Auf­klä­rungs­pflich­ten aus Inge­renz – über eige­ne Straf­ta­ten

Die Ent­schei­dung, ob ein bestimm­tes, den straf­recht­lich miss­bil­lig­ten Erfolg abwen­den­des Ver­hal­ten zumut­bar ist, muss grund­sätz­lich von dem dazu beru­fe­nen Tatrich­ter im Rah­men einer wer­ten­den Gesamt­wür­di­gung des Ein­zel­fal­les getrof­fen wer­den, in die einer­seits die wider­strei­ten­den Inter­es­sen der Betei­lig­ten und ande­rer­seits die Gefahr für das bedroh­te Rechts­gut ein­zu­be­zie­hen sind [1].

Auf­klä­rungs­pflich­ten aus Inge­renz – über eige­ne Straf­ta­ten

Ist mit der Vor­nah­me der recht­lich gebo­te­nen Hand­lung die Gefahr der Auf­de­ckung eige­ner Straf­ta­ten des Garan­ten ver­bun­den, steht dies der Zumut­bar­keit norm­ge­mä­ßen Ver­hal­tens gera­de wegen des eige­nen rechts­wid­ri­gen Ver­hal­tens im Vor­feld regel­mä­ßig nicht ent­ge­gen [2].

Auch aus dem Ver­fas­sungs­recht lässt sich nicht ablei­ten, dass Selbst­be­güns­ti­gung als Aus­fluss per­sön­li­cher Frei­heit stets straf­los oder dar­über hin­aus­ge­hend sogar erlaubt sein müs­se [3].

Eben­so wenig schließt das Ver­fas­sungs­recht aus, Selbst­be­güns­ti­gungs­hand­lun­gen unter Stra­fe zu stel­len, wenn durch die­se straf­recht­lich geschütz­te Rechts­gü­ter Drit­ter beein­träch­tigt wer­den [4].

Bei Anle­gen die­ser Maß­stä­be hat es das Land­ge­richt im vor­lie­gen­den Fall rechts­feh­ler­frei für den Ange­klag­ten zumut­bar erach­tet, die Anle­ger über die erheb­li­chen Schä­di­gun­gen der Ver­mö­gen der Fonds­ge­sell­schaf­ten zu infor­mie­ren. Im Rah­men der gefor­der­ten Abwä­gung sind die Inter­es­sen der zahl­rei­chen Anle­ger, nicht wei­ter "wert­lo­se" Ein­zah­lun­gen in die Fonds­ge­sell­schaf­ten zu leis­ten, höher gewich­tet wor­den als die Inter­es­sen des Ange­klag­ten dar­an, sich nicht der Gefahr eige­ner Straf­ver­fol­gung aus­zu­set­zen. Die­se Wer­tung ist nicht zu bean­stan­den. Ob ande­res zu gel­ten hät­te, wenn die recht­lich gebo­te­ne Hand­lung wäh­rend eines lau­fen­den Straf­ver­fah­rens not­wen­dig mit einem Geständ­nis ein­her­gin­ge [5], bedarf kei­ner Ent­schei­dung. Eine sol­che Situa­ti­on war vor­lie­gend nicht gege­ben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. März 2017 – 1 StR 540/​16

  1. BGH, Urteil vom 19.12 1997 – 5 StR 569/​96, BGHSt 43, 381, 398 f.; sie­he auch bereits BGH, Urteil vom 20.12 1983 – 1 StR 746/​83, NStZ 1984, 164; Kud­lich in Satzger/​Schluckebier/​Widmaier aaO § 13 Rn. 44; Wohlers/​Gaede in Nomos Kom­men­tar zum StGB, 4. Aufl., § 13 Rn. 18[]
  2. BGH, Urtei­le vom 01.04.1958 – 1 StR 24/​58, BGHSt 11, 353, 355 f.; vom 19.12 1997 – 5 StR 569/​96, BGHSt 43, 381, 399; vgl. auch BGH, Urteil vom 06.05.1960 – 4 StR 117/​60, BGHSt 14, 282, 286 f.; Wei­gend in Leip­zi­ger Kom­men­tar zum StGB, 12. Aufl., § 13 Rn. 69; Kud­lich aaO § 13 Rn. 44; Wohlers/​Gaede aaO § 13 Rn. 18[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 29.05.1963 – 2 BvR 161/​63, BVerfGE 16, 191, 194[]
  4. vgl. BVerfG aaO BVerfGE 16, 191, 194; sie­he auch BGH, Urteil vom 10.02.2015 – 1 StR 488/​14, BGHSt 60, 198, 204 f. Rn. 35 f.[]
  5. dazu Wohlers/​Gaede aaO § 13 Rn. 18[]