Absti­nenz­kon­trol­le wäh­rend der Füh­rungs­auf­sicht

Eine Absti­nenz- und Kon­troll­wei­sung darf gem. § 68 b Abs. 1 Nr. 10 StGB nur dann erteilt wer­den, wenn auf­grund bestimm­ter Tat­sa­chen Grund für die Annah­me besteht, dass der Kon­sum sol­cher Mit­tel zur Bege­hung wei­te­rer Straf­ta­ten bei­tra­gen wird. Für eine rechts­staat­lich ein­wand­freie Ertei­lung die­ser Wei­sung ist es daher uner­läss­lich, dass die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer die für ihre Ent­schei­dungs­fin­dung maß­geb­li­chen Tat­sa­chen fest­stellt und in der Begrün­dung ihres Beschlus­ses mit­teilt. Ver­stößt sie gegen die­ses Gebot, ist der Beschluss auf­zu­he­ben und die Sache zurück­zu­ver­wei­sen, auch wenn die Aus­ge­stal­tung der Füh­rungs­auf­sicht nach dem Akten­in­halt sach­ge­recht sein könn­te [1].

Absti­nenz­kon­trol­le wäh­rend der Füh­rungs­auf­sicht

Im vor­lie­gend vom Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig hat die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer beim Land­ge­richt Han­no­ver nicht aus­rei­chend mit­ge­teilt, auf wel­che Fest­stel­lun­gen und wel­che Erwä­gun­gen sich die von ihr in Bezug auf Alko­hol getrof­fe­nen Anord­nun­gen stüt­zen. Allein die Fest­stel­lung im Urteil des Land­ge­richts Göt­tin­gen vom 05.03.2008, dass bei dem Ver­ur­teil­ten eine Abhän­gig­keit von Alko­hol und Koka­in bestehe, die zu einer Poly­to­xi­ko­ma­nie geführt habe, und bei dem Ver­ur­teil­ten ein Hang bestehe, berau­schen­de Mit­tel im Über­maß zu sich zu neh­men sowie infol­ge die­ses Han­ges die Gefahr von wei­te­ren erheb­li­chen rechts­wid­ri­gen Taten durch den Ver­ur­teil­ten bestehe, lässt nicht erken­nen, inwie­weit es beim Beschwer­de­füh­rer allein wegen des Genus­ses von Alko­hol zukünf­tig zu wei­te­ren Straf­ta­ten kom­men könn­te. Vor dem Hin­ter­grund, dass der Ver­ur­teil­te die Anlass­ta­ten, bei denen es sich aus­schließ­lich um Betäu­bungs­mit­tel­de­lik­te han­del­te, nicht unter Alko­hol­ein­fluss began­gen hat und sich auch aus den Vor­stra­fen kei­ne alko­hol­be­ding­te Straf­fäl­lig­keit des Ver­ur­teil­ten in der Ver­gan­gen­heit ergibt, hät­te es einer nähe­ren Begrün­dung durch die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer bedurft, war­um sie auch eine Alko­hol­ab­sti­nenz für erfor­der­lich erach­tet.

Ein gene­rel­ler Ver­dacht, dass die ent­hem­men­de Wir­kung des Alko­hols die Gefahr, wie­der Betäu­bungs­mit­tel zu kon­su­mie­ren, erhöht, ist nicht begründ­bar und nicht geeig­net, die Alko­hol­ab­sti­nen­zwei­sung nach Maß­ga­be des § 68 b Abs. 1 Nr. 10 StGB zu recht­fer­ti­gen. Zwar mag in Ein­zel­fäl­len ein Zusam­men­hang bestehen, jedoch ent­behrt die Annah­me, der Kon­sum bestimm­ter, zumal grund­sätz­lich lega­ler Sub­stan­zen wie Alko­hol beför­de­re auch den Miss­brauch ande­rer Rausch­mit­tel, einer hin­rei­chend kon­kre­ten, durch wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se gesi­cher­ten Tat­sa­chen­grund­la­ge [2].

Des wei­te­ren weist das Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig dar­auf hin, dass sich die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer mit der Fra­ge aus­ein­an­der­zu­set­zen haben wird, wer die Kos­ten für die Befol­gung der ggf. erneut aus­zu­spre­chen­den Wei­sun­gen nach § 68b Abs. 1 Nr. 10 und Nr. 11 StGB zu tra­gen hat. Das Ober­lan­des­ge­richt geht davon aus, dass Kos­ten der Absti­nenz­kon­trol­le kei­ne Kos­ten der Voll­stre­ckung son­dern des Ver­fah­rens i. S. v. §§ 464, 465 StPO sind, weil Wei­sun­gen nach § 68b StGB nicht voll­streckt wer­den kön­nen [3]. Viel­mehr ist über die Kos­ten­tra­gung betref­fend der Absti­nenz­kon­trol­len im Wege einer Anne­xent­schei­dung zur Wei­sungs­an­ord­nung nach § 68b Abs. 1 Satz 1 Nr. 10 StGB zu ent­schei­den [4]. Dabei sind einer­seits das Ver­an­las­ser­prin­zip und ande­rer­seits der Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz, der Maß­stab der Zumut­bar­keit ent­spre­chend § 68b Abs. 3 StGB sowie das öffent­li­che Inter­es­se an der Durch­füh­rung der Kon­trol­len zu berück­sich­ti­gen [5].

Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig, Beschluss vom 18. Novem­ber 2013 – 1 Ws 333/​13

  1. OLG Nürn­berg, Beschluss vom 15.06.2011 – 1 Ws 253/​11, Rn. 6; OLG Dres­den, NStZ-RR 2010, 126 f.; OLG Hamm, NStZ-RR 2009, 260[]
  2. OLG Köln, Beschluss vom 22.11.2012 – 2 Ws 776/​12, Rn. 29; a.A. OLG Mün­chen, Beschluss vom 09.08.2011 – 1 Ws 645 – 648/​11, Rn. 18, das bei Vor­lie­gen einer Poly­to­xi­ko­ma­nie die Unter­sa­gung über­mä­ßi­gen Alko­hol­kon­sums für zuläs­sig erach­tet, dabei aber ver­kennt, dass nur ein abso­lu­tes Kon­sum­ver­bot nach § 68 b Abs. 1 Nr. 10 StGB zuläs­sig ist [vgl. OLG Frank­furt, NStZ-RR 11, 290][]
  3. vgl. auch OLG Bre­men, Beschluss vom 17.09.2010 – Ws 96/​10, Rn. 11; OLG Nürn­berg, Beschluss vom 23.03.2009 – 1 Ws 94/​09, Rn. 15, OLGSt StPO § 453 Nr. 11 mit Anmer­kung Peglau, juris­PR-StrafR 7/​2010 Anm. 2; OLG Dres­den, Beschluss vom 27.05.2008 – 2 Ws 256/​08, NStZ 2009, 268[]
  4. OLG Bre­men a. a. O.; OLG Nürn­berg a. a. O., Rn.19[]
  5. OLG Nürn­berg a. a. O.; s. auch LG Regens­burg – Aus­wär­ti­ge Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer mit Sitz in Strau­bing, Beschluss vom 30.04.2012 – StVK 626/​2007[]