Arrest­auf­he­bung – und die wei­te­re Beschwer­de der Staats­an­walt­schaft

In den Fäl­len des § 310 I Nr. 3 StPO ist bei Errei­chen der Wert­gren­ze die wei­te­re Beschwer­de auch für die Staats­an­walt­schaft jeden­falls dann eröff­net, wenn sich ihr zu Unguns­ten des Beschul­dig­ten geführ­tes Rechts­mit­tel gegen die Auf­he­bung eines ange­ord­ne­ten ding­li­chen Arrests mit dem Ziel sei­ner Wie­der­her­stel­lung rich­tet 1.

Arrest­auf­he­bung – und die wei­te­re Beschwer­de der Staats­an­walt­schaft

Zu der Fra­ge, ob auch der StA das Rechts­mit­tel der wei­te­ren Beschwer­de zusteht, wenn das Beschwer­de­ge­richt – wie hier – eine erst­in­stanz­li­che Arre­st­an­ord­nung über einen Betrag von mehr als 20.000 € auf­hebt, bestehen ins­be­son­de­re in der Rspr. unter­schied­li­che Mei­nun­gen 2. Dis­ku­tiert wird die Fra­ge unter dem Gesichts­punkt der Aus­le­gung der Vor­schrift nach dem Wort­laut, nach der Geset­zes­sys­te­ma­tik, nach der Gesetz­ge­bungs­ge­schich­te und schließ­lich unter dem Gesichts­punkt der teleo­lo­gi­schen Aus­le­gung. Das Ober­lan­des­ge­richt Bam­berg schließt sich der Auf­fas­sung an, wel­che die Mög­lich­keit der wei­te­ren Beschwer­de für die StA bejaht.

Der Wort­laut des Geset­zes ist letzt­lich nicht ein­deu­tig. Rein sprach­lich ist die "Anord­nung des ding­li­chen Arres­tes" auch betrof­fen bei der Fra­ge, ob ein sol­cher erst­ma­lig ange­ord­net wird, nicht erst bei der Fra­ge, ob ein bereits ange­ord­ne­ter ding­li­cher Arrest bestehen bleibt. Die im Ver­gleich zu § 310 I Nrn. 1 und 2 StPO abwei­chen­de For­mu­lie­rung zwingt auch nicht zu einem ande­ren sprach­li­chen Ver­ständ­nis: So ist der Begriff der "Ver­haf­tung" in der StPO als ein Ober­be­griff anzu­se­hen: § 112 I StPO spricht von der Anord­nung der Unter­su­chungs­haft; § 117 I StPO von der Auf­he­bung des Haft­be­fehls oder von des­sen Außer­voll­zug­set­zung. § 118 III StPO spricht von der Auf­recht­erhal­tung der Unter­su­chungs­haft. § 305 S. 2 StPO spricht – deut­li­cher und letzt­lich kon­se­quent – von "Ent­schei­dun­gen über Ver­haf­tun­gen", wel­che dort aus den­sel­ben Grün­den 3 von der Ein­schrän­kung der Anfecht­bar­keit des § 305 S. 1 StPO aus­ge­nom­men sind. Wenn somit "Ver­haf­tung" als Ober­be­griff für die­se Ent­schei­dun­gen u. a. die Anord­nung der Unter­su­chungs­haft in § 112 I StPO meint und zugleich nach all­ge­mei­ner Mei­nung die Ent­schei­dung, die Unter­su­chungs­haft nicht anzu­ord­nen, der wei­te­ren Beschwer­de unter­liegt, ist nicht nach­voll­zieh­bar, war­um bei § 310 I Nr. 3 StPO dann sprach­lich zwi­schen Fäl­len der Anord­nung und Fäl­len der Nicht-Anord­nung unter­schie­den wer­den soll. Schließ­lich – und dies legt auch gera­de die Gesetz­ge­bungs­his­to­rie nahe – muss beim ding­li­chen Arrest unter­schie­den wer­den zwi­schen des­sen Anord­nung und Maß­nah­men in des­sen Voll­zie­hung, was eine Klar­stel­lung erfor­dert, die zu leis­ten die gewähl­te For­mu­lie­rung geeig­net ist.

Zwar ist § 310 StPO als Aus­nah­me­vor­schrift eng aus­zu­le­gen. Denn die Vor­schrift folgt einem stren­gen Enu­me­ra­ti­ons­prin­zip. Damit ist zwar eine erwei­tern­de Aus­le­gung auf ande­re straf­pro­zes­sua­le Maß­nah­men über den Wort­laut der Vor­schrift hin­aus unzu­läs­sig, nicht aber eine Aus­le­gung inner­halb eines dort genann­ten Rege­lungs­ge­gen­stan­des. Dies gilt ins­be­son­de­re nach den Grund­sät­zen der all­ge­mei­nen Rechts­mit­tel­leh­re, wel­che Aus­le­gungs­mög­lich­kei­ten zulässt, wenn der Wort­laut einer Vor­schrift nicht ent­ge­gen­steht. Man­gels ent­ge­gen­ste­hen­den Wort­lau­tes des § 310 StPO ist der Raum für die vom Ober­lan­des­ge­richt vor­ge­nom­me­ne Aus­le­gung eröff­net. Asym­me­trisch statt­haf­te Rechts­mit­tel sind in der StPO tat­säch­lich eine Aus­nah­me­erschei­nung, wel­che grund­sätz­lich der aus­drück­li­chen Fest­le­gung bedür­fen 4. Dies belegt bereits der rein empi­ri­sche Befund. Ein Rück­griff auf ein Argu­ment unmit­tel­bar aus § 296 I StPO ist dazu nicht not­wen­dig (und als sol­cher wohl auch allei­ne nicht durch­schla­gend, vgl. OLG Ham­burg a. a. O.). § 296 StPO bringt jedoch den all­ge­mei­nen Gedan­ken zum Aus­druck, dass die StA, die als Straf­ver­fol­gungs­be­hör­de Auf­ga­ben der staat­li­chen Rechts­pfle­ge erfüllt 5, grund­sätz­lich stets (eben­falls) Rechts­mit­tel ein­le­gen kön­nen soll.

Der Wil­le des Gesetz­ge­bers lässt nicht ein­deu­tig erken­nen, dass er aus­schließ­lich dem Arrest­be­trof­fe­nen die wei­te­re Beschwer­de unter den wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen (Wert­gren­ze) eröff­nen woll­te.

Dies war zwar das Motiv, aber nicht das erkenn­bar aus­schließ­li­che Ziel 6 und hin­dert nicht eine Aus­le­gung zuguns­ten der StA. Es liegt in der Tat nahe, dass der Gesetz­ge­ber in der Geset­zes­be­grün­dung Aus­füh­run­gen gemacht hät­te, wenn er wesent­li­che Unter­schie­de zwi­schen § 310 I Nrn. 1 und 2 StPO einer­seits und § 310 I Nr. 3 ande­rer­seits hät­te machen, ins­be­son­de­re beson­de­re Rechts­fol­gen mit der unter­schied­li­chen For­mu­lie­rung hät­te ver­bin­den wol­len. Die Ent­ste­hungs­ge­schich­te 7 legt zwar auf den ers­ten Blick nahe, dass die Vor­schrift des § 310 I Nr. 3 StPO vor­nehm­lich auf die Initia­ti­ve der Bun­des­rechts­an­walts­kam­mer zurück­geht. Die­se hat­te eine Erwei­te­rung des § 310 StPO auf Sicher­stel­lun­gen i. S. d. § 111b StPO ange­regt, um zu gewähr­leis­ten, dass die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der vor­läu­fi­gen Sicher­stel­lung ein­ge­hal­ten wer­den. Der Gesetz­ge­ber hat dann die Statt­haf­tig­keit des Rechts­mit­tels der wei­te­ren Beschwer­de auf die Anord­nung des ding­li­chen Arrests nach § 111d I StPO über einen Betrag von mehr als 20.000 € erwei­tert, um dem Umstand Rech­nung zu tra­gen, dass dem Betrof­fe­nen mit einer Arres­tie­rung oft­mals erheb­li­che Ver­mö­gens­wer­te ent­zo­gen wer­den, was ins­be­son­de­re bei Fir­men­ver­mö­gen den Fort­be­stand des Unter­neh­mens und damit die wirt­schaft­li­che Exis­tenz sowohl des Betrof­fe­nen als auch der Fir­men­an­ge­hö­ri­gen (Arbeit­neh­mer) in Fra­ge stel­len kann.

Die­se gesetz­ge­be­ri­schen Moti­ve zwin­gen indes nicht zu einer ein­schrän­ken­den Aus­le­gung des § 310 I Nr. 3 StPO. Dies gebie­tet auch der Wort­laut nicht. Viel­mehr spricht ein Ver­gleich mit den Aus­nah­me­re­ge­lun­gen in § 310 I Nrn. 1 und 2 StPO dafür, die Anfech­tungs­mög­lich­keit der StA auch in Fäl­len wie den vor­lie­gen­den zuzu­las­sen 8. Im Übri­gen erscheint frag­lich, ob der Gesetz­ge­ber, der ersicht­lich dem Vor­schlag der Bun­des­rechts­an­walts­kam­mer, Sicher­stel­lun­gen im Sin­ne des § 111b StPO ein­zu­be­zie­hen, nicht fol­gen woll­te, hier statt "eine Anord­nung des ding­li­chen Arres­tes […] betref­fen" hät­te for­mu­lie­ren kön­nen "einen ding­li­chen Arrest […] betref­fen". In die­sem Fal­le wäre näm­lich zwei­fel­haft geblie­ben, ob auch Maß­nah­men in Voll­zie­hung eines sol­chen Arrests der wei­te­ren Beschwer­de unter­lie­gen sol­len. Inso­weit ver­mag das Argu­ment, die For­mu­lie­rung "Anord­nung des ding­li­chen Arres­tes" hät­te sonst kei­ne eigen­stän­di­ge Bedeu­tung 9, nicht zu über­zeu­gen.

Auch eine teleo­lo­gi­sche Aus­le­gung gebie­tet kei­ne Reduk­ti­on der Vor­schrift auf eine Anfech­tungs­mög­lich­keit allein für den Betrof­fe­nen. Denn die­ses Aus­le­gungs­er­geb­nis müss­te dann kon­se­quen­ter­wei­se eben­so für § 310 Abs. 1 Nrn. 1 und 2 StPO gel­ten, bei denen es für den Betrof­fe­nen um den Schutz sei­nes (noch gewich­ti­ge­ren) Frei­heits­grund­rechts geht. Inso­weit herrscht aber nach der ganz über­wie­gen­den und gefes­tig­ten Mei­nung ein ande­res Ver­ständ­nis die­ser Vor­schrif­ten vor. In die­sen Fäl­len sind die Maß­nah­men nicht nur mit tief­grei­fen­den Grund­rechts­be­ein­träch­ti­gun­gen für den Betrof­fe­nen ver­bun­den, son­dern die­nen im Fall des Vor­lie­gens ihrer Vor­aus­set­zun­gen auch der Siche­rung gewich­ti­ger All­ge­mein­in­ter­es­sen 4. Dies trifft glei­cher­ma­ßen auf den ding­li­chen Arrest zur Gewinn­ab­schöp­fung und vor allem zur Siche­rung von Opfer­in­ter­es­sen zu, ins­be­son­de­re bei grö­ße­ren Beträ­gen.

Ober­lan­des­ge­richt Bam­berg, Beschluss vom 1. April 2016 – – 1 Ws 111/​16

  1. u. a. Anschluss an OLG Braun­schweig, Beschluss vom 05.05.2014 – 1 Ws 103/​14 = wis­tra 2014, 327[]
  2. ver­nei­nend u. a. OLG Mün­chen, Urteil vom 06.07.2011 – 1 Ws 545/​11 = wis­tra 2011, 400 und OLG Ham­burg, Beschluss vom 19.05.2015 – 2 Ws 75/​15 [bei juris] einer­seits, beja­hend u. a. OLG Braun­schweig, Beschluss vom 05.05.2014 – 1 Ws 103/​14 = wis­tra 2014, 327 ande­rer­seits[]
  3. vgl. Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt § 305 Rn. 6[]
  4. OLG Braun­schweig a. a. O.[][]
  5. Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt vor § 296 Rn. 16[]
  6. OLG Braun­schweig, a. a. O.[]
  7. vgl. OLG Ham­burg a. a. O.[]
  8. vgl. in die­sem Sin­ne auch KK/​Zabeck StPO 7. Aufl. § 310 Rn. 13[]
  9. vgl. OLG Ham­burg a. a. O. unter Bezug­nah­me auf OLG Mün­chen, Beschluss vom 12.11.2007 – 2 Ws 942/​07 = NJW 2008, 389 = wis­tra 2008, 78 = StV 2008, 241 = NStZ 2008, 423[]