Alkoholkonsum – und die Beurteilung der Steuerungsfähigkeit

Der indizielle Beweiswert eines intakten Erinnerungsvermögens ist für die Beurteilung der Steuerungsfähigkeit ganz generell problematisch1.

Alkoholkonsum - und die Beurteilung der Steuerungsfähigkeit

Darüber hinaus ist das vom Gericht im Anschluss an den Sachverständigen herangezogene Kriterium des angeblich genauen und detaillierten Erinnerungsvermögens angesichts des Umstandes, dass das Landgericht die Einlassung des Angeklagten zum unmittelbaren Tatgeschehen – in rechtlich nicht zu beanstandender Weise – nicht für glaubhaft hält, schon deshalb nicht tragfähig2.

Auch können äußeres Leistungsverhalten und innere Steuerungsfähigkeit bei hoher Alkoholgewöhnung durchaus weit auseinander fallen3. Bei Alkoholikern zeigt sich oft eine durch “Übung” erworbene erstaunliche Kompensationsfähigkeit im Bereich grobmotorischer Auffälligkeiten4.

Desweiteren ist ein Tatrichter von einer Berechnung der Blutalkoholkonzentration zur Tatzeit nicht schon dann entbunden, wenn die Angaben des Angeklagten zum konsumierten Alkohol nicht exakt sind5. Vielmehr ist eine Berechnung der Blutalkoholkonzentration aufgrund von Schätzungen unter Berücksichtigung des Zweifelssatzes auch dann vorzunehmen, wenn die Einlassung des Angeklagten sowie gegebenenfalls die Bekundungen von Zeugen zwar keine sichere Berechnungsgrundlage ergeben, jedoch eine ungefähre zeitliche und mengenmäßige Eingrenzung des Alkoholkonsums ermöglichen6.

Bundesgerichtshof, Beschluss vom 23. Januar 2019 – 1 StR 448/18

  1. vgl. Fischer, StGB, 66. Aufl., § 20 Rn. 24a f. []
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 07.02.2012 – 5 StR 545/11, NStZ-RR 2012, 137, 138 []
  3. vgl. BGH, Beschlüsse vom 28.02.2018 – 4 StR 530/17, NStZ-RR 2018, 136; vom 10.01.2012 – 5 StR 517/11, StraFo 2012, 109; und vom 12.06.2007 – 4 StR 187/07, NStZ 2007, 696 []
  4. vgl. BGH, Beschlüsse vom 28.02.2018 – 4 StR 530/17, aaO; und vom 12.06.2007 – 4 StR 187/07, aaO; Fischer, StGB, 66. Aufl., § 20 Rn. 23a []
  5. vgl. BGH, Beschlüsse vom 28.04.2010 – 5 StR 135/10, NStZ-RR 2010, 257, 258; und vom 20.11.1990 – 2 StR 424/90, BGHR StGB § 21 Blutalkoholkonzentration 23 []
  6. vgl. BGH, Beschlüsse vom 28.04.2010 – 5 StR 135/10, aaO; und vom 17.03.1994 – 4 StR 54/94, BGHR StGB § 21 Blutalkoholkonzentration 29; Urteil vom 13.05.1993 – 4 StR 183/93, StV 1993, 519 []