Zustel­lung statt Ver­kün­dung – bei Urtei­len des Ein­zel­rich­ters

Nach § 104 Abs. 2 FGO st statt der Ver­kün­dung die Zustel­lung des Urteils zuläs­sig; dann ist das Urteil bin­nen zwei Wochen nach der münd­li­chen Ver­hand­lung der Geschäfts­stel­le zu über­mit­teln.

Zustel­lung statt Ver­kün­dung – bei Urtei­len des Ein­zel­rich­ters

Zweck der Rege­lung ist es nicht nur, den Betei­lig­ten als­bald Gewiss­heit über die getrof­fe­ne Ent­schei­dung zu ver­schaf­fen; sie dient viel­mehr vor­nehm­lich dazu, den not­wen­di­gen Zusam­men­hang zwi­schen münd­li­cher Ver­hand­lung und Urteil zu wah­ren und sicher­zu­stel­len, dass der Inhalt des Urteils dem Gesamt­ergeb­nis des Ver­fah­rens ein­schließ­lich der in der münd­li­chen Ver­hand­lung gewon­ne­nen Über­zeu­gung der betei­lig­ten Rich­ter ent­spricht.

Die­ser zeit­li­che Zusam­men­hang ist in der Regel nicht gewahrt, wenn das Urteil erst nach Ablauf von zwei Wochen nach der münd­li­chen Ver­hand­lung gefällt wird [1]. Das Urteil muss somit vor Ablauf der in § 104 Abs. 2 FGO bestimm­ten Frist von zwei Wochen beschlos­sen wor­den sein [2].

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat des­halb ein Urteil wegen eines Ver­sto­ßes gegen § 116 Abs. 2 VwGO, der dem § 104 Abs. 2 FGO ent­spricht, auf­ge­ho­ben, weil die Urteils­for­mel erst drei­ein­halb Mona­te nach Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung beschlos­sen wor­den war [3].

Das Urteil ist gefällt, wenn die Ent­schei­dungs­for­mel vom Gericht fest­ge­legt wur­de. Es kann bereits dann auf einem Ver­stoß gegen § 104 Abs. 2 Halb­satz 2 FGO beru­hen, wenn zwei­fel­haft ist, ob die Ent­schei­dungs­for­mel in hin­rei­chend engem zeit­li­chen Zusam­men­hang mit der münd­li­chen Ver­hand­lung vom Gericht fest­ge­legt wur­de [4].

Wäh­rend bei BFH, Urtei­len des Finanz­ge­richt, bei denen die Ent­schei­dungs­for­mel nach Bera­tung aller mit­wir­ken­den Rich­ter ein­schließ­lich der ehren­amt­li­chen Rich­ter (§ 5 Abs. 3 Satz 1 FGO) übli­cher­wei­se an dem Tag beschlos­sen wird, an dem die münd­li­che Ver­hand­lung statt­ge­fun­den hat, weil die ehren­amt­li­chen Rich­ter im Regel­fall nur an die­sem Tag im Gericht anwe­send sind [5], kann bei der Ent­schei­dung durch einen Ein­zel­rich­ter davon nicht aus­ge­gan­gen wer­den. Eine etwai­ge vom Ein­zel­rich­ter gedank­lich getrof­fe­ne Ent­schei­dung über das Ergeb­nis des Urteils ist eine inne­re Tat­sa­che, die wie alle sich in der Vor­stel­lung von Men­schen abspie­len­den Vor­gän­ge nur anhand äußer­li­cher Merk­ma­le beur­teilt wer­den kann [6]. Solan­ge es an sol­chen äußer­li­chen Merk­ma­len fehlt, kann die blo­ße gedank­lich getrof­fe­ne Ent­schei­dung des Ein­zel­rich­ters nicht als Fest­le­gung der Urteils­for­mel und somit als Fäl­lung des Urteils beur­teilt wer­den. Der Ein­zel­rich­ter kann eine sol­che Ent­schei­dung jeder­zeit pro­blem­los ändern, ohne auf die Mit­wir­kung ande­rer Rich­ter ange­wie­sen zu sein. Etwai­ge schrift­li­che Noti­zen des Ein­zel­rich­ters, die ledig­lich für sei­ne per­sön­li­che Ver­wen­dung bestimmt sind, sind eben­falls nicht zur Besei­ti­gung von Zwei­feln geeig­net, ob er die Ent­schei­dungs­for­mel in hin­rei­chend engem zeit­li­chen Zusam­men­hang mit der münd­li­chen Ver­hand­lung fest­ge­legt hat. Sol­che Noti­zen brin­gen ledig­lich die vor­läu­fi­ge Ansicht des Ein­zel­rich­ters zum Aus­druck. Sie hin­dern ihn nicht dar­an, die­se Ansicht noch zu ändern. Hat sich der Ein­zel­rich­ter für eine Urteils­for­mel ent­schie­den, kann er die­se in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 105 Abs. 4 Satz 2 FGO in der Form eines von ihm unter­schrie­be­nen Urteils ohne Tat­be­stand, Ent­schei­dungs­grün­de und Rechts­mit­tel­be­leh­rung an die Geschäfts­stel­le über­mit­teln [7]. Solan­ge dies nicht gesche­hen ist, bestehen zumin­dest Zwei­fel, ob sich der Ein­zel­rich­ter bereits für ein bestimm­tes Ergeb­nis ent­schie­den hat.

Die­se Zwei­fel kön­nen nicht durch eine Ver­neh­mung des Ein­zel­rich­ters als Zeu­gen besei­tigt wer­den. Selbst wenn er aus­sa­gen wür­de, er habe sich inner­halb der in § 104 Abs. 2 FGO bestimm­ten Frist von zwei Wochen für ein bestimm­tes Ergeb­nis ent­schie­den, könn­te die­se gedank­lich oder in einer schrift­li­chen Notiz für den Eigen­ge­brauch getrof­fe­ne Ent­schei­dung nicht als Fest­le­gung der Urteils­for­mel und Fäl­lung des Urteils gewer­tet wer­den; denn der Ein­zel­rich­ter hät­te eine sol­che Ent­schei­dung pro­blem­los ohne Mit­wir­kung ande­rer Rich­ter jeder­zeit ändern kön­nen.

Ein­zel­rich­ter­ur­tei­le unter­schei­den sich dadurch von BFH, Urtei­len, bei denen die betei­lig­ten Rich­ter ein­schließ­lich der ehren­amt­li­chen Rich­ter über das Urteil bera­ten und abstim­men (§ 52 Abs. 1 FGO i.V.m. §§ 194 bis 197 des Gerichts­ver­fas­sungs­ge­set­zes). Auf­grund der Abstim­mung steht der Zeit­punkt fest, zu dem das Urteil gefällt wur­de. Der BFH kann über die­sen Zeit­punkt ggf. im Wege des Frei­be­wei­ses durch Ver­neh­mung der betei­lig­ten Rich­ter Beweis erhe­ben [8]. Einen der­ar­ti­gen kon­kre­ten Zeit­punkt für die Fäl­lung des nicht ver­kün­de­ten Urteils gibt es beim Ein­zel­rich­ter erst, wenn er das von ihm unter­schrie­be­ne Urteil ggf. ohne Tat­be­stand, Ent­schei­dungs­grün­de und Rechts­mit­tel­be­leh­rung an die Geschäfts­stel­le über­mit­telt.

Im Streit­fall ist somit ein Ver­stoß gegen § 104 Abs. 2 FGO gege­ben. Der not­wen­di­ge zeit­li­che Zusam­men­hang zwi­schen münd­li­cher Ver­hand­lung und Urteil ist nicht gewahrt. Der Ein­zel­rich­ter hat das Urteil erst knapp vier Mona­te nach der münd­li­chen Ver­hand­lung an die Geschäfts­stel­le über­mit­telt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 3. Febru­ar 2016 – II B 67/​15

  1. BFH, Urteil vom 19.09.2012 – IV R 45/​09, BFHE 239, 66, BStBl II 2013, 123, Rz 27 f., m.w.N. auch zur Recht­spre­chung des BVerwG[]
  2. BFH, Beschluss vom 20.12 2012 – X B 54/​12, BFH/​NV 2013, 747, Rz 8[]
  3. BVerwG, Beschluss vom 06.05.1998 – 7 B 437.97, BVerw­GE 106, 366[]
  4. BFH, Beschluss vom 12.03.2004 – VII B 239/​02, BFH/​NV 2004, 1114, unter II.B.01.a dd[]
  5. vgl. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2004, 1114, unter II.B.01.b[]
  6. zur Fest­stel­lung inne­rer Tat­sa­chen vgl. z.B. BFH, Urteil vom 11.08.2010 – IX R 3/​10, BFHE 230, 557, BStBl II 2011, 166, Rz 17, m.w.N.[]
  7. vgl. z.B. BFH, Beschluss vom 20.11.2007 – VII B 340/​06, BFH/​NV 2008, 581, unter II. 2.[]
  8. BFH, Urteil in BFHE 239, 66, BStBl II 2013, 123, Rz 31, 33[]