Abs­trakt-theo­re­ti­sche Zwei­fel

Spricht der Tatrich­ter den Ange­klag­ten frei, weil er Zwei­fel an sei­ner Täter­schaft nicht zu über­win­den ver­mag, so ist das durch das Revi­si­ons­ge­richt hin­zu­neh­men, denn die Beweis­wür­di­gung ist grund­sätz­lich Sache des Tatrich­ters (§ 261 StPO).

Abs­trakt-theo­re­ti­sche Zwei­fel

Ihm obliegt es, sich unter dem umfas­sen­den Ein­druck der Haupt­ver­hand­lung ein Urteil über die Schuld oder Unschuld des Ange­klag­ten zu bil­den.

Es kommt nicht dar­auf an, ob das Revi­si­ons­ge­richt ange­fal­le­ne Erkennt­nis­se anders gewür­digt oder Zwei­fel über­wun­den hät­te. Die revi­si­ons­ge­richt­li­che Prü­fung beschränkt sich dar­auf, ob dem Tatrich­ter bei der Beweis­wür­di­gung Rechts­feh­ler unter­lau­fen sind.

Das ist in sach­lich­recht­li­cher Hin­sicht der Fall, wenn die Beweis­wür­di­gung wider­sprüch­lich, unklar oder lücken­haft ist, gegen Denk­ge­set­ze oder gesi­cher­te Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt oder an die Über­zeu­gung von der Schuld des Ange­klag­ten über­höh­te Anfor­de­run­gen stellt1.

Der Tatrich­ter ist gehal­ten, die Grün­de für den Frei­spruch so voll­stän­dig und genau zu erör­tern, dass das Revi­si­ons­ge­richt in die Lage ver­setzt wird, anhand der Urteils­grün­de zu prü­fen, ob der Frei­spruch auf rechts­feh­ler­frei­en Erwä­gun­gen beruht2.

Der Tatrich­ter darf bei der Über­zeu­gungs­bil­dung Zwei­feln kei­nen Raum geben, die ledig­lich auf einer abs­trakt­theo­re­ti­schen Mög­lich­keit grün­den3.

Auch ist es rechts­feh­ler­haft, zu Guns­ten des Ange­klag­ten von Annah­men aus­zu­ge­hen, für deren Vor­lie­gen das Beweis­ergeb­nis kei­ne kon­kre­ten tat­säch­li­chen Anhalts­punk­te erbracht hat4.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 29. Sep­tem­ber 2016 – 4 StR 320/​16

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 05.12 2013 – 4 StR 371/​13, Rn. 9; wei­te­re Nach­wei­se bei Brau­se, NStZ-RR 2010, 329, 330 f. []
  2. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 13.07.2016 – 1 StR 94/​16, Rn. 10; Beschluss vom 25.02.2015 – 4 StR 39/​15, Rn. 2; Urteil vom 20.11.2013 – 2 StR 460/​13, NStZ-RR 2014, 56 []
  3. vgl. BGH, Urteil vom 29.04.1998 – 2 StR 65/​98, NStZ-RR 1998, 275 mwN []
  4. vgl. BGH, Urteil vom 18.09.2008 – 5 StR 224/​08, NStZ 2009, 401, 402; Urteil vom 17.03.2005 – 4 StR 581/​04, StV 2005, 421; Urteil vom 26.06.2003 – 1 StR 269/​02, NStZ 2004, 35; Urteil vom 06.02.2002 – 1 StR 513/​01, NJW 2002, 2188, 2189 [inso­weit in BGHSt 47, 243 nicht abge­druckt]; wei­te­re Nach­wei­se bei Mie­bach in Münch­Komm-StPO § 261 Rn. 88 und 129 []