Ari­sche Musik­frak­ti­on

Durch das Ein­fü­gen von Haken­kreu­zen in eine Inter­net­platt­form wird ein Kenn­zei­chen ver­fas­sungs­wid­ri­ger Orga­ni­sa­tio­nen 1 zwar öffent­lich ver­wen­det (§ 86a Abs. 1 Nr. 1 StGB). Wenn dies im Aus­land (hier: in Tsche­chi­en) geschieht, fehlt es jedoch an dem Tat­be­stands­merk­mal der Inland­s­tat im Sin­ne des § 86a Abs. 1 Nr. 1 StGB.

Ari­sche Musik­frak­ti­on

Des­sen Aus­le­gung bestimmt sich nach §§ 3, 9 StGB. Danach muss im Inland ent­we­der die Tat­hand­lung began­gen bzw. unter­las­sen wor­den oder ein zum Tat­be­stand gehö­ren­der Erfolg ein­ge­tre­ten bzw. beab­sich­tigt gewe­sen sein (§ 9 Abs. 1 StGB).

Das abs­trak­te Gefähr­dungs­de­likt des § 86a StGB 2 umschreibt kei­nen zum Tat­be­stand gehö­ren­den Erfolg, so dass eine Inland­s­tat über § 9 Abs. 1 Var. 3 oder 4 StGB nicht begrün­det wer­den kann. Selbst wenn man der Ansicht zustim­men woll­te, dass die Fra­ge nach dem Erfolgs­ort im Sin­ne des § 9 Abs. 1 StGB norm­spe­zi­fisch am Schutz­zweck der jewei­li­gen Straf­vor­schrift aus­ge­rich­tet wer­den muss 3, die Rege­lung mit­hin nicht nur auf Erfolgs­de­lik­te im Sin­ne der all­ge­mei­nen Delikts­leh­re abstellt, ist jeden­falls an dem Ort, an dem die her­vor­ge­ru­fe­ne abs­trak­te Gefahr in eine kon­kre­te umge­schla­gen ist oder gar nur umschla­gen kann, kein zum Tat­be­stand gehö­ren­der Erfolg ein­ge­tre­ten 4. Die­ser muss viel­mehr in einer von der tat­be­stands­mä­ßi­gen Hand­lung räum­lich und/​oder zeit­lich abtrenn­ba­ren Außen­welts­ver­än­de­rung bestehen 5. Das Argu­ment, die­se Auf­fas­sung kon­ter­ka­rie­re die Bemü­hung, den Schutz bestimm­ter Rechts­gü­ter durch die Schaf­fung von abs­trak­ten Gefähr­dungs­de­lik­ten zu erhö­hen 6, ver­mag nicht zu über­zeu­gen. Gera­de die die­sen Schutz aus­ma­chen­de Vor­ver­la­ge­rung der Straf­bar­keit kann Anlass sein, die­se – schon mit Blick auf völ­ker­recht­li­che Fra­gen 7 – nicht aus­nahms­los auf Sach­ver­hal­te mit inter­na­tio­na­lem Bezug zu erstre­cken. Auch soweit die Gegen­mei­nung betont, dass der Gesetz­ge­ber mit der Neu­fas­sung des § 9 StGB durch das 2. Straf­rechts­re­form­ge­setz vom 04.07.1969 8 kei­ne Ein­schrän­kung der bis dahin zu § 3 Abs. 3 StGB aF herr­schen­den Auf­fas­sung zum Bege­hungs­ort abs­trak­ter Gefähr­dungs­de­lik­te habe errei­chen wol­len 9, steht die­ser etwai­ge Gesetz­ge­ber­wil­le im dia­me­tra­len Wider­spruch zu der mit der Neu­fas­sung ein­ge­füg­ten Vor­aus­set­zung, dass der Erfolg zum Tat­be­stand der Straf­norm gehö­ren muss 10.

Durch das Hoch­la­den aus der Tsche­chi­schen Repu­blik wurd auch allein im Aus­land gehan­delt (§ 9 Abs. 1 Var. 1 StGB). Der Hand­lungs­ort wird bei akti­vem Tun durch den Auf­ent­halts­ort des Täters bestimmt 11. Schon des­halb ver­mag die Ansicht nicht zu über­zeu­gen, nach der ein Hand­lungs­ort auch dort gege­ben sein soll, wo die durch media­le Über­tra­gung trans­por­tier­te Hand­lung ihre Wir­kung ent­fal­tet 12. Der Radi­us der Wahr­nehm­bar­keit einer Hand­lung ist nicht Teil ihrer selbst 13. Aus den­sel­ben Erwä­gun­gen kommt es auch nicht in Betracht, den Stand­ort des vom Täter ange­wähl­ten Ser­vers für aus­schlag­ge­bend zu erach­ten 14.

Eben­falls eine Fra­ge der Wir­kung der tat­be­stand­li­chen Hand­lung wäre es, wenn man in dem Abruf der vom Ange­klag­ten bereit­ge­stell­ten Inhal­te von Deutsch­land aus den Abschluss des Ver­wen­dens durch Ver­brei­ten von Schrif­ten sehen wür­de. Denn anders als bei der Beför­de­rung durch ande­re Per­so­nen fehlt es bei der rein tech­ni­schen Über­tra­gung im Inter­net an der Mög­lich­keit, Han­deln Drit­ter und damit deren Hand­lungs­ort selbst dem Täter gemäß § 25 Abs. 1 Alt. 2 bzw. § 25 Abs. 2 StGB zuzu­rech­nen 15. Der Bun­des­ge­richts­hof kann daher offen­las­sen, ob der zu der Vor­gän­ger­re­ge­lung des heu­ti­gen § 176a Abs. 3 StGB ergan­ge­nen Ent­schei­dung 16, die sich für das Inter­net von dem her­kömm­li­chen Ver­ständ­nis des Ver­brei­tens von Schrif­ten als einem Akt deren kör­per­li­cher Über­ga­be löst und die gespei­cher­ten Daten mit dem Daten­spei­cher gleich­setzt 17, zu fol­gen wäre, zumal ange­sichts der wei­te­ren Tat­hand­lungs­va­ri­an­te des öffent­li­chen Ver­wen­dens im Rah­men des § 86a Abs. 1 Nr. 1 StGB hier­zu ein Bedürf­nis nicht besteht.

Der Betrei­ber der Inter­net­platt­form hat sich dadurch, das er als Betrei­ber der Platt­form es im Inland unter­las­sen hat, die von ihm ein­ge­stell­ten Kenn­zei­chen wie­der zu ent­fer­nen, auch nicht gemäß § 86a Abs. 1 Nr. 1, § 13 StGB straf­bar gemacht. Unab­hän­gig von den Fra­gen, ob § 13 StGB über­haupt auf abs­trak­te Gefähr­dungs­de­lik­te Anwen­dung fin­det und ob eine Pflicht zur Abwehr von Gefah­ren bestehen kann, die durch eige­nes vor­sätz­li­ches Ver­hal­ten her­vor­ge­ru­fen wur­den 18, fehlt es ange­sichts der bereits objek­ti­ven Tat­be­stands­lo­sig­keit des Vor­ver­hal­tens jeden­falls an der eine Garan­ten­stel­lung begrün­den­den Pflicht­wid­rig­keit.

Der Bun­des­ge­richts­hof ver­kennt dabei nicht, dass sei­ne Auf­fas­sung dazu füh­ren kann, dass Per­so­nen – wie vor­lie­gend der Ange­klag­te – gezielt die Gren­ze über­que­ren wer­den, um Kenn­zei­chen in das Inter­net ein­zu­stel­len, deren Ver­wen­dung im Inland mit Stra­fe bedroht wäre. Es ist jedoch Auf­ga­be des Gesetz­ge­bers, die­se Straf­bar­keits­lü­cke zu schlie­ßen, falls er dies für erfor­der­lich erach­tet.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. August 2014 – 3 StR 88/​14

  1. vgl. BGH, Urteil vom 25.07.1979 – 3 StR 182/​79, BGHSt 29, 73, 83 f.[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 29.05.1970 – 3 StR 2/​70, BGHSt 23, 267, 268[]
  3. so BGH, Urteil vom 22.08.1996 – 4 StR 217/​96, BGHSt 42, 235, 242 zur objek­ti­ven Bedin­gung der Straf­bar­keit des abs­trak­ten Gefähr­dungs­de­likts des § 323a StGB[]
  4. eben­so S/​S‑Eser, StGB, 29. Aufl., § 9 Rn. 6a; Lackner/​Kühl/​Heger, StGB, 28. Aufl., § 9 Rn. 2; Satz­ger, NStZ 1998, 112, 114 f.; offen­ge­las­sen für den Fall, dass sich die abs­trak­te Gefahr rea­li­siert hat, von BGH, Urteil vom 12.12 2000 – 1 StR 184/​00, BGHSt 46, 212, 221[]
  5. Hil­gen­dorf, NJW 1997, 1873, 1876[]
  6. so Hein­rich, GA 1999, 72, 81[]
  7. vgl. hier­zu Roege­le, Deut­scher Straf­rechts­im­pe­ria­lis­mus, 2014, 53 ff., 132 ff.[]
  8. BGBl. I, S. 717[]
  9. so LK/​Werle/​Jeßberger, StGB, 12. Aufl., § 9 Rn. 33 mwN[]
  10. eben­so Satz­ger aaO, S. 115 f.[]
  11. Münch­Komm-StG­B/Am­bos, 2. Aufl., § 9 Rn. 8 mwN[]
  12. so aber KG, Urteil vom 16.03.1999 – 1 Ss 7/​98, NJW 1999, 3500, 3502; zustim­mend S/​S‑Eser aaO, § 9 Rn. 4[]
  13. eben­so Hein­rich, NStZ 2000, 533, 534; ableh­nend auch Münch­Komm-StG­B/Stein­metz aaO, § 86 Rn. 8 f.[]
  14. so aber S/​S‑Eser aaO, § 9 Rn. 7b[]
  15. vgl. hier­zu Münch­Komm-StG­B/Stein­metz aaO, § 86 Rn. 7[]
  16. BGH, Urteil vom 27.06.2001 – 1 StR 66/​01, BGHSt 47, 55, 58 ff.[]
  17. kri­tisch hier­zu Kud­lich, JZ 2002, 310, 311; SK-StG­B/­Ru­dol­phi/Stein, 40. Lfg., § 11 Rn. 61 f.[]
  18. vgl. BGH, Urteil vom 24.10.1995 – 1 StR 465/​95, NStZ-RR 1996, 131[]