Rädels­füh­rer einer aus­län­di­schen ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung

Mit der Fra­ge der Rädels­füh­rer­schaft in einer aus­län­di­schen ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung hat­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in einem Ver­fah­ren gegen einen Funk­tio­när der tür­ki­schen DHKP‑C zu befas­sen.

Rädels­füh­rer einer aus­län­di­schen ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung

Nach gefes­tig­ter, ursprüng­lich zu § 90a StGB aF ent­wi­ckel­ter und spä­ter auf die §§ 129, 129a StGB über­tra­ge­ner Recht­spre­chung ist Rädels­füh­rer, wer in der Ver­ei­ni­gung dadurch eine füh­ren­de Rol­le spielt, dass er sich in beson­ders maß­ge­ben­der Wei­se für sie betä­tigt. Ent­schei­dend ist dabei nicht der Umfang, son­dern das Gewicht, das der geleis­te­te Bei­trag für die Ver­ei­ni­gung hat. Beson­ders maß­ge­bend ist eine Tätig­keit dann, wenn sie von Ein­fluss ist auf die Füh­rung der Ver­ei­ni­gung im Gan­zen oder in wesent­li­chen Tei­len, wenn also der Täter, falls er nicht schon selbst zu den Füh­rungs­kräf­ten gehört, doch durch sein Tun gleich­sam an der Füh­rung mit­wirkt 1. Der vom Täter aus­ge­üb­te Ein­fluss muss der Sache nach beträcht­lich sein 2. Eine rein for­ma­le Stel­lung inner­halb eines Füh­rungs­gre­mi­ums reicht für sich genom­men noch nicht aus 3. Lie­gen die genann­ten Vor­aus­set­zun­gen vor, so wird die Rädels­füh­rer­schaft ande­rer­seits nicht schon dadurch aus­ge­schlos­sen, dass der Täter von Wei­sun­gen abhän­gig ist 4.

Der Bun­des­ge­richts­hof hält an den dar­ge­stell­ten Grund­sät­zen fest. Er prä­zi­siert sie dahin, dass der bestim­men­de Ein­fluss des Täters als Füh­rungs­kraft bzw. als gleich­sam an der Füh­rung der Orga­ni­sa­ti­on mit­wir­ken­de Per­son sich auf die Ver­ei­ni­gung als sol­che rich­ten, mit­hin etwa die Bestim­mung der Orga­ni­sa­ti­ons­zwe­cke, tätig­kei­ten oder zie­le, die ideo­lo­gi­sche Aus­rich­tung der Ver­ei­ni­gung, deren Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur oder sons­ti­ge Belan­ge mit für die Ver­ei­ni­gung wesent­li­cher Bedeu­tung betref­fen muss. Die­se Aus­le­gung des Tat­be­stands­merk­mals ist gebo­ten auf­grund von des­sen Sinn und Zweck, die dahin gehen, "Draht­zie­her" 5, Füh­rungs­kräf­te und sol­che Per­so­nen zu erfas­sen, die kraft einer Schlüs­sel­stel­lung einen bestim­men­den Ein­fluss haben 6, der hohen, im Ver­gleich zum jewei­li­gen Grund­tat­be­stand deut­lich gestei­ger­ten Straf­dro­hung des § 129a Abs. 4 StGB (Frei­heits­stra­fe nicht unter drei Jah­ren in den Fäl­len des § 129a Abs. 1 und 2, Frei­heits­stra­fe von einem Jahr bis zu zehn Jah­ren in den Fäl­len des § 129a Abs. 3 StGB) sowie der gesetz­li­chen Gleich­stel­lung des Rädels­füh­rers mit dem Hin­ter­mann. Für letz­te­ren ist kenn­zeich­nend, dass er zwar – im Unter­schied zum Rädels­füh­rer – nicht Mit­glied der Ver­ei­ni­gung ist, gleich­wohl aber die Ver­ei­ni­gung als Außen­ste­hen­der dadurch wesent­lich för­dert, dass er geis­tig oder wirt­schaft­lich maß­ge­ben­den Ein­fluss auf die Füh­rung der Ver­ei­ni­gung hat 7.

Die­se Grund­sät­ze gel­ten auch bei Betä­ti­gun­gen für Ver­ei­ni­gun­gen im Aus­land, die seit Ein­fü­gung des § 129b in das Straf­ge­setz­buch durch das 34. StrÄndG vom 22. August 2002 8 unter Stra­fe gestellt sind; denn § 129b Abs. 1 Satz 1 StGB ver­weist inso­weit ohne Ein­schrän­kung auf die §§ 129 und 129a StGB. In die­sen Fäl­len ist den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen des­halb nicht ohne Wei­te­res allein dadurch Genü­ge getan, dass der Täter auf eine mög­li­cher­wei­se bestehen­de inlän­di­sche Teil­or­ga­ni­sa­ti­on der Ver­ei­ni­gung 9 maß­ge­ben­den Ein­fluss hat, mag die­ser auch in dem Gesamt­ge­fü­ge der Ver­ei­ni­gung eine nicht uner­heb­li­che Bedeu­tung zukom­men. Erfor­der­lich ist viel­mehr, dass der Täter in dem näher umschrie­be­nen Sin­ne als Füh­rungs­kraft der Gesamt­or­ga­ni­sa­ti­on anzu­se­hen ist oder durch sein Tun in sons­ti­ger Wei­se gleich­sam an der Füh­rung der Gesamt­ver­ei­ni­gung teil­nimmt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. Febru­ar 2012 – 3 StR 243/​11

  1. BGH, Urteil vom 02.10.1963 – 3 StR 34/​63, BGHSt 19, 109, 110[]
  2. BGH, Urteil vom 01.12.1964 – 3 StR 37/​64, BGHSt 20, 121, 123 f.[]
  3. LK/​Krauß, StGB, 12. Aufl., § 129 Rn. 173 mwN[]
  4. BGH, Beschluss vom 25.01.1956 – 6 StR 100/​55, bei Wag­ner GA 1960, 235[]
  5. BGH, Urteil vom 12.05.1954 – 6 StR 30/​54, BGHSt 6, 129, 130 mwN[]
  6. LK/​Krauß, StGB, 12. Aufl., § 129 Rn. 173[]
  7. BGH, Urteil vom 01.12.1964 – 3 StR 37/​64, BGHSt 20, 121, 123[]
  8. BGBl. I S. 3390[]
  9. zur Abgren­zung zwi­schen in- und aus­län­di­scher Ver­ei­ni­gung vgl. BGH, Beschluss vom 13.09.2011 – 3 StR 231/​11, NJW 2012, 325[]