Anfangs­ver­dacht – und die Sich­tung sicher­ge­stell­ter Daten­trä­ger

Die Bestä­ti­gung der vor­läu­fi­gen Sicher­stel­lung greift in das Recht des Beschwer­de­füh­rers auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung ein.

Anfangs­ver­dacht – und die Sich­tung sicher­ge­stell­ter Daten­trä­ger

Das Sich­tungs­ver­fah­ren gemäß § 110 StPO wird zwar noch der Durch­su­chung zuge­rech­net, ist jedoch ange­sichts der fort­dau­ern­den Besitz­ent­zie­hung in sei­ner Wir­kung für den Betrof­fe­nen der Beschlag­nah­me ange­nä­hert. Des­halb ist die mit einer Sicher­stel­lung zum Zwe­cke der Durch­sicht ver­bun­de­ne Belas­tung durch die Ent­zie­hung des Besit­zes an Art. 14 Abs. 1 GG zu mes­sen und, sofern Daten betrof­fen sind, am Recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung aus Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG, wäh­rend Art. 13 Abs. 1 GG nicht mehr tan­giert wird 1.

Die Sich­tung der bei dem Beschwer­de­füh­rer auf­ge­fun­de­nen Daten­trä­ger und der dar­auf befind­li­chen Daten greift in das Recht des Beschwer­de­füh­rers auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung ein, weil die­ses Recht die Befug­nis des Ein­zel­nen gewähr­leis­tet, grund­sätz­lich selbst über die Preis­ga­be und Ver­wen­dung sei­ner per­sön­li­chen Daten zu bestim­men 2.

Der Ein­griff in das Recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung ist ver­fas­sungs­recht­lich gerecht­fer­tigt.

Rechts­grund­la­ge für die vor­läu­fi­ge Sicher­stel­lung der tech­ni­schen Gerä­te des Beschwer­de­füh­rers und der dar­auf gespei­cher­ten Daten zum Zwe­cke der Durch­sicht ist § 110 StPO. Da das Ver­fah­ren im Sta­di­um der Durch­sicht noch einen Teil der Durch­su­chung nach § 102 StPO oder § 103 StPO bil­det, kommt es für die Recht­mä­ßig­keit der rich­ter­li­chen Bestä­ti­gung der vor­läu­fi­gen Sicher­stel­lung dar­auf an, ob die Vor­aus­set­zun­gen für eine Durch­su­chung im Zeit­punkt der Ent­schei­dung noch vor­lie­gen. Sind die­se Vor­aus­set­zun­gen zum Zeit­punkt der Durch­sicht dage­gen nicht mehr gege­ben, dann ist auch die Durch­sicht als Teil der Durch­su­chung nicht mehr zuläs­sig 3. Es muss also wei­ter­hin ein Anfangs­ver­dacht bestehen und die Durch­sicht zur Auf­fin­dung von Beweis­mit­teln geeig­net und ver­hält­nis­mä­ßig sein. Unge­eig­net ist die Durch­sicht ins­be­son­de­re, wenn Beweis­mit­tel auf­ge­spürt wer­den sol­len, die einem Beschlag­nah­me­ver­bot oder einem sons­ti­gen Ver­wer­tungs­ver­bot unter­lie­gen.

Vor­aus­set­zung einer jeden Durch­su­chung und damit auch der Durch­sicht nach § 110 StPO ist der Ver­dacht, dass eine bestimm­te Straf­tat began­gen wur­de. Die­ser Anfangs­ver­dacht muss auf kon­kre­ten Tat­sa­chen beru­hen; vage Anhalts­punk­te und blo­ße Ver­mu­tun­gen rei­chen nicht aus 4. Durch­su­chung und Durch­sicht dür­fen nicht der Ermitt­lung von Tat­sa­chen die­nen, die zur Begrün­dung eines Ver­dachts erfor­der­lich sind, denn sie set­zen einen Ver­dacht bereits vor­aus 5. Ein Ver­stoß gegen die­se Anfor­de­run­gen liegt vor, wenn sich sach­lich zurei­chen­de Grün­de für eine Durch­su­chung bezie­hungs­wei­se Durch­sicht nicht fin­den las­sen 6.

Eine ins Ein­zel­ne gehen­de Nach­prü­fung des von den Fach­ge­rich­ten ange­nom­me­nen Ver­dachts ist nicht Auf­ga­be des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts. Sein Ein­grei­fen ist nur gebo­ten, wenn die Aus­le­gung und Anwen­dung der ein­fach-recht­li­chen Bestim­mun­gen über die pro­zes­sua­len Vor­aus­set­zun­gen des Ver­dachts (§ 152 Abs. 2, § 160 Abs. 1 StPO) als Anlass für die straf­pro­zes­sua­le Zwangs­maß­nah­me und die straf­recht­li­che Bewer­tung der Ver­dachts­grün­de objek­tiv will­kür­lich sind oder Feh­ler erken­nen las­sen, die auf einer grund­sätz­lich unrich­ti­gen Anschau­ung der Grund­rech­te des Beschwer­de­füh­rers beru­hen 7.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 20. Sep­tem­ber 2018 – 2 BvR 708/​18

  1. vgl. BVerfGE 113, 29, 45 f.; 124, 43, 57; BVerfGK 1, 126, 133[]
  2. vgl. BVerfGE 142, 234, 251 Rn. 30 m.w.N.; stRspr[]
  3. vgl. BVerfGK 15, 225, 237 m.w.N.; BVerfG, Beschluss vom 18.06.2008 – 2 BvR 1111/​08 5[]
  4. vgl. BVerfGE 44, 353, 371 f.; 115, 166, 197 f.; BVerfG, Beschluss vom 15.08.2014 – 2 BvR 969/​14 38[]
  5. vgl. BVerfGK 8, 332, 336; 11, 88, 92; BVerfG, Beschluss vom 01.08.2014 – 2 BvR 200/​14 15[]
  6. vgl. BVerfGE 59, 95, 97[]
  7. vgl. BVerfGE 18, 85, 92 ff.; 115, 166, 199; BVerfG, Beschluss vom 01.08.2014 – 2 BvR 200/​14 15[]