Anord­nung der Zustel­lung durch den Vor­sit­zen­den

Die Zustel­lung von Ent­schei­dun­gen ord­net der Vor­sit­zen­de an, § 36 Abs. 1 S. 1 StPO. Die Anord­nung der Zustel­lung durch den Vor­sit­zen­den ist an eine beson­de­re Form nicht gebun­den; sie kann sowohl schrift­lich als auch münd­lich getrof­fen wer­den. In Anbe­tracht ihrer Bedeu­tung für die Wirk­sam­keit der Zustel­lung muss sie im Zeit­punkt der Zustel­lung akten­kun­dig, im Fal­le einer münd­li­chen Anwei­sung in einem Ver­merk der Geschäfts­stel­le fest­ge­hal­ten sein.

Anord­nung der Zustel­lung durch den Vor­sit­zen­den

Die Wirk­sam­keit einer förm­li­chen Zustel­lung setzt vor­aus, dass sie auf einer (wirk­sa­men) Zustel­lungs­an­ord­nung des Vor­sit­zen­den beruht, § 36 Abs. 1 Satz 1 StPO1. Die Anord­nung ist zwar nicht an eine beson­de­re Form gebun­den und kann folg­lich sowohl schrift­lich als auch münd­lich getrof­fen wer­den. In Anbe­tracht ihrer Bedeu­tung für die Wirk­sam­keit der Zustel­lung muss sie aber im Zeit­punkt der Zustel­lung akten­kun­dig, im Fal­le einer münd­li­chen Anwei­sung daher jeden­falls in einem Ver­merk der Geschäfts­stel­le fest­ge­hal­ten sein. Denn die Rechts­si­cher­heit gebie­tet es, dass von vorn­her­ein auch für Drit­te erkenn­bar ist, ob im Zeit­punkt der Zustel­lung eine dem § 36 Abs. 1 StPO ent­spre­chen­de Anord­nung vor­lag. Ande­ren­falls lie­ße sich – wenn über­haupt – unter Umstän­den erst nach län­ge­ren Nach­for­schun­gen klä­ren, ob der Zustel­lung eine wirk­sa­me Anord­nung zugrun­de lag, die Rechts­mit­tel­frist dem­nach in Lauf gesetzt wor­den ist. Die hier­mit ver­bun­de­ne Rechts­un­si­cher­heit kann aber nicht hin­ge­nom­men wer­den2.

Hier­an fehlt es vor­lie­gend. Den Ver­fah­rens­ak­ten ist eine den Urteils­te­nor betref­fen­de Zustel­lungs­an­ord­nung des Vor­sit­zen­den nicht zu ent­neh­men. Der Zustel­lungs­man­gel ist auch nicht gemäß § 37 Abs. 1 StPO i.V.m. § 189 ZPO durch den tat­säch­li­chen Zugang geheilt wor­den. Dies wür­de vor­aus­set­zen, dass eine förm­li­che Zustel­lung von dem für das Ver­fah­ren zustän­di­gen Organ – im Fall des § 36 Abs. 1 StPO also vom Vor­sit­zen­den – beab­sich­tigt war3. Ist ein sol­cher Zustel­lungs­wil­le des zustän­di­gen Organs – wie hier – man­gels Zustel­lungs­an­ord­nung nicht fest­stell­bar, so tritt kei­ne Hei­lung gemäß § 37 Abs. 1 StPO i.V.m. § 189 ZPO ein4.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 6. März 2014 – 4 StR 553/​13

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 27.05.1955 – 1 StR 45/​55, bei Holtz, MDR 1976, 814; Urteil vom 18.12 1985 – 2 StR 619/​85, NStZ 1986, 230 jeweils mwN; Beschluss vom 14.12 2010 – 1 StR 420/​10, NStZ 2011, 591, 592
  2. OLG Zwei­brü­cken, MDR 1986, 1047; LG Zwei­brü­cken, NStZ-RR 2013, 49; vgl. LR-StPO/Graal­mann-Schee­rer, 26. Aufl., § 36 Rn. 7; SK-StPO/Weß­lau, § 36 Rn. 4; KK-StPO/­Maul, aaO, § 36 Rn. 2; Poll­äh­ne in HK-StPO, 5. Aufl., § 36 Rn. 5; Pfeif­fer, StPO, 5. Aufl., § 36 Rn. 1; KMR-StPO/Zieg­ler, 69. EL (Stand: Okt.2013), § 36 Rn. 4; vgl. auch Mey­er-Goß­ner, aaO, § 36 Rn. 3: stets schrift­lich; aA SSW-StPO/­Mos­ba­cher, § 36 Rn. 5, wonach die Doku­men­ta­ti­on im Zeit­punkt der Zustel­lung kei­ne Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung dar­stellt
  3. Münch­Komm-ZPO/Häub­lein, 4. Aufl., § 189 Rn. 3; LR-StPO/Graal­mann-Schee­rer, aaO, § 37 Rn. 95
  4. OLG Cel­le, Beschluss vom 15.09.2010 – 1 Ws 398/​10, NStZ-RR 2011, 45 [Leit­satz]