Abse­hen vom Fahr­ver­bot – wegen Zeit­ab­laufs

Bei der Fra­ge, ob wegen Zeit­ab­laufs von der Ver­hän­gung eines Fahr­ver­bots gemäß § 44 StGB abzu­se­hen ist, ist die zwi­schen der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung und der Ent­schei­dung des Revi­si­ons­ge­richts ver­stri­che­ne Zeit nicht zu berück­sich­ti­gen.

Abse­hen vom Fahr­ver­bot – wegen Zeit­ab­laufs

Zwar kann es grund­sätz­lich gerecht­fer­tigt sein, von der Ver­hän­gung eines Fahr­ver­bo­tes abzu­se­hen, wenn die Tat lan­ge zurück­liegt und der Täter sich in der Zwi­schen­zeit ver­kehrs­ge­recht ver­hal­ten hat. Denn das Fahr­ver­bot hat nach der gesetz­ge­be­ri­schen Inten­ti­on in ers­ter Linie eine Erzie­hungs­funk­ti­on. Es ist als Denk­zet­tel- und Besin­nungs­maß­nah­me gedacht und aus­ge­formt und kann als sol­che sei­nen Sinn ver­lo­ren haben, wenn die zu ahnen­de Tat lan­ge zurück­liegt, die für die lan­ge Ver­fah­rens­dau­er maß­geb­li­chen Umstän­de außer­halb des Ein­fluss­be­reichs des Ange­klag­ten lie­gen und in der Zwi­schen­zeit kein wei­te­res Fehl­ver­hal­ten des Ange­klag­ten im Stra­ßen­ver­kehr fest­ge­stellt wor­den ist. Dabei wird der Sinn des Fahr­ver­bo­tes nach einer in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur erkenn­ba­ren Ten­denz in Fra­ge gestellt, wenn der zu ahnen­de Ver­kehrs­ver­stoß jeden­falls ein Jahr und neun Mona­te zurück­liegt [1].

Die­se Vor­aus­set­zung war im vor­lie­gen­den Fall zum Zeit­punkt der Haupt­ver­hand­lung vor dem Beru­fungs­ge­richt am 16.07.2015 noch nicht gege­ben (Tat­zeit: 8.12.2013), wes­halb für das Land­ge­richt kei­ne Ver­an­las­sung bestan­den hat, in den Urteils­grün­den die Fra­ge des Abse­hens von der Ver­hän­gung des Fahr­ver­bo­tes wegen des Zeit­ab­laufs seit der Tat zu erör­tern.

Die Zeit zwi­schen dem ange­foch­te­nen Urteil und der Ent­schei­dung des Revi­si­ons­ge­richts ist bei der Prü­fung der Fra­ge, ob wegen Zeit­ab­laufs von der Ver­hän­gung eines Fahr­ver­bots abzu­se­hen ist, jeden­falls für das straf­recht­li­che Fahr­ver­bot gemäß § 44 StGB nicht zu berück­sich­ti­gen [2]. Der in der Recht­spre­chung zum Fahr­ver­bot gemäß § 25 StVG teil­wei­se ver­tre­te­nen Auf­fas­sung, dass in jedem Fall auch der Zeit­raum bis zur Ent­schei­dung des Rechts­be­schwer­de­ge­richts in die Beur­tei­lung ein­zu­stel­len sei [3], kann jeden­falls für die Neben­stra­fe gemäß § 44 StGB nicht gefolgt wer­den. Denn das Revi­si­ons­ge­richt hat auf die Sach­rü­ge hin ledig­lich zu prü­fen, ob das Urteil des Tatrich­ters – auch was den Rechts­fol­gen­aus­spruch und ins­be­son­de­re die Ver­hän­gung und Begrün­dung eines Fahr­ver­bo­tes betrifft – Rechts­feh­ler auf­weist. Auf­grund der ein­ge­schränk­ten Prü­fungs­mög­lich­kei­ten kann das Revi­si­ons­ge­richt auf der Grund­la­ge der rechts­feh­ler­frei getrof­fe­nen und daher für das Revi­si­ons­ge­richt bin­den­den Fest­stel­lun­gen in dem ange­foch­te­nen Urteil auch nur für den Zeit­raum bis zur letz­ten tatrich­ter­li­chen Ver­hand­lung prü­fen, ob der Betrof­fe­ne nach der abge­ur­teil­ten Tat noch in ande­rer Wei­se straf­recht­lich bzw. stra­ßen­ver­kehrs­recht­lich in Erschei­nung getre­ten ist; ihm ist es jedoch ver­wehrt, hier­über eige­ne Fest­stel­lun­gen zu tref­fen [4].

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 10. März 2016 – 4 Ss 700/​15

  1. so ins­be­son­de­re BGH, wis­tra 2002, 57; vgl. auch Stree/​Kinzig in Schönke/​Schröder, StGB, 29. Aufl., § 44 Rn. 15 mwN[]
  2. anders OLG Hamm, StV 2004, 489, wobei dort das tatrich­ter­li­che Urteil man­gels Berück­sich­ti­gung der Wech­sel­wir­kung zwi­schen Haupt- und Neben­stra­fe einen Rechts­feh­ler ent­hielt; anders wohl auch Thü­rin­ger OLG, VRS 112, 351[]
  3. so OLG Zwei­brü­cken, DAR 2011, 649; KG Ber­lin, VRS 113, 69; impli­zit auch OLG Köln, Stra­Fo 2004, 287 und Bay­O­bLG, ZfSch 2004, 91; a.A. König in Hentschel/​König/​Dau­er, Stra­ßen­ver­kehrs­recht, 43. Aufl., § 25 StVG Rn. 24; OLG Olden­burg, NStZ-RR 2011, 385; OLG Hamm, DAR 2011, 409; OLG Cel­le, VD 2013, 200[]
  4. so zum Fahr­ver­bot gemäß § 25 StVG auch Saar­län­di­sches OLG, VRS 126, 203[]