Aus­län­di­sche Stra­fen – und ihre Berück­sich­ti­gung bei der Gesamt­stra­fen­bil­dung

Aus­län­di­sche Stra­fen sind wegen des damit ver­bun­de­nen Ein­griffs in deren Voll­streck­bar­keit nicht gesamt­stra­fen­fä­hig 1.

Aus­län­di­sche Stra­fen – und ihre Berück­sich­ti­gung bei der Gesamt­stra­fen­bil­dung

Lie­gen aber ansons­ten die Vor­aus­set­zun­gen einer Gesamt­stra­fen­bil­dung vor, muss der Tatrich­ter sie im Rah­men der Straf­zu­mes­sung über den Gesichts­punkt des Här­teaus­gleichs oder des Gesamt­straf­ü­bels zuguns­ten des Ange­klag­ten berück­sich­ti­gen 2.

Dies gilt jeden­falls dann, wenn eine Abur­tei­lung der Straf­ta­ten auch in Deutsch­land mög­lich gewe­sen wäre, weil ent­we­der der Täter Deut­scher war oder die Tat sich gegen ein inter­na­tio­nal geschütz­tes Rechts­gut rich­tet 3.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall bedeu­te­te dies: Ange­sichts der ver­gleichs­wei­se hohen Frei­heits­stra­fen, die durch das fran­zö­si­sche Gericht ver­hängt wur­den, und des engen sach­li­chen Zusam­men­hangs der Taten – es ging jeweils um den Betrieb von Ter­min­woh­nun­gen, die teil­wei­se in Frank­reich und teil­wei­se in Deutsch­land gele­gen waren – wären die Aus­wir­kun­gen der Kumu­la­ti­on der Stra­fen für das künf­ti­ge Leben der Ange­klag­ten beson­ders ins Gewicht gefal­len (§ 46 Abs. 1 Satz 2 StGB). Das mit der Ver­ur­tei­lung der Ange­klag­ten ver­bun­de­ne Gesamt­straf­ü­bel wäre daher grund­sätz­lich zu erör­tern 4. Vor­aus­set­zung wäre jedoch die Rechts­kraft des fran­zö­si­schen Urteils. Das Land­ge­richt hät­te daher Fest­stel­lun­gen zu der Rechts­kraft des fran­zö­si­schen Urteils tref­fen müs­sen, da das Revi­si­ons­ge­richt sonst nicht beur­tei­len kann, ob die Straf­kam­mer die durch das fran­zö­si­sche Gericht ver­häng­ten Stra­fen im Rah­men der Straf­zu­mes­sung hät­te berück­sich­ti­gen müs­sen. Dar­in, dass das Land­ge­richt davon aus­geht, das Urteil sei – soweit bekannt – nicht rechts­kräf­tig, ohne mit­zu­tei­len, wes­halb die ent­spre­chen­den Fest­stel­lun­gen zur Rechts­kraft nicht getrof­fen wur­den oder wer­den konn­ten, liegt ein Erör­te­rungs­man­gel.

Dem steht die Recht­spre­chung, wonach bei feh­len­den oder nicht voll­stän­di­gen Dar­le­gun­gen zu den Vor­aus­set­zun­gen einer in Betracht kom­men­den nach­träg­li­chen Gesamt­stra­fen­bil­dung grund­sätz­lich davon aus­zu­ge­hen sei, dass dem Gericht die not­wen­di­gen Unter­la­gen zu den Vor­ver­ur­tei­lun­gen und zu deren Voll­stre­ckung nicht zugäng­lich gewe­sen sei­en, und dass das Gericht des­halb die nach­träg­li­che Gesamt­stra­fen­bil­dung zu Recht dem Beschluss­ver­fah­ren gemäß §§ 460, 462 StPO über­las­sen habe 5, nicht ent­ge­gen. Denn vor­lie­gend geht es nur um die Fra­ge der Rechts­kraft, die in der Regel auch bei aus­län­di­schen Ver­ur­tei­lun­gen durch die Bei­zie­hung aus­län­di­scher Straf­re­gis­ter­aus­zü­ge 6 oder durch eine Nach­fra­ge bei dem aus­län­di­schen Gericht schnell geklärt wer­den kann, so dass frag­lich erscheint, ob die Annah­me der zuvor genann­ten Ver­mu­tung – auch ange­sichts der auf­grund der Dau­er der Haupt­ver­hand­lung in zeit­li­cher Hin­sicht unpro­ble­ma­tisch bestehen­den Mög­lich­keit, die not­wen­di­ge Infor­ma­ti­on zu erlan­gen – über­haupt sach­ge­recht erscheint. Dies kann aber letzt­lich dahin­ste­hen, da die genann­te Recht­spre­chung für aus­län­di­sche Ver­ur­tei­lun­gen kei­ne Gel­tung bean­spru­chen kann, da für die­se Kon­stel­la­tio­nen ein nach­träg­li­ches Ver­fah­ren ent­spre­chend §§ 460, 462 StPO nicht vor­ge­se­hen ist und etwai­gen Här­ten nur noch in engen Gren­zen im Rah­men der Exe­qua­tur­ent­schei­dung gemäß § 54 IRG Rech­nung getra­gen wer­den kann 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 4. Juli 2018 – 1 StR 599/​17

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 26.03.2014 – 2 StR 202/​13 Rn. 15, StV 2015, 353[]
  2. vgl. den Über­blick über die Recht­spre­chung bei Schä­fer/​Sander/​van Gemme­ren, Pra­xis der Straf­zu­mes­sung, 6. Aufl., Rn. 1231 mwN[]
  3. st. Rspr.; vgl. zuletzt BGH, Beschlüs­se vom 26.03.2014 – 2 StR 202/​13 Rn. 15, aaO; und vom 27.01.2010 – 5 StR 432/​09, NJW 2010, 2677 f. mit aus­führ­li­cher Begrün­dung und mwN; abwei­chend für den Fall, dass eine Ver­ur­tei­lung in Deutsch­land nur gemäß § 7 Abs. 2 Nr. 2 StGB mög­lich gewe­sen wäre, vgl. BGH, Urteil vom 10.06.2009 – 2 StR 386/​08, NStZ 2010, 30 ff.[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 10.11.2010 – 5 StR 456/​10, StV 2011, 225; und vom 02.09.1997 – 1 StR 317/​97, NStZ 1998, 134[]
  5. vgl. zuletzt BGH, Urteil vom 17.02.2004 – 1 StR 369/​03, BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Anwen­dungs­pflicht 4 Rn. 11 mwN[]
  6. vgl. Schäfer/​Sander/​van Gemme­ren, Pra­xis der Straf­zu­mes­sung, 6. Aufl., Rn. 1288[]
  7. vgl. Schomburg/​Hackner in Schomburg/​Lagodny/​Gleß/​Hackner, Inter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen, 5. Aufl., § 54 Rn. 8c[]