Aus­lie­fe­rung an die USA – und die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on

Im Aus­lie­fe­rungs­ver­fah­ren gilt der Grund­satz der Amts­auf­klä­rung 1. Behör­den und Gerich­te müs­sen sich ver­ge­wis­sern, dass die Aus­lie­fe­rung und die ihr zugrun­de lie­gen­den Akte mit dem nach Art. 25 GG ver­bind­li­chen völ­ker­recht­li­chen Min­dest­stan­dard und den unab­ding­ba­ren ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­sät­zen ver­ein­bar sind 2. Ein­fach­recht­lich erklärt § 73 Satz 1 IRG die Aus­lie­fe­rung für unzu­läs­sig, wenn sie wesent­li­chen Grund­sät­zen der deut­schen Rechts­ord­nung wider­spre­chen wür­de.

Aus­lie­fe­rung an die USA – und die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on

Zu den unab­ding­ba­ren ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­sät­zen zählt das aus den ein­zel­nen Grund­rech­ten und dem Rechts­staats­prin­zip abzu­lei­ten­de Gebot der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit. Den zustän­di­gen Orga­nen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist es ver­wehrt, einen Ver­folg­ten aus­zu­lie­fern, wenn die Stra­fe, die ihm im ersu­chen­den Staat droht, uner­träg­lich hart, mit­hin unter jedem denk­ba­ren Gesichts­punkt unan­ge­mes­sen erscheint. Tat­be­stand und Rechts­fol­ge müs­sen sach­ge­recht auf­ein­an­der abge­stimmt sein 3. Eben­so zählt es wegen Art. 1 Abs. 1 GG und Art. 2 Abs. 1 GG zu den unab­ding­ba­ren Grund­sät­zen der deut­schen Ver­fas­sungs­ord­nung, dass eine ange­droh­te oder ver­häng­te Stra­fe nicht grau­sam, unmensch­lich oder ernied­ri­gend sein darf 4.

Ande­res gilt, wenn die zu voll­stre­cken­de Stra­fe ledig­lich als in hohem Maße hart anzu­se­hen ist und bei einer Beur­tei­lung allein anhand deut­schen Ver­fas­sungs­rechts nicht mehr als ange­mes­sen erach­tet wer­den könn­te. Da das Grund­ge­setz von der Ein­glie­de­rung Deutsch­lands in die Völ­ker­rechts­ord­nung der Staa­ten­ge­mein­schaft aus­geht (vgl. Prä­am­bel, Art. 1 Abs. 2, Art. 9 Abs. 2, Art. 23 bis Art. 26 GG) 5, gebie­tet es zugleich, im Rechts­hil­fe­ver­kehr auch dann Struk­tu­ren und Inhal­te frem­der Rechts­ord­nun­gen und ‑anschau­un­gen grund­sätz­lich zu ach­ten 6, wenn sie im Ein­zel­nen nicht mit den deut­schen inner­staat­li­chen Auf­fas­sun­gen über­ein­stim­men. Soll der in gegen­sei­ti­gem Inter­es­se bestehen­de zwi­schen­staat­li­che Aus­lie­fe­rungs­ver­kehr erhal­ten und die außen­po­li­ti­sche Hand­lungs­frei­heit der Bun­des­re­gie­rung unan­ge­tas­tet blei­ben, so dür­fen die Gerich­te nur die Ver­let­zung der unab­ding­ba­ren Grund­sät­ze der deut­schen Ver­fas­sungs­ord­nung als unüber­wind­ba­res Hin­der­nis für eine Aus­lie­fe­rung zugrun­de legen 7.

Die Ent­schei­dung über die Zuläs­sig­keit der Aus­lie­fe­rung muss erken­nen las­sen, dass das Gericht die Ver­ein­bar­keit der Aus­lie­fe­rung mit den ver­fas­sungs­recht­li­chen Min­dest­stan­dards sorg­fäl­tig geprüft hat. Dabei erhö­hen sich die Anfor­de­run­gen an die Begrün­dung mit dem Aus­maß des dro­hen­den Ein­griffs in die per­sön­li­che Frei­heit des Betrof­fe­nen 8. Ohne einen Ver­gleich der jewei­li­gen Straf­er­war­tung lässt sich die Fra­ge der Unzu­läs­sig­keit der Rechts­hil­fe sach­ge­recht nicht beur­tei­len; neben den Beson­der­hei­ten des Ein­zel­fal­les müs­sen auch die gege­be­nen Umstän­de der Straf­voll­stre­ckung, des Straf­voll­zu­ges und der Straf­aus­set­zung im Blick behal­ten wer­den 9.

Vor die­sem Hin­ter­grund hat­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kei­ne Beden­ken gegen eine Aus­lie­fe­rung zur Straf­ver­fol­gung nach Grie­chen­land, obwohl dem Aus­zu­lie­fern­den dort eine lebens­lan­ge Frei­heits­stra­fe droh­te. Die­se Straf­dro­hung hat die Kam­mer nicht für uner­träg­lich hart befun­den, weil die Ankla­ge einen Fall schwe­rer Dro­gen­kri­mi­na­li­tät und damit eine Tat betraf, die auch nach deut­schem Recht mit Frei­heits­stra­fe von 15 Jah­ren bedroht war, und das grie­chi­sche Recht nach einer Ver­bü­ßung von 20 Jah­ren der Frei­heits­stra­fe bei guter Füh­rung die Ent­las­sung aus der Haft gewähr­te. Ange­sichts der kon­kre­ten Chan­ce auf vor­zei­ti­ge Ent­las­sung stand die dro­hen­de Frei­heits­stra­fe zu der – schwer­wie­gen­den – Ver­feh­lung nicht so außer Ver­hält­nis, dass sie als schlecht­hin unan­ge­mes­sen anzu­se­hen war 10.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat­te auch kei­ne Beden­ken gegen eine Aus­lie­fe­rung nach Indi­en, obwohl dem Betrof­fe­nen auch dort eine lebens­lan­ge Frei­heits­stra­fe wegen Betrugs­de­lik­ten droh­te. Da die ein­zel­nen Staa­ten gera­de im Bereich der Ver­mö­gens­de­lik­te unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen über die Straf­wür­dig­keit hät­ten, sei die­se Straf­dro­hung nicht uner­träg­lich hart im Sin­ne der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 11. Eben­so wenig hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt eine Aus­lie­fe­rung an die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka bean­stan­det, wo dem Betrof­fe­nen wegen "schwe­ren Mor­des" eine lebens­lan­ge Frei­heits­stra­fe ohne die Mög­lich­keit der vor­zei­ti­gen Bewäh­rung droh­te 12. Bei schwers­ten Rechts­gut­ver­let­zun­gen kann die Anord­nung einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe mit dem Gebot des sinn- und maß­vol­len Stra­fens ver­ein­bar sein 13, sofern für den Betrof­fe­nen zumin­dest eine prak­ti­sche Mög­lich­keit besteht, sei­ne Frei­heit wie­der­zu­er­lan­gen 14.

Nach die­sen Maß­stä­ben ver­letzt im hier ent­schie­de­nen Fall die Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main 15Art. 3 Abs. 1 GG in sei­ner Aus­prä­gung als Will­kür­ver­bot. Die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung erfüllt nicht die dar­ge­stell­ten Min­des­ter­for­der­nis­se an Art und Tie­fe der Begrün­dung rich­ter­li­cher Ent­schei­dun­gen im Aus­lie­fe­rungs­recht. Hin­sicht­lich der dem Beschwer­de­füh­rer dro­hen­den Stra­fe beschränkt sie sich auf die Behaup­tung, dass sämt­li­che Ankla­ge­punk­te – ein­schließ­lich der Behin­de­rung der Jus­tiz, der Geld­wä­sche sowie der Ver­schwö­rung dazu – hin­rei­chend ähn­lich sei­en, so dass nach ame­ri­ka­ni­schem Recht – eben­so wie im Fall des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he – nur eine Ver­ur­tei­lung auf Grund­la­ge einer ein­zel­nen Straf­vor­schrift in Betracht kom­me. Die­se Auf­fas­sung wird durch nichts belegt und ist spe­ku­la­tiv. Der Beschwer­de­füh­rer macht zu Recht gel­tend, dass er ande­ren Tat­vor­wür­fen aus­ge­setzt sei als der Betrof­fe­ne im Fall des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he. Aus wel­chem Grund die in dem in Bezug genom­me­nen Fall des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he ein­ge­hol­te Stel­lung­nah­me der US-ame­ri­ka­ni­schen Behör­den auch der Bestim­mung der Straf­er­war­tung im vor­lie­gen­den Fall zugrun­de gelegt wer­den kön­nen soll, ist weder nach­voll­zieh­bar, noch in sons­ti­ger Wei­se ersicht­lich. Ange­sichts von Ver­ur­tei­lun­gen in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, die nicht nur bei Tötungs­de­lik­ten 30 Jah­re Frei­heits­stra­fe deut­lich über­schrei­ten kön­nen und dem Ziel die­nen, Straf­tä­ter dau­er­haft aus der Gesell­schaft zu ent­fer­nen 16, hät­te sich das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main mit der kon­kret zu erwar­ten­den Stra­fe, der Mög­lich­keit einer vor­zei­ti­gen Ent­las­sung sowie gege­be­nen­falls damit aus­ein­an­der­set­zen müs­sen, ob dies mit dem Gebot des sinn- und maß­vol­len Stra­fens ver­ein­bar ist.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 20. Novem­ber 2014 – 2 BvR 1820/​14

  1. vgl. BVerfGE 60, 348, 358; BVerfGK 18, 63, 73[]
  2. vgl. BVerfGE 63, 332, 337 f.; 75, 1, 19; 108, 129, 136; 113, 154, 162[]
  3. vgl. BVerfGE 50, 205, 214 f.; 75, 1, 16; 113, 154, 162[]
  4. vgl. BVerfGE 75, 1, 16 f.; 108, 129, 136 f.[]
  5. vgl. auch BVerfGE 111, 307, 317 ff.[]
  6. vgl. BVerfGE 75, 1, 16 f.; 108, 129, 137[]
  7. vgl. BVerfGE 113, 154, 162 f.[]
  8. vgl. BVerfGE 70, 297, 310; BVerfG, Beschluss vom 23.09.2008 – 2 BvR 936/​08 18 zur Siche­rungs­ver­wah­rung[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 10.08.1993 – 4 ARs 13/​93, NStZ 1993, S. 547[]
  10. vgl. BVerfG, Beschluss vom 04.03.1994 – 2 BvR 2037/​93, NJW 1994, S. 2884[]
  11. vgl. BVerfGE 108, 129, 143 f.[]
  12. vgl. BVerfGE 113, 154 ff.[]
  13. vgl. BVerfGE 45, 187, 254 ff.; 64, 261, 271; 113, 154, 163 f.[]
  14. vgl. BVerfGE 113, 154, 166 f.[]
  15. OLG Frank­furt am Main, Beschluss vom 05.08.2014 – 2 Ausl A 218/​13[]
  16. vgl. z.B. öst. OGH, Ent­schei­dung vom 09.04.2002 – 14 Os 8/​02[]