Anwalts­ver­gü­tung bei ent­behr­li­cher Haupt­ver­hand­lung

Der Straf­ver­tei­di­ger erhält gemäß VV 4141 RVG eine zusätz­li­che Gebühr, wenn durch sei­ne Mit­wir­kung die Haupt­ver­hand­lung ent­behr­lich wird.

Anwalts­ver­gü­tung bei ent­behr­li­cher Haupt­ver­hand­lung

Für die­se anwalt­li­che Mit­wir­kung in Sin­ne der VV 4141 Abs. 1 Nr. 1 VV RVG genügt nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart jede auf die För­de­rung des Ver­fah­rens gerich­te­te Tätig­keit, die objek­tiv geeig­net ist, das Ver­fah­ren im Hin­blick auf eine Ver­fah­rens­be­en­di­gung außer­halb der Haupt­ver­hand­lung zu för­dern. Wei­ter­ge­hen­de Anfor­de­rung an die Quan­ti­tät oder Qua­li­tät der Mit­wir­kung, ins­be­son­de­re im Sin­ne einer inten­si­ven und zeit­auf­wän­di­gen anwalt­li­chen Mit­wir­kung bestehen nicht [1].

Dem Wort­laut nach ent­steht die Gebühr, wenn die Haupt­ver­hand­lung „ durch die anwalt­li­che Mit­wir­kung “ ent­behr­lich wird, weil (Abs. 1 Nr. 1) das Ver­fah­ren nicht nur vor­läu­fig ein­ge­stellt wird. Es ent­spricht der herr­schen­den Mei­nung, dass auch die Ein­stel­lung gemäß § 154 Abs. 2 StPO eine nicht nur vor­läu­fi­ge Ein­stel­lung im Sin­ne der Norm ist, da der Fort­füh­rung des Ver­fah­rens gemäß § 154 Abs. 4 und 5 StPO erheb­li­che Hin­der­nis­se ent­ge­gen­ste­hen [2].

Geset­zes­sys­te­ma­tisch spricht – wie schon bei dem frü­her gel­ten­den § 84 Abs. 2 BRAGO – eine Ver­mu­tung für eine Ver­fah­rens­för­de­rung im Sin­ne von Nr. 4141 VV RVG durch den Rechts­an­walt, wenn die­ser für den Ange­klag­ten tätig wird und das Ver­fah­ren ohne Durch­füh­rung einer Haupt­ver­hand­lung abge­schlos­sen wird [3].

Nach dem Aus­schluss­tat­be­stand des Nr. 4141 Abs. 2 VV RVG ent­steht die Gebühr nur dann nicht, wenn „ eine auf die För­de­rung gerich­te­te Tätig­keit nicht ersicht­lich ist. “ Daher trägt die Staats­kas­se die Beweis­last für das Nicht­ent­ste­hen der Gebühr.

Nr. 4141 VV RVG kann kei­ne wei­ter­ge­hen­de Anfor­de­rung an die Quan­ti­tät oder Qua­li­tät des anwalt­li­chen Mit­wir­kungs­bei­trags ent­nom­men wer­den. Der Grad der anwalt­li­chen Mit­wir­kung ist daher uner­heb­lich, ent­schei­dend ist viel­mehr, dass über­haupt „ eine auf die För­de­rung gerich­te­te Tätig­keit“ ersicht­lich ist. Nach dem Wort­laut („gerich­te­te“) genügt eine blo­ße För­de­rungs­ab­sicht der Mit­wir­kungs­hand­lung [4]. Mit dem Aus­schluss­tat­be­stand der Nr. 4141 Abs. 2 VV RVG sol­len offen­sicht­lich nur sach­frem­de Ein­ga­ben und sich in kei­ner erkenn­ba­ren Wei­se auf die Sache selbst bezie­hen­de Tätig­kei­ten des Rechts­an­walts aus­ge­schlos­sen wer­den [5]. Für die Beur­tei­lung kommt es daher ein­zig dar­auf an, ob ein Bei­trag des Ver­tei­di­gers vor­liegt, der objek­tiv geeig­net ist, das Ver­fah­ren in for­mel­ler und/​oder mate­ri­el­ler Hin­sicht im Hin­blick auf eine Ver­fah­rens­be­en­di­gung außer­halb der Haupt­ver­hand­lung zu för­dern [6].

Mit der herr­schen­den Mei­nung in Lite­ra­tur und Recht­spre­chung muss die auf För­de­rung "gerich­te­te" Mit­wir­kungs­hand­lung für die Ent­schei­dung des Gerichts ins­be­son­de­re weder ursäch­lich noch mit­ur­säch­lich sein [7]. Im Rah­men des Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­rens sol­len damit nach­träg­lich nicht die sub­jek­ti­ven Erwä­gun­gen und Vor­stel­lun­gen der ent­schei­den­den Rich­ter ermit­telt wer­den müs­sen und als Maß­stab für die Bewer­tung zugrun­de gelegt wer­den.

Nichts ande­res folgt im Hin­blick auf die Quan­ti­tät der anwalt­li­che Mit­wir­kung aus der Inten­ti­on des Gesetz­ge­bers, mit Schaf­fung von Nr. 4141 VV RVG den Grund­ge­dan­ken des § 84 Abs. 2 BRAGO zu über­neh­men, der „ inten­si­ve und zeit­auf­wen­di­ge Tätig­kei­ten des Ver­tei­di­gers, die zu einer Ver­me­in­dung der Haupt­ver­hand­lung und damit beim Ver­tei­di­ger zum Ver­lust der Haupt­ver­hand­lungs­ge­bühr füh­ren, gebüh­ren­recht­lich“ hono­rie­ren woll­te [8]. Die Begrün­dung zeigt nur, wes­halb der Gesetz­ge­ber die­sen Gebüh­ren­tat­be­stand geschaf­fen hat. Ange­sichts des Gesetz gewor­de­nen Wort­lauts selbst kann hier­aus aber kei­ne ein­schrän­ken­de Aus­le­gung im dem Sinn vor­ge­nom­men wer­den, dass unter anwalt­li­cher Mit­wir­kung nur inten­si­ve und zeit­auf­wän­di­ge Tätig­kei­ten zu ver­ste­hen wären [9]. Die gebo­te­ne Aus­le­gung des Geset­zes hat den in der Geset­zes­be­stim­mung zum Aus­druck kom­men­den objek­ti­vier­ten Wil­len des Gesetz­ge­bers zu erfas­sen, wie er sich aus dem Wort­laut der Geset­zes­be­stim­mung und des­sen Sinn­zu­sam­men­hang ergibt. Die Mate­ria­li­en zur Ent­ste­hungs­ge­schich­te dür­fen dabei nicht mit dem objek­ti­ven Geset­zes­in­halt gleich­ge­setzt wer­den, son­dern sind nur unter­stüt­zend her­an­zu­zie­hen. Die Begriff­lich­keit "anwalt­li­che Mit­wir­kung" der Nr. 4141 VV RVG ist daher unter Berück­sich­ti­gung des in Absatz 2 aus­for­mu­lier­ten Aus­schluss­tat­be­stan­des in dem Sinn aus­zu­le­gen, dass der Ver­tei­di­ger durch sei­ne Tätig­keit die end­gül­ti­ge Ein­stel­lung des Ver­fah­rens zumin­dest geför­dert, "eine auf die För­de­rung gerich­te­te Tätig­keit" ent­fal­tet haben muss.

Die­ses Aus­le­gungs­er­geb­nis ent­spricht der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zum Begriff der anwalt­li­chen Mit­wir­kung in Buß­geld­sa­chen vor der Ver­wal­tungs­be­hör­de nach Nr. 5115 Abs. 1 Nr. 1 VV RVG, des­sen Wort­laut Nr. 4141 Abs. 1 Nr. 1 VV RVG ent­spricht. Auch dort genügt jede Tätig­keit, die zur För­de­rung der Ver­fah­rens­er­le­di­gung geeig­net ist [10]. Nach der zutref­fen­den Begrün­dung des Bun­des­ge­richts­hofs lässt sich der stren­ge­re Maß­stab für die Erle­di­gungs­ge­bühr der Nr. 1002 VV RVG, der eine beson­de­re, nicht nur unwe­sent­li­che und gera­de auf die außer­ge­richt­li­che Erle­di­gung gerich­te­te Tätig­keit ver­langt [11] nicht auf Nr. 5115 VV RVG über­tra­gen, da die Vor­schrift unter ande­rem nicht ver­gleich­ba­re Ver­wal­tungs­strei­tig­kei­ten betrifft. Nichts ande­res gilt nach Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart auch für die Nr. 4141 VV RVG.

Nega­tiv abzu­gren­zen ist im Fall der Nr. 4141 VV RVG die blo­ße Akten­ein­sicht oder die Ver­tei­di­ger­be­stel­lung, die als sol­che noch nicht als auf "die För­de­rung gerich­te­te Tätig­keit" wahr­ge­nom­men wer­den kön­nen [12].

Danach wäre auch im vor­lie­gen­den Fall eine Gebühr nach Nr. 4141 VV RVG nur dann aus­ge­schlos­sen, wenn eine auf die För­de­rung des Ver­fah­rens gerich­te­te Tätig­keit nicht ersicht­lich ist. Hier ist aber das Gegen­teil der Fall: Die vor­lie­gen­den Anre­gun­gen einer Ver­fah­rens­ein­stel­lung nach § 154 Abs. 2 StPO gin­gen zunächst vom Ver­tei­di­ger aus und sind – da Kau­sa­li­tät gera­de nicht erfor­der­lich ist – auch dann aus­rei­chend, wenn das Ver­fah­ren mög­li­cher­wei­se auch ohne die Anre­gung der Ver­tei­di­gung ein­ge­stellt wor­den wäre [13]. Für die Beur­tei­lung der anwalt­li­chen Mit­wir­kungs­hand­lung kommt in die­sem Fall hin­zu, dass der Abtren­nung des Ver­fah­rens eine – wenn auch im ein­zel­nen nicht näher bekann­te – Erör­te­rung der Sach- und Rechts­la­ge mit den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten unmit­tel­bar vor­aus­ging. Ent­ge­gen den Grün­den des ange­foch­te­nen Beschlus­ses kommt es man­gels Kau­sa­li­täts­er­for­der­nis nicht dar­auf an, dass die Ein­stel­lung des Ver­fah­rens nach § 154 Abs. 2 StPO auf Antrag der Staats­an­walt­schaft durch Gerichts­be­schluss auch ohne Anhö­rung des Beschul­dig­ten und recht­lich ohne not­wen­di­ge Betei­li­gung des Ver­tei­di­gers erfol­gen kann.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 8. März 2010 – 2 Ws 29/​10

  1. ent­ge­gen KG Ber­lin, Beschluss vom 24.10.2006 – 4 Ws 131/​06[]
  2. Bur­hoff, a.a.O., VV 4141, Rz 14; Hart­mann, Kos­ten­ge­set­ze, 39. Auf­la­ge 2009, Rz 4; Schneider/​Wolf, a.a.O, VV 4141, Rz 28; Gerold/​Schmidt, RVG, 18. Auf­la­ge 2008, VV 4141, Rz 15[]
  3. OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 14.10.2002 – 2 Ws 261/​02, NStZ-RR 2003, 31 zu § 84 BRAGO; Bur­hoff, a.a.O., VV 4141, Rz 10; Gerold/​Schmidt, a.a.O, VV 4141, Rz 12; Hartung/​Römermann/​Schons, RVG, 2. Auf­la­ge 2006, VV 4141, Rz 30; Hart­mann, a.a.O, VV 4141, Rz 9[]
  4. Hart­mann, a.a.O., VV 4141, Rz 8 und 9[]
  5. OLG Düs­sel­dorf, a.a.O.[]
  6. zu den denk­ba­ren Mit­wir­kungs­hand­lun­gen, sie­he: Bur­hoff, a.a.O, VV 4141, Rz 7; Schneider/​Wolf, a.a.O, VV 4141, Rz 31; Gerold/​Schmidt, a.a.O, VV 4141, Rz 6 und 7; Bischof/​Jungbauer/​Bräuer/​Curkovic/​Mathias/​Uher, RVG, 2. Auf­la­ge 2007, VV 4141 – 4142, Rz 124; BGH, Urteil vom 05.11.2009 – IX ZR 237/​08, zur Ein­las­sung im Ermitt­lungs­ver­fah­ren[]
  7. OLG Düs­sel­dorf, a.a.O. zu § 84 BRAGO; Bur­hoff. a.a.O, VV 4141, Rz 11; Gerold/​Schmidt, a.a.O., VV 4141, Rz 10; Hart­mann, a.a.O., VV 4141, Rz 8; Schneider/​Wolf, a.a.O., VV 4141, Rz 30 – a.A.: KG Ber­lin, Beschluss vom 24.10.2006, 4 Ws 131/​06; AG Betz­dorf, Beschluss vom 16.05.2008 – 2070 Js 30194/​07, Jur­Bü­ro 2008, 589 mit Ver­weis auf KG Ber­lin, a.a.O.; Mayer/​Kroiß, RVG, 4. Auf­la­ge 2009, VV 4141, Rz 12 mit Ver­weis auf AG Betz­dorf, a.a.O.[]
  8. Ent­wurf eines Geset­zes zur Moder­ni­sie­rung des Kos­ten­rechts (Kos­ten­rechts­mo­der­ni­sie­rungs­ge­setz – KostRMoG), BT-Drs. 15/​1971, S. 227[]
  9. so aber KG, Beschluss vom 24.10.2006 – 4 Ws 131/​06[]
  10. BGH, Urteil vom 18.09.2008 – IX ZR 174/​07, m.w.N.[]
  11. sie­he hier­zu etwa Schneider/​Wolf, a.a.O. VV 1002, Rz 18 ff.; Gerold/​Schmidt, a.a.O., VV 1002, Rz 38 ff.[]
  12. h.M, vgl. Bur­hoff, a.a.O., VV 4141, Rz 8, Gerold/​Schmidt, a.a.O, VV 4141, Rz 9; AG Han­no­ver, Beschluss vom 01.09.2005 – 514 C 11137/​05, Jur­Bü­ro 2006, 79; Urteil vom 04.07.2005 – 512 C 3993/​05, Jur­Bü­ro 2006, 313[]
  13. so auch LG Köln, Beschluss vom 23.04.2001 – 104 Qs 69/​01, StV 2001, 638; LG Saar­brü­cken, Beschluss vom 20.02.2001 – 4 Qs 8/​01 I, eben­da[]