Aus­lie­fe­rung nach Polen – und die pol­ni­sche Jus­tiz­re­form

Bestehen Zwei­fel, ob auf­grund der Jus­tiz­re­for­men in Polen die Unab­hän­gig­keit der pol­ni­schen Jus­tiz und der Anspruch des Aus­zu­lie­fern­den auf ein fai­res Ver­fah­ren (Art. 47 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on) gewähr­leis­tet ist, kann ein Haft­be­fehl auf­ge­ho­ben wer­den.

Aus­lie­fe­rung nach Polen – und die pol­ni­sche Jus­tiz­re­form

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he in dem hier vor­lie­gen­den Fall ent­schie­den und die pol­ni­schen Behör­den um wei­te­re Aus­kunft zu den Aus­wir­kun­gen der pol­ni­schen Jus­tiz­re­form auf das kon­kre­te Ver­fah­ren ersucht.

Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he besteht die Gefahr, dass die mit dem Ver­fah­ren befass­ten Rich­ter nach dem Inkraft­tre­ten des pol­ni­schen Geset­zes zur Ände­rung der Gerichts­ver­fas­sung vom 29.12.2019 allein auf­grund der von ihnen vor­ge­nom­me­nen Wür­di­gung von Bewei­sen in einem Straf­ver­fah­ren mit dis­zi­pli­na­ri­schen Sank­tio­nen rech­nen müs­sen, wodurch ihre Unab­hän­gig­keit und ein fai­res Ver­fah­ren in Fra­ge gestellt sind.

Damit knüpft das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he an Ent­schei­dun­gen des Euro­päi­schen Gerichts­hofs an, mit denen die natio­na­len Gerich­te ver­pflich­tet wur­den, die Gewähr­leis­tung des euro­päi­schen Grund­rechts auf ein fai­res Ver­fah­ren bei einer Aus­lie­fe­rung zu prü­fen [1], und die Zwangs­pen­sio­nie­rung von Rich­tern in Polen für uni­ons­rechts­wid­rig erklärt wur­de [2].

Eine end­gül­ti­ge Ent­schei­dung über die Zuläs­sig­keit der Aus­lie­fe­rung wird erst erfol­gen, nach­dem die pol­ni­schen Behör­den Gele­gen­heit zur Beant­wor­tung der Anfra­ge des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he hat­ten.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 17. Febru­ar 2020 – 301 AR 156/​19

  1. EuGH, Urteil vom 25.07.2018 – C 216/​18, EuGRZ 2018, 396[]
  2. EuGH, Urteil vom 19.11.209 – C 192/​18[]