fall sowohl der ange­foch­te­ne Abrech­nungs­be­scheid als auch die Ein­spruchs­ent­schei­dung for­mell recht­mä­ßig. Ins­be­son­de­re sind sie auch von der jeweils zustän­di­gen Finanz­be­hör­de erlas­sen wor­den:

Der strei­ti­ge Abrech­nungs­be­scheid ist von dem zu die­sem Zeit­punkt (ohne­hin) noch nach § 19 Abs. 3 Satz 1 AO zustän­di­gen Finanz­amt 1 erlas­sen wor­den. Zu einem Zustän­dig­keits­wech­sel ist es erst im Ver­lauf des Ein­spruchs­ver­fah­rens und damit nach Erge­hen des Abrech­nungs­be­scheids gekom­men; die sich dar­aus erge­ben­de (geän­der­te) Zustän­dig­keit des Finanz­amt für die Ent­schei­dung über den Ein­spruch folgt aus § 367 Abs. 1 Satz 2 AO i.V.m. § 19 Abs. 3 Satz 1, § 26 AO.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 19. März 2019 – VII R 27/​17

  1. BFH, Urteil vom 12.07.2011 – VII R 69/​10, BFHE 234, 114[]
  2. so noch BFH, Urteil vom 12.07.2011 – VII R 69/​10, BFHE 234, 114[]
  3. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BFH, Urtei­le vom 18.04.2006 – VII R 77/​04, BFHE 212, 29, BSt­Bl II 2006, 578; und vom 12.08.1999 – VII R 92/​98, BFHE 189, 331, BSt­Bl II 1999, 751, m.w.N.[]
  4. BFH, Urteil in BFHE 212, 29, BSt­Bl II 2006, 578, m.w.N.[]
  5. BFH, Urteil in BFHE 212, 29, BSt­Bl II 2006, 578; s. auch Alber in HHSp, § 218 AO Rz 101[]
  6. vgl. BFH, Urteil vom 04.02.1997 – VII R 50/​96, BFHE 182, 276, BSt­Bl II 1997, 479[]
  7. vgl. BFH, Urteil vom 01.08.1979 – VII R 115/​76, BFHE 128, 251, BSt­Bl II 1979, 714, am Ende[]
  8. vgl. BFH, Urteil vom 05.07.1988 – VII R 142/​84, BFH/​NV 1990, 69[]
  9. s. BFH, Urteil in BFHE 182, 276, BSt­Bl II 1997, 479, unter 2. der Ent­schei­dungs­grün­de[]
  10. BFH, Urteil in BFHE 234, 114, DStR 2011, 1758, m.w.N.[]
  11. s. auch die Kri­tik von Bergan/​Martin, DStR 2012, 171; eben­so Sun­der-Plass­mann in HHSp, § 17 AO Rz 9 und § 19 AO Rz 5; Drüen in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 17 AO Rz 5 und § 19 AO Rz 3; Schmies­zek in Gosch, AO § 19 Rz 7; Klein/​Rätke, AO, 14. Aufl., § 19 Rz 2; Klein/​Rüsken, a.a.O., § 218 Rz 34d[]
  12. so zutref­fend Sun­der-Plass­mann in HHSp, § 19 AO Rz 5; zur Hand­ha­bung durch die Ver­wal­tung s. auch Baye­ri­sches Lan­des­amt für Steu­ern, Ver­fü­gung vom 27.10.2017 S 0127.01.1 – 6/​6 St 42, Beck­Verw 347969; OFD Nie­der­sach­sen vom 20.01.2016 – S 0127 – 1‑St 142, Beck­Verw 323189[]
  13. Bir­ken­feld in HHSp, § 367 AO Rz 77; eben­so Seer in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 367 AO Rz 4[]