Aus­län­der­hu­re” als Volks­ver­het­zung

§ 130 StGB (Volks­ver­het­zung) setzt sowohl im Äuße­rungs­tat­be­stand nach Abs. 1 als auch im Rah­men des Ver­brei­tungs­tat­be­stan­des (Abs. 2) vor­aus, dass sich der Inhalt der Schrift gegen einen Teil der Bevöl­ke­rung oder gegen eine natio­na­le, ras­si­sche, reli­giö­se oder durch ihr Volks­tum bestimm­te Grup­pe rich­tet.

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Kon­kret ging es in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall um das Abspie­len des Lie­des „Aus­län­der­hu­re” der Grup­pe „Kraft­schlag”. Der Bun­des­ge­richts­hof sah hier­in den Tat­be­stand der Volks­ver­het­zung noch nicht als erfüllt:

Als – vor­lie­gend allein in Betracht kom­mend – Teil der Bevöl­ke­rung ist eine von der übri­gen Bevöl­ke­rung auf Grund gemein­sa­mer äuße­rer oder inne­rer Merk­ma­le poli­ti­scher, natio­na­ler, eth­ni­scher, ras­si­scher, reli­giö­ser, welt­an­schau­li­cher, sozia­ler, wirt­schaft­li­cher, beruf­li­cher oder sons­ti­ger Art unter­scheid­ba­re Grup­pe von Per­so­nen zu ver­ste­hen, die zah­len­mä­ßig von eini­ger Erheb­lich­keit und somit indi­vi­du­ell nicht mehr unter­scheid­bar sind1.

Nicht aus­rei­chend ist es, wenn bei der Ver­wen­dung von Sam­mel­be­grif­fen der Per­so­nen­kreis so groß und unüber­schau­bar ist und meh­re­re, sich teil­wei­se deut­lich unter­schei­den­de Ein­stel­lun­gen oder poli­ti­sche Rich­tun­gen umfasst, dass eine Abgren­zung von der Gesamt­be­völ­ke­rung auf­grund bestimm­ter Merk­ma­le nicht mög­lich ist2.

So liegt es hier. Die in dem Lied ver­wen­de­te Grup­pen­be­zeich­nung „Aus­län­der­hu­ren” ist für sich betrach­tet vage. Wel­che abgrenz­ba­re Grup­pe von Frau­en kon­kret ange­spro­chen ist, lässt sich weder aus dem im Urteil aus­zugs­wei­se wie­der­ge­ge­be­nen Lied­text noch im Gesamt­zu­sam­men­hang des Urteils ein­deu­tig her­lei­ten. Dahin­ste­hen kann, ob der in dem Lied ver­wen­de­te Begriff „Aus­län­der­ban­den” aus­rei­chend bestimmt im Sin­ne der vor­ste­hen­den Maß­stä­be ist. Bezüg­lich die­ser Grup­pe bele­gen die Urteils­grün­de jeden­falls weder ein Auf­sta­cheln zu Gewalt- oder Will­kür­maß­nah­men noch einen Angriff auf die Men­schen­wür­de mit­tels Beschimp­fens, bös­wil­li­gen Ver­ächt­lich­ma­chens oder Ver­leum­dung.

Im vor­lie­gen­den Fall half dies der Ange­klag­ten jedoch nichts. Die die eben­falls abge­spiel­ten Stü­cken der Grup­pe „Land­ser” („Afri­ka Lied”, „Xeno­pho­bia”) reich­ten dem Bun­des­ge­richts­hof für den Schuld­spruch wegen Volks­ver­het­zung.

Aller­dings ver­neint der Bun­des­ge­richts­hof, dass das Abspie­len die­ser Titel neben § 130 Abs. 2 StGB auch den Tat­be­stand des Abs. 1 ver­wirk­licht. In Abgren­zung zu dem Ver­brei­tungs­de­likt des Abs. 23, han­delt es sich hier­bei um ein per­sön­li­ches Äuße­rungs­de­likt4. In dem Ver­brei­ten oder Zugäng­lich­ma­chen einer frem­den Erklä­rung liegt nur dann eine eige­ne Äuße­rung des Ver­brei­ten­den, wenn die­ser sich den Inhalt erkenn­bar zu Eigen macht5. Die Beur­tei­lung, ob in der Ver­brei­tung oder dem Zugäng­lich­ma­chen einer frem­den Äuße­rung zugleich eine eige­ne Äuße­rung zu sehen ist, das Han­deln also als Aus­druck eige­ner Miss­ach­tung und Feind­se­lig­keit erscheint, ist auf­grund einer Gesamt­wür­di­gung aller die Beson­der­hei­ten des Ein­zel­fal­les kenn­zeich­nen­den Umstän­de zu tref­fen6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. April 2015 – 3 StR 602/​14

  1. BGH, Urteil vom 03.04.2008 – 3 StR 394/​07, BGHR StGB § 130 Nr. 1 Bevöl­ke­rungs­teil 3
  2. BGH, Urteil vom 03.04.2008 – 3 StR 394/​07, BGHR StGB § 130 Nr. 1 Bevöl­ke­rungs­teil 3 mwN; Münch­Komm-StG­B/Schä­fer aaO § 130 Rn. 30, 34 f. mwN
  3. vgl. BGH, Urteil vom 03.04.2008 – 3 StR 394/​07 8
  4. BGH, Urteil vom 12.12 2000 – 1 StR 184/​00, BGHSt 46, 212, 224; Münch­Komm-StG­B/­Schä­fer aaO, § 130 Rn. 9
  5. Hörn­le, NStZ 2002, 113, 116; LK/​Krauß, StGB, 12. Aufl., § 130 Rn. 37; SK-StG­B/Stein/­Ru­dol­phi, 148. Lfg., § 130 Rn. 4; S/S‑­Stern­berg-Lie­ben, StGB, 29. Aufl., § 130 Rn. 5; vgl. auch BGH, Beschluss vom 20.02.1990 – 3 StR 278/​89, NJW 1990, 2828, 2831
  6. BGH, Urteil vom 14.01.1981 – 3 StR 440/​80, NStZ 1981, 258; LK/​Kraus aaO, § 130 Rn. 37