3 Pro­mil­le

Es gibt kei­nen gesi­cher­ten Rechts- oder Erfah­rungs­satz, wonach ab einer bestimm­ten Höhe der Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on ohne Rück­sicht auf psy­cho­dia­gnos­ti­sche Beur­tei­lungs­kri­te­ri­en regel­mä­ßig vom Vor­lie­gen einer krank­haf­ten see­li­schen Stö­rung aus­zu­ge­hen ist.

3 Pro­mil­le

Bei einem Wert von über 2 ‰ ist eine erheb­li­che Her­ab­set­zung der Hem­mungs­fä­hig­keit aber je nach den Umstän­den des Ein­zel­fal­les in Betracht zu zie­hen, nahe­lie­gend oder gar in hohem Maße wahr­schein­lich 1.

Bei Tötungs­de­lik­ten ist ab einer Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on von 2, 2 ‰ eine erheb­li­che Ver­min­de­rung der Steue­rungs­fä­hig­keit in Betracht zu zie­hen 2.

Für die Beant­wor­tung der Fra­ge, ob die Vor­aus­set­zun­gen des § 21 StGB gege­ben sind, kommt es dem­nach – gesamt­wür­di­gend – sowohl auf die Höhe der Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on als auch auf die psy­cho­dia­gnos­ti­schen Kri­te­ri­en an 3.

Dabei steht das Feh­len von Aus­fall­erschei­nun­gen einer erheb­li­chen Ver­min­de­rung der Steue­rungs­fä­hig­keit nicht unbe­dingt ent­ge­gen; gera­de bei – wie hier – alko­hol­ge­wöhn­ten Tätern kön­nen äuße­res Leis­tungs­ver­hal­ten und inne­re Steue­rungs­fä­hig­keit durch­aus weit aus­ein­an­der fal­len 4.

Im vor­lie­gen­den Fall kommt hin­zu, dass die Fest­stel­lung, der Ange­klag­te habe nach der Rück­kehr zur Woh­nung kei­ne Aus­fall­erschei­nun­gen gezeigt, auf Anga­ben von Zeu­gen beru­hen, die ent­we­der eben­falls dem Alko­hol zuge­spro­chen hat­ten oder unter dem Ein­fluss von Schmerz­mit­teln stan­den. Soweit sich die Urteils­grün­de auf die Aus­sa­gen die­ser Zeu­gen stüt­zen, wären etwai­ge alko­ho­li­sche bzw. medi­ka­men­tö­se Aus­wir­kun­gen auf deren Wahr­neh­mung und Bewer­tung des Ver­hal­tens des Ange­klag­ten zu erör­tern gewe­sen 5.

Zudem las­sen sich im hier ent­schie­de­nen Fall gewich­ti­ge psy­cho­dia­gnos­ti­sche Gegen­in­di­zi­en, die geeig­net sein könn­ten, die Indi­zwir­kung der Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on für die Beur­tei­lung der Schuld­fä­hig­keit des Ange­klag­ten zu rela­ti­vie­ren, dem Urteil nicht aus­rei­chend ent­neh­men. Die Wer­tung der Straf­kam­mer, der Ange­klag­te habe sich situa­ti­ons­ad­äquat und ziel­ge­rich­tet ver­hal­ten, steht viel­mehr im Wider­spruch zu den Fest­stel­lun­gen. Danach trägt bereits das Gesamt­bild der Tat­aus­füh­rung deut­li­che Züge einer spon­ta­nen und unüber­leg­ten Hand­lung.

Der Bun­des­ge­richts­hof weist im Übri­gen dar­auf hin, dass die Straf­zu­mes­sungs­er­wä­gung des Land­ge­richts, zu Las­ten des Ange­klag­ten zu wer­ten sei, dass er "ohne Anlass zum wie­der­hol­ten Male das Gespräch mit dem Geschä­dig­ten gesucht" habe, recht­li­chen Beden­ken begeg­net. Tat­mo­da­li­tä­ten dür­fen einem Ange­klag­ten nur dann ohne Abstri­che straf­schär­fend zur Last gelegt wer­den, wenn sie in vol­lem Umfang vor­werf­bar sind, nicht aber, wenn ihre Ursa­che in einer von ihm nicht oder nur ein­ge­schränkt zu ver­tre­te­nen geis­tig­see­li­schen Beein­träch­ti­gung liegt 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. April 2015 – 2 StR 444/​14

  1. BGH, Urteil vom 29.04.1997 – 1 StR 511/​95, BGHSt 43, 66, 75 f.; Beschluss vom 07.02.2012 – 5 StR 545/​11, NStZ-RR 2012, 137[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 18.03.1998 – 2 StR 5/​98, BGHR StGB § 21 Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on 35; wei­te­re Nach­wei­se bei Streng in Mün­che­ner Kom­men­tar, StGB, 2. Aufl., § 20 Rn. 68[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 29.04.1997 – 1 StR 511/​95, BGHSt 43, 66, 75 f.[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 12.06.2007 – 4 StR 187/​07, NStZ 2007, 696; Fischer, StGB, 62. Aufl., § 20 Rn. 23a, jeweils mwN[]
  5. vgl. BGH Beschluss vom 26.05.2009 – 5 StR 57/​09, BGHR StGB § 21 Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on 41[]
  6. vgl. Fischer, StGB, 62. Aufl., § 46 Rn. 32 mwN[]