Abse­hen vom Ver­fall – und die bestehen­den Schul­den

Da die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen, wel­che nach § 73c Abs. 1 Satz 2 StGB ein Abse­hen vom Ver­fall nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen ermög­li­chen, nicht zugleich einen Aus­schluss­grund nach § 73c Abs. 1 Satz 1 StGB bil­den kön­nen, folgt aus der Sys­te­ma­tik der Norm, dass das Nicht­mehr­vor­han­den­sein des Wer­tes des Erlang­ten im Ver­mö­gen des Betrof­fe­nen jeden­falls für sich genom­men kei­ne unbil­li­ge Här­te dar­stel­len kann 1.

Abse­hen vom Ver­fall – und die bestehen­den Schul­den

Für das Vor­lie­gen einer unbil­li­gen Här­te bedarf es daher zusätz­li­cher Umstän­de, wel­che die hohen Vor­aus­set­zun­gen des Tat­be­stands­merk­mals bele­gen. Eine unbil­li­ge Här­te im Sin­ne des § 73c Abs. 1 Satz 1 StGB kommt nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 2 nur dann in Betracht, wenn die Anord­nung des Ver­falls schlecht­hin unge­recht wäre und das Über­maß­ver­bot ver­let­zen wür­de. Die Aus­wir­kun­gen des Ver­falls müs­sen mit­hin im kon­kre­ten Ein­zel­fall außer Ver­hält­nis zu dem vom Gesetz­ge­ber mit der Maß­nah­me ange­streb­ten Zweck ste­hen. Es müs­sen beson­de­re Umstän­de vor­lie­gen, auf­grund derer mit der Voll­stre­ckung des Ver­falls eine außer­halb des Ver­falls­zwecks lie­gen­de zusätz­li­che Här­te ver­bun­den wäre, die dem Betrof­fe­nen auch unter Berück­sich­ti­gung des Zwecks des Ver­falls nicht zuge­mu­tet wer­den kann. Eine unbil­li­ge Här­te liegt dem­nach nicht schon dann vor, wenn der Ver­falls­be­trag nicht bei­ge­trie­ben wer­den kann oder der Betrof­fe­ne ver­mö­gens­los gewor­den ist.

Allein die Erwä­gung, der Ange­klag­te wer­de bei Haft­ent­las­sung deut­lich über 50 Jah­re alt sein und müs­se ange­sichts des wirt­schaft­li­chen Nie­der­gangs sei­ner Unter­neh­men noch­mals von vor­ne anfan­gen, genügt auch unter Berück­sich­ti­gung des Reso­zia­li­sie­rungs­ge­dan­kens für die Annah­me einer unbil­li­gen Här­te nicht.

Auch auf § 73c Abs. 1 Satz 2 1. Alt. StGB kann das Abse­hen von der Anord­nung des Wert­er­satz­ver­falls nicht gestützt wer­den. Die Aus­übung des dem Tatrich­ter durch die­se Vor­schrift ein­ge­räum­ten Ermes­sens erfor­dert nicht nur die Fest­stel­lung des aus der Straf­tat Erlang­ten, son­dern auch die Ermitt­lung des Wer­tes des noch vor­han­de­nen Ver­mö­gens, um die­se Wer­te ein­an­der gegen­über stel­len zu kön­nen 3.

Allein die Erwä­gung, "wei­te­re Schul­den" wür­den die Reso­zia­li­sie­rung des Ange­klag­ten mas­siv gefähr­den, machen die hier­nach erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen zu den Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen des Ange­klag­ten nicht ent­behr­lich.

Abschlie­ßend weist der Bun­des­ge­richts­hof auf die Mög­lich­keit hin, dass nach § 73c Abs. 1 StGB die Anord­nung des Ver­falls auf einen Teil des Erlang­ten beschränkt wer­den kann 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 1. Dezem­ber 2015 – 1 StR 321/​15

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 13.02.2014 – 1 StR 336/​13, BGHR Här­te 16; Urteil vom 26.03.2009 – 3 StR 579/​08, BGHR StGB § 73c Här­te 14; Urteil vom 12.07.2000 – 2 StR 43/​00, NStZ 2000, 589, 590[]
  2. vgl. nur BGH, Urteil vom 26.03.2009 – 3 StR 579/​08, BGHR StGB § 73c Här­te 14 mwN[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 29.04.2004 – 4 StR 586/​03, NStZ 2005, 454[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 26.03.2009 – 3 StR 579/​08, BGHR StGB § 73c Här­te 14; Beschluss vom 29.10.2002 – 3 StR 364/​02, NStZ-RR 2003, 75[]