Anstif­tung zum BTM-Import – oder: die Bestel­lung im chi­ne­si­schen Dro­gen-Shop

Selbst wenn also ein Betäu­bungs­mit­tel­händ­ler sei­ne grund­sätz­li­che Bereit­schaft bekun­det hat­te, Betäu­bungs­mit­tel ins Aus­land lie­fern zu wol­len, liegt kein Fall eines bereits zur Tat ent­schlos­se­nen Haupt­tä­ters vor (sog. omni­mo­do fac­turus), da es inso­weit noch an einem bestimm­ten, auf eine kon­kre­te Tat bezo­ge­nen Tatent­schluss fehlt. Auch der­je­ni­ge, der im Inter­net, z.B. über einen „Online-Shop“, aus dem Aus­land her­aus die Lie­fe­rung von Betäu­bungs­mit­teln in das Inland andient, kann daher noch ange­stif­tet wer­den

Anstif­tung zum BTM-Import – oder: die Bestel­lung im chi­ne­si­schen Dro­gen-Shop

Als Anstif­ter ist nach § 26 StGB gleich einem Täter zu bestra­fen, wer vor­sätz­lich einen ande­ren zu des­sen vor­sätz­lich began­ge­ner rechts­wid­ri­ger Tat bestimmt hat. Dabei ist beding­ter Vor­satz aus­rei­chend [1]. Eine Anstif­tung zur uner­laub­ten Ein­fuhr von Betäu­bungs­mit­teln in nicht gerin­ger Men­ge begeht des­halb, wer einen ande­ren durch Ein­wir­kung auf des­sen Ent­schluss­bil­dung dazu ver­an­lasst, Betäu­bungs­mit­tel in nicht gerin­ger Men­ge in das Bun­des­ge­biet zu ver­brin­gen und dabei zumin­dest in dem Bewusst­sein han­delt, dass sein Ver­hal­ten die­se von ihm gebil­lig­ten Wir­kun­gen haben kann [2]. Die Wil­lens­be­ein­flus­sung muss dabei nicht die ein­zi­ge Ursa­che für das Ver­hal­ten des ande­ren sein; blo­ße Mit­ur­säch­lich­keit reicht aus [3].

Bezugs­ge­gen­stand der Anstif­tung ist eine kon­kre­t­in­di­vi­dua­li­sier­te Tat. Wel­che Merk­ma­le zur Tat- indi­vi­dua­li­sie­rung jeweils erfor­der­lich sind, ent­zieht sich dabei einer abs­trakt­ge­ne­rel­len Bestim­mung und kann nur nach den jewei­li­gen Umstän­den des Ein­zel­falls ent­schie­den wer­den [4]. Ein zu einer kon­kre­ten Tat fest Ent­schlos­se­ner kann nicht mehr zu ihr bestimmt wer­den (sog. omni­mo­do fac­turus) [5]. Der Annah­me von Anstif­tung steht es nicht ent­ge­gen, wenn der Haupt­tä­ter bereits all­ge­mein zu der­ar­ti­gen Taten bereit war und die­se Bereit­schaft auch auf­ge­zeigt hat oder sogar selbst die Initia­ti­ve zu den Taten ergrif­fen hat­te [6]; denn hier fehlt es noch an einer kon­kre­t­in­di­vi­dua­li­sier­ten Tat, zu der der Haupt­tä­ter erst noch durch Her­vor­ru­fen des Tatent­schlus­ses ver­an­lasst wer­den muss [7]. Selbst wenn also ein Betäu­bungs­mit­tel­händ­ler sei­ne grund­sätz­li­che Bereit­schaft bekun­det hat­te, Betäu­bungs­mit­tel ins Aus­land lie­fern zu wol­len, liegt kein Fall eines bereits zur Tat ent­schlos­se­nen Haupt­tä­ters vor (sog. omni­mo­do fac­turus), da es inso­weit noch an einem bestimm­ten, auf eine kon­kre­te Tat bezo­ge­nen Tatent­schluss fehlt [8].

Auch der­je­ni­ge, der im Inter­net, z.B. über einen „Online-Shop“, aus dem Aus­land her­aus die Lie­fe­rung von Betäu­bungs­mit­teln in das Inland andient, kann daher noch ange­stif­tet wer­den [9].

So hat­te auch in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall der Ange­klag­te sei­ne Lie­fe­ran­ten im Sin­ne des § 26 StGB zu den ein­zel­nen Ein­fuh­ren bestimmt:

Der Ange­klag­te hat vor­sätz­lich die in Chi­na ansäs­si­gen und vor sei­ner Bestel­lung noch nicht fest zu den kon­kre­ten Taten ent­schlos­se­nen Lie­fe­ran­ten ver­an­lasst, die Betäu­bungs­mit­tel nach Deutsch­land an sei­ne Wohn­an­schrift zu ver­sen­den. Die chi­ne­si­schen Lie­fe­ran­ten waren nur all­ge­mein bereit, Betäu­bungs­mit­tel aus ihrem Sor­ti­ment zu ver­sen­den und in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein­zu­füh­ren. Weder die Art des Betäu­bungs­mit­tels oder des­sen Men­ge noch des­sen Emp­fän­ger noch der Lie­fer­ort stan­den fest. Der Tatent­schluss der chi­ne­si­schen Lie­fe­ran­ten zu den kon­kre­ten Taten wur­de erst durch die Ein­fluss­nah­me des Ange­klag­ten, näm­lich des­sen Bestel­lung einer kon­kre­ten Men­ge eines kon­kret aus­ge­wähl­ten Betäu­bungs­mit­tels, geweckt, und zwar zur Ein­fuhr von jeweils 100 Gramm der syn­the­ti­schen Can­na­bi­no­ide (JWH122 zu einem Preis von 346,05 € und UR144 zu einem Preis von 300 €) jeweils an die Wohn­an­schrift des Ange­klag­ten in Deutsch­land. Dies belegt ins­be­son­de­re der Bestell­vor­gang zu UR144, bei dem es zu Preis­ver­hand­lun­gen zwi­schen dem chi­ne­si­schen Lie­fe­ran­ten und dem Ange­klag­ten kam, dem der ursprüng- lich vom Lie­fe­ran­ten gefor­der­te Preis von 1.000 € zu hoch war, wor­auf sie sich auf 300 € einig­ten.

Die Bestel­lun­gen des Ange­klag­ten stell­ten jeweils ledig­lich ein Ange­bot zum Kauf von jeweils 100 Gramm JWH122 bzw. UR144 dar, das von den chi­ne­si­schen Lie­fe­ran­ten ange­nom­men wur­de und in den Ver­sand eines Dro­gen­päck­chens nach Deutsch­land mün­de­te. Die Inter­net­prä­sen­ta­tio­nen der im Aus­land ansäs­si­gen Dro­gen­händ­ler sind ledig­lich Auf­for­de­run­gen zur Abga­be eines Ange­bots, eine sog. invi­ta­tio ad offe­ren­dum. Für den Bestel­ler war in jedem Fall unge­wiss, ob, wann und in wel­chem Umfang die Betrei­ber des Inter­net­shops die Bestel­lung anneh­men und aus­füh­ren wür­den.

Rich­tet sich ein Ange­bot nicht an eine bestimm­te Per­son, son­dern an die All­ge­mein­heit – wie es bei der Dar­stel­lung der mög­li­chen Leis­tun­gen und Waren in einem Online-Shop der Fall ist –, han­delt es sich oft man­gels Wil­lens zu ver­trag­li­cher Bin­dung nur um eine Auf­for­de­rung zur Abga­be von Ver­trags­an­trä­gen, deren Sinn es ist, den poten­ti­el­len Ver­trags­part­ner über das eige­ne Waren- oder Leis­tungs­an­ge­bot zu infor­mie­ren, die grund­sätz­li­che Ver­trags­be­reit­schaft zum Aus­druck zu brin­gen und vor einem ver­bind­li­chen Ver­trags­schluss die eige­ne Leis­tungs­fä­hig­keit und die Zah­lungs­fä­hig­keit des mög­li­chen Ver­trags­part­ners zu über­prü­fen [10]. Der Online-Shop, der sich an einen unbe­kann­ten Per­so­nen­kreis wen- det, stellt ledig­lich die Waren und Prei­se dar, damit der Inter­es­sent aus dem Waren­sor­ti­ment aus­su­chen und sei­ner­seits ein Kauf­an­ge­bot abge­ben kann; bei der Prä­sen­ta­ti­on von Waren über das Inter­net kön­nen die Anzahl mög­li­cher Bestel­lun­gen und die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se des jewei­li­gen Bestel­lers nicht abge­schätzt wer­den [11].

Die­ses Tat­ge­sche­hen ent­spricht nicht dem, das dem Urteil des 1. Straf­se­nats vom 07.02.2017 [12] zu Grun­de lag. Dort waren die Art des Rausch­gifts und des­sen Men­ge (Mari­hua­na im Kil­obe­reich), An- und Ver­kaufs­preis für das zur Ein­fuhr nach Deutsch­land bestimm­te Mari­hua­na, die Ver­käu­fer, ein bestimm­ter Emp­fän­ger als Abneh­mer von Mari­hua­na im Kil­obe­reich, die Lie­fer­mo­da­li­tä­ten und der Trans­port­weg über die tsche­chisch­deut­sche Gren­ze bereits fest­ge­legt; ein Vor­be­halt, Betäu­bungs­mit­tel im Fal­le einer Bestel­lung doch nicht zu lie­fern, bestand nicht. Für jede Ein­zel­lie­fe­rung war ledig­lich noch ein kon­kre­ter „Abruf“ in Form einer Bestel­lung sowie die Ver­ein­ba­rung eines genau­en Über­ga­be­or­tes und eines kon­kre­ten Über­ga­be­ter­mins erfor­der­lich.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. Okto­ber 2017 – 1 StR 146/​17

  1. st. Rspr.; vgl. z.B. BGH, Urtei­le vom 18.04.1952 – 1 StR 871/​51, BGHSt 2, 279, 281; und vom 10.06.1998 – 3 StR 113/​98, BGHSt 44, 99, 101[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 06.12 2011 – 4 StR 554/​11; vom 10.04.2013 – 4 StR 90/​13, NStZ-RR 2013, 281; und vom 02.06.2015 – 4 StR 144/​15, BGHR BtMG § 30 Abs. 1 Nr. 4 Ein­fuhr 3[]
  3. BGH, Beschluss vom 02.06.2015 – 4 StR 144/​15, aaO mwN[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 21.04.1986 – 2 StR 661/​85, BGHSt 34, 63, 64 ff.[]
  5. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschlüs­se vom 20.11.1987 – 3 StR 503/​87, BGHR StGB § 26 Bestim­men 1; und vom 08.08.1995 – 1 StR 377/​95, BGHR StGB § 26 Bestim­men 3 sowie Urtei­le vom 20.01.2000 – 4 StR 400/​99, BGHSt 45, 373, 374; und vom 17.08.2000 – 4 StR 233/​00, NStZ 2001, 41, 42[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 20.01.2000 – 4 StR 400/​99, BGHSt 45, 373, 374; und vom 17.08.2000 – 4 StR 233/​00, NStZ 2001, 41, 42[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 07.09.1993 – 1 StR 325/​93, NStZ 1994, 29, 30[]
  8. vgl. hier­zu auch BGH, Beschluss vom 10.04.2013 – 4 StR 90/​13, NStZ-RR 2013, 281[]
  9. vgl. hier­zu bereits LG Ravens­burg, Urteil vom 14.01.2008 – 2 KLs 260 Js 8492/​07, NStZ-RR 2008, 256; Patzak in Körner/​Patzak/​Volkmer, BtMG, 8. Aufl., § 29 Teil 5 Rn.192; Münch­Komm-StGB/­Jo­ecks, 3. Aufl., § 26 Rn. 29; Heine/​Weißer in Schönke/​Schröder, StGB, 29. Aufl., § 26 Rn. 6; Schü­ne­mann in LK-StGB, 12. Aufl., § 26 Rn. 17[]
  10. Erman/​Armbrüster, BGB, 15. Aufl., § 145 Rn. 4[]
  11. zu Online-Shops als invi­ta­tio ad offe­ren­dum vgl. auch BGH, Urteil vom 16.10.2012 – – X ZR 37/​12, BGHZ 195, 126 ff.; OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 19.05.2016 – I16 U 72/​15, NJW-RR 2016, 1073 ff.[]
  12. BGH, Urteil vom 07.02.2017 – 1 StR 231/​16, NStZ 2017, 401[]