Atem­al­ko­hol und die Kon­troll­zeit vor der Mes­sung

Ist bei der Mes­sung des Alko­hols in der Atem­luft die Kon­troll­zeit von 10 Minu­ten nicht ein­ge­hal­ten, weil sich in der Mund­höh­le eine Fremd­sub­stanz befand, kann das Mess­ergeb­nis gleich­wohl ver­wert­bar sein, wenn der Grenz­wert von 0,25 mg/​l nicht uner­heb­lich (etwa 20 %) über­schrit­ten ist und ein Sicher­heits­ab­schlag vor­ge­nom­men wird. In die­sen Fäl­len bedarf es der Hin­zu­zie­hung eines Sach­ver­stän­di­gen 1.

Atem­al­ko­hol und die Kon­troll­zeit vor der Mes­sung

Gemäß § 24 a Abs. 1 und 3 StVG han­delt ord­nungs­wid­rig, wer im Stra­ßen­ver­kehr fahr­läs­sig ein Kraft­fahr­zeug führt, obwohl er 0,25 mg/​l oder mehr Alko­hol in der Atem­luft hat. Für die Ver­wert­bar­keit einer Atem­al­ko­hol­mes­sung ist wesent­lich die Ein­hal­tung der sog. Kon­troll­zeit von 10 Minu­ten vor der Mes­sung. Wäh­rend die­ser Zeit darf der Betrof­fe­ne kei­ne die Mes­sung mög­li­cher­wei­se beein­flus­sen­den Sub­stan­zen zu sich neh­men oder mit ihnen umge­hen. Dazu gehört neben Essen, Trin­ken und Rau­chen auch die Anwen­dung von Mund­was­ser, Spray u.a. 2. Wird neben ande­ren Bedin­gun­gen wie ins­be­son­de­re der Ein­hal­tung der War­te­zeit von 20 Minu­ten zwi­schen Trin­ken­de und Beginn der Mes­sung die Kon­troll­zeit ein­ge­hal­ten, bedarf es kei­nes Sicher­heits­ab­schla­ges vom Ergeb­nis der Mes­sung 3.

Die Fra­ge, wie zu ver­fah­ren ist, wenn die Kon­troll­zeit nicht ein­ge­hal­ten wird, wird unter­schied­lich beur­teilt. Nach Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Hamm 4 ist die Mes­sung ins­ge­samt unver­wert­bar und kann nicht etwa mit einem Sicher­heits­ab­schlag ver­wer­tet wer­den. Das Ober­lan­des­ge­richt Bam­berg 5 schließt sich dem jeden­falls für den Fall an, in dem der Grenz­wert gera­de erreicht ist (in dem zugrun­de­lie­gen­den Fall 0,253 mg/​l).

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart hält eben­so wie in dem Fall, in dem die War­te­zeit von 20 Minu­ten nicht ein­ge­hal­ten ist, eine gene­rel­le Unver­wert­bar­keit der Mes­sung für nicht ange­zeigt. Bei jener Fall­grup­pe wird eine Unver­wert­bar­keit dann nicht ange­nom­men, wenn der gemes­se­ne Atem­al­ko­hol­wert weit (etwa 20 %) über dem Grenz­wert liegt. In die­sem Fall sei durch Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens zu klä­ren, ob die mit der Nicht­ein­hal­tung der War­te­zeit ver­bun­de­nen Schwan­kun­gen der Mess­wer­te durch einen Sicher­heits­ab­schlag aus­ge­gli­chen wer­den kön­nen 6. Aus dem Gut­ach­ten von Scho­knecht 7 ergibt sich nicht, dass die Mes­sung in jedem Fall unver­wert­bar ist, wenn die Kon­troll­zeit von 10 Minu­ten nicht ein­ge­hal­ten wor­den ist. Hier­durch soll ledig­lich aus­ge­schlos­sen wer­den, dass der Pro­band kei­ne die Mes­sung mög­li­cher­wei­se beein­flus­sen­den Sub­stan­zen zu sich genom­men hat. Bei­spiel­haft wer­den Mund­was­ser und Spray genannt (in denen alko­ho­li­sche Sub­stan­zen ent­hal­ten sein kön­nen). Hier­aus folgt, dass die Mes­sun­gen im Ein­zel­fall trotz Nicht­ein­hal­tung der Kon­troll­zeit aus­sa­ge­kräf­tig sein kön­nen. Da die Bedin­gung der Ein­hal­tung der Kon­troll­zeit nicht ein­ge­hal­ten wor­den ist, ist aller­dings eben­so wie bei der Nicht­ein­hal­tung der War­te­zeit ein Sicher­heits­ab­schlag vor­zu­neh­men 8. Eine Ver­wert­bar­keit der Mes­sun­gen wird daher nur dann in Betracht kom­men, wenn der Grenz­wert des § 24 a Abs. 1 StVG nicht nur gering­fü­gig über­schrit­ten wor­den ist, wes­halb eine Ver­wert­bar­keit in den Fäl­len des OLG Bam­berg 7 und des OLG Karls­ru­he 9 aus­schei­det (dor­ti­ge Wer­te 0,253 und 0,260 mg/​l). Der wei­ter­ge­hen­den Ansicht des OLG Hamm 7 folgt das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart nicht. Um die­se Fra­gen zu klä­ren, bedarf es der Hin­zu­zie­hung eines Sach­ver­stän­di­gen, der sich auch zu Höhe des Sicher­heits­ab­schla­ges zu äußern hat.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 2. Juli 2010 – 4 Ss 369/​10

  1. abwei­chend von OLG Hamm, Beschluss vom 24.01.2008 – 2 Ss OWi 37/​08, VRS 114, 292[]
  2. so Scho­knecht, Beweis­si­cher­heit der Atem­al­ko­hol­ana­ly­se; Gut­ach­ten des Bun­des­ge­sund­heits­am­tes, 1992, S. 12[]
  3. BGHSt 46, 358, 367[]
  4. OLG Hamm, VRS 114, 292, 294[]
  5. OLG Bam­berg, BA 45, 197[]
  6. so etwa OLG Cel­le NZV 2004, 318; OLG Karls­ru­he VRS 107, 52 und NStZ-RR 2006, 250; Hentschel/​König/​Dau­er Stra­ßen­ver­kehrs­recht, 40. Auf­la­ge, § 24 a StVG Rn 16 a[]
  7. aaO[][][]
  8. vgl. BGH aaO[]
  9. OLG Karls­ru­he, VRS 107, 52[]