Ände­rung der Sach­la­ge in der Haupt­ver­hand­lung – und die rich­ter­li­che Hin­weis­pflicht

Durch § 265 Abs. 2 Nr. 3 StPO in der seit 24.08.2017 gel­ten­den Fas­sung 1 ist die Hin­weis­pflicht des § 265 Abs. 1 StPO auf Fäl­le erwei­tert wor­den, in denen sich in der Haupt­ver­hand­lung die Sach­la­ge gegen­über der Schil­de­rung des Sach­ver­halts in der zuge­las­se­nen Ankla­ge ändert und dies zur genü­gen­den Ver­tei­di­gung vor dem Hin­ter­grund des Gebots recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG) und des rechts­staat­li­chen Grund­sat­zes des fai­ren Ver­fah­rens 2 einen Hin­weis erfor­der­lich macht 3.

Ände­rung der Sach­la­ge in der Haupt­ver­hand­lung – und die rich­ter­li­che Hin­weis­pflicht

Der Gesetz­ge­ber hat in § 265 Abs. 2 Nr. 3 StPO an die stän­di­ge Recht­spre­chung ange­knüpft, wonach eine Ver­än­de­rung der Sach­la­ge eine Hin­weis­pflicht aus­löst, wenn sie in ihrem Gewicht einer Ver­än­de­rung eines recht­li­chen Gesichts­punkts gleich­steht 4. Die durch den Bun­des­ge­richts­hof hier­zu ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze 5 woll­te der Gesetz­ge­ber kodi­fi­zie­ren, wei­ter­ge­hen­de Hin­weis­pflich­ten hin­ge­gen nicht ein­füh­ren 6. Danach bestehen Hin­weis­pflich­ten auf eine geän­der­te Sach­la­ge bei einer wesent­li­chen Ver­än­de­rung des Tat­bil­des bei­spiels­wei­se betref­fend die Tat­zeit, den Tat­ort, das Tat­ob­jekt, das Tat­op­fer, die Tat­rich­tung, eine Per­son des Betei­lig­ten oder bei der Kon­kre­ti­sie­rung einer im Tat­säch­li­chen unge­nau­en Fas­sung des Ankla­ge­sat­zes 7. Hin­ge­gen sind Hin­wei­se etwa hin­sicht­lich der Bewer­tung von Indi­z­tat­sa­chen nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers auch künf­tig nicht erfor­der­lich. Eben­so wenig muss das Gericht unter dem Gesichts­punkt des fai­ren Ver­fah­rens vor der Urteils­be­ra­tung sei­ne Beweis­wür­di­gung offen­le­gen oder sich zum Inhalt und Ergeb­nis ein­zel­ner Beweis­erhe­bun­gen erklä­ren 8.

Im vor­lie­gen­den Fall hat das Land­ge­richt durch sei­nen erteil­ten Hin­weis nach § 265 StPO den Tat­zeit­raum für Fall 3 der Ankla­ge nicht wei­ter kon­kre­ti­siert, son­dern in zeit­li­cher Hin­sicht sogar noch erwei­tert. Obwohl in der Fol­ge Stun­den­plä­ne der Neben­klä­ge­rin und des Ange­klag­ten Gegen­stand der Erör­te­rung in der Haupt­ver­hand­lung waren und es dar­um ging, ent­spre­chen­de Beweis­an­trä­ge für alle Tage zu stel­len, in denen der Stun­den­plan Frei­stun­den auf­wies, hat das Gericht kei­nen Hin­weis dahin­ge­hend erteilt, dass es den 17.05.2017, den Tag des Schul­sport­fes­tes, als Tat­tag in Betracht zieht, obwohl kei­ne Anhalts­punk­te dafür bestan­den, dass es an die­sem Tag auch unter­richts­freie Stun­den gab. Eine sol­che wei­te­re Kon­kre­ti­sie­rung des Tat­zeit­raums wäre aber erfor­der­lich gewe­sen, da der Ange­klag­te nach den bis­he­ri­gen Beweis­erhe­bun­gen davon aus­ge­hen konn­te, dass an Tagen mit Unter­richt bzw. schu­li­schen Ver­an­stal­tun­gen kei­ne Tat­be­ge­hung in Betracht kommt. Die Revi­si­on trägt inso­weit auch vor, dass der Ange­klag­te durch die Nicht­er­tei­lung des Hin­wei­ses in sei­ner Ver­tei­di­gung beschränkt war und wei­te­re Beweis­an­trä­ge in Bezug auf ein Ali­bi zu der vom Land­ge­richt im Urteil ange­nom­me­nen Tat­zeit nicht gestellt hat 9.

Der Bun­des­ge­richts­hof konn­te nicht aus­schlie­ßen, dass das Urteil auf dem unzu­rei­chen­den recht­li­chen Hin­weis beruht. Inso­weit ist bereits der Revi­si­ons­schrift im Ein­zel­nen zu ent­neh­men, was die Ver­tei­di­gung bei einem ord­nungs­ge­mä­ßen Hin­weis auf den vom Land­ge­richt zu Grun­de geleg­ten Tat­tag am 17.05.2017 noch vor­ge­bracht hät­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Mai 2019 – 1 StR 688/​18

  1. Gesetz vom 17.08.2017, BGBl. I S. 3202
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.12 2005 – 2 BvR 1769/​04
  3. vgl. BT-Drs. 18/​11277, S. 37
  4. BT-Drs. 18/​11277, S. 37 unter Hin­weis auf BGH, Urteil vom 20.11.2014 – 4 StR 234/​14 Rn. 13
  5. vgl. Münch­Komm-StPO/­No­rou­zi, § 265 Rn. 48 ff. mwN
  6. vgl. SSWStPO/​Rosenau, 3. Aufl., § 265 Rn. 31
  7. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 08.05.2018 – 5 StR 65/​18 Rn. 4; und vom 12.01.2011 – 1 StR 582/​10 Rn. 8 ff., BGHSt 56, 121, 123 ff.; Urteil vom 20.11.2014 – 4 StR 234/​14 Rn. 13
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 03.09.1997 – 5 StR 237/​97 Rn. 12 f., BGHSt 43, 212, 214 f.
  9. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 14.06.2018 – 3 StR 206/​18 Rn. 16, 19