Zwangs­geld gegen Insol­venz­ver­wal­ter wegen Nicht­ab­ga­be von "Null-Erklä­run­gen"

Die Fest­set­zung von Zwangs­geld zur Durch­set­zung der steu­er­li­chen Erklä­rungs­pflich­ten des Insol­venz­ver­wal­ters ist weder unver­hält­nis­mä­ßig noch ermes­sens­feh­ler­haft, auch wenn vor­aus­sicht­lich nicht mit steu­er­li­chen Aus­wir­kun­gen zu rech­nen ist.

Zwangs­geld gegen Insol­venz­ver­wal­ter wegen Nicht­ab­ga­be von

Gemäß § 328 Abs. 1 AO kann ein Ver­wal­tungs­akt, der auf Vor­nah­me einer Hand­lung gerich­tet ist, mit Zwangs­mit­teln (Zwangs­geld, Ersatz­vor­nah­me, unmit­tel­ba­rer Zwang) durch­ge­setzt wer­den. Damit ist der Finanz­be­hör­de in einem ers­ten Schritt eine Ermes­sens­ent­schei­dung abver­langt, ob sie ein Zwangs­mit­tel anwen­den soll (Ent­schlie­ßungs­er­mes­sen), und in einem zwei­ten Schritt, wel­ches der drei abschlie­ßend auf­ge­führ­ten Mit­tel sach­ge­recht ist (Aus­wahler­mes­sen).

Eine Kor­rek­tur der Ermes­sens­ent­schei­dung ist dem Finanz­ge­richt nur unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 102 FGO erlaubt. Danach prüft es, ob die gesetz­li­chen Gren­zen des Ermes­sens über­schrit­ten wur­den oder die Behör­de von ihrem Ermes­sen in einer dem Zweck der Ermäch­ti­gung nicht ent­spre­chen­den Wei­se Gebrauch gemacht hat 1. Hin­sicht­lich die­ser letzt­ge­nann­ten Alter­na­ti­ve ist die gericht­li­che Prü­fung dar­auf beschränkt, ob ein sog. Ermes­sens­fehl­ge­brauch vor­liegt, die Aus­übung des Ermes­sens also recht­lich zu bean­stan­den ist. Hin­ge­gen ist das Gericht nicht befugt, eine eige­ne Ermes­sens­ent­schei­dung zu tref­fen und die­se an die Stel­le der behörd­li­chen Ermes­sens­ent­schei­dung zu set­zen 2.

Den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt sind kei­ne Anhalts­punk­te für einen Ermes­sens­fehl­ge­brauch des Finanz­amt zu ent­neh­men. Da der Klä­ger die Zwangs­geld­an­dro­hun­gen hat bestands­kräf­tig wer­den las­sen, könn­ten ohne­hin nur sol­che Umstän­de einen Ermes­sens­feh­ler bei der Zwangs­geld­fest­set­zung begrün­den, die nicht schon bei der Andro­hung des Zwangs­gel­des hät­ten berück­sich­tigt wer­den kön­nen und müs­sen. Der­ar­ti­ge Umstän­de, die ein Abse­hen von der Fest­set­zung der Zwangs­gel­der gebö­ten, sind nicht ersicht­lich. Auch das Finanz­ge­richt meint nicht, das Finanz­amt habe sei­ne Ent­schei­dung auf­grund eines unrich­ti­gen oder unvoll­stän­di­gen Sach­ver­halts getrof­fen. Es hält die Ent­schei­dung viel­mehr gera­de wegen der auch dem Finanz­amt bekann­ten Sach­la­ge, dass die Abga­be der gefor­der­ten Erklä­run­gen durch den Klä­ger mit hoher Wahr­schein­lich­keit kei­ne steu­er­li­chen Aus­wir­kun­gen haben dürf­te, für ver­fehlt und unzweck­mä­ßig. Damit bean­stan­det es die Wer­tung der bei der Ermes­sens­ent­schei­dung zu berück­sich­ti­gen­den und vom Finanz­amt auch berück­sich­tig­ten Umstän­de und setzt im Ergeb­nis sei­ne für rich­ti­ger gehal­te­ne Ermes­sens­ent­schei­dung, von der Fest­set­zung der Zwangs­gel­der abzu­se­hen, anstel­le der­je­ni­gen des Finanz­amt. Soweit aber reicht die gericht­li­che Kon­troll­kom­pe­tenz des § 102 FGO nicht.

Die Wah­rung des Grund­sat­zes der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit jeg­li­cher belas­ten­den behörd­li­chen Maß­nah­me ist eine Rechts­pflicht, deren Ein­hal­tung der unein­ge­schränk­ten gericht­li­chen Über­prü­fung unter­liegt 3.

Der vor­lie­gend vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall weist aller­dings nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs kei­ne Beson­der­hei­ten auf, die die Annah­me recht­fer­ti­gen könn­ten, die –regel­mä­ßig zuläs­si­ge und gebo­te­ne– Durch­set­zung der auch vom Insol­venz­ver­wal­ter zu erfül­len­den Erklä­rungs­pflich­ten durch Fest­set­zung der bestands­kräf­tig ange­droh­ten Zwangs­gel­der sei aus­nahms­wei­se unver­hält­nis­mä­ßig. Wie das Finanz­ge­richt zutref­fend aus­ge­führt hat, steht der Durch­set­zung der steu­er­li­chen Pflich­ten des Insol­venz­ver­wal­ters weder ent­ge­gen, dass mög­li­cher­wei­se ent­ste­hen­de Kos­ten die Insol­venz­mas­se belas­ten, obwohl kei­ne steu­er­li­chen Aus­wir­kun­gen zu erwar­ten sind 4, noch dass das Finanz­amt die Mög­lich­keit der Schät­zung hät­te wahr­neh­men kön­nen 5.

Im vor­lie­gen­den Fall hat das Finanz­amt zudem zutref­fend dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Erfül­lung sei­ner Erklä­rungs­pflich­ten für den Klä­ger schon des­halb kei­nen unver­hält­nis­mä­ßi­gen Auf­wand bedeu­te­te, weil er die dafür erfor­der­li­chen Vor­ar­bei­ten mit sei­nem Schluss­be­richt gegen­über dem Insol­venz­ge­richt bereits geleis­tet habe und die Erstel­lung der sich dar­aus nach sei­nen eige­nen Anga­ben erge­ben­den "Null-Erklä­run­gen" ihm als Rechts­an­walt kei­ne Schwie­rig­keit berei­ten soll­te.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 6. Novem­ber 2012 – VII R 72/​11

  1. vgl. BFH, Urteil vom 28.09.2011 – VIII R 8/​09, BFHE 235, 298, BSt­Bl II 2012, 395[]
  2. BFH, Urteil vom 28.09.2010 – VII R 45/​09, BFHE 231, 409, ZfZ 2011, 12; vgl. Gräber/​von Groll, Finanz­ge­richts­ord­nung, 7. Aufl., § 102 Rz 14[]
  3. vgl. BFH, Beschluss vom 01.08.2005 – VII B 97/​04, BFH/​NV 2005, 2255; s. auch BFH, Urteil vom 17.05.2011 – VII R 40/​10, BFHE 233, 567, ZfZ 2011, 247[]
  4. vgl. BFH, Urteil vom 23.08.1994 – VII R 143/​92, BFHE 175, 309, BSt­Bl II 1995, 194[]
  5. BFH, Urteil vom 13.02.1996 – VII R 43/​95, BFH/​NV 1996, 530[]