Aus­lie­fe­rung nach Russ­land

Im Aus­lie­fe­rungs­ver­fah­ren haben deut­sche Gerich­te zu prü­fen, ob die Aus­lie­fe­rung und die ihr zugrun­de­lie­gen­den Akte des ersu­chen­den Staa­tes mit dem nach Art. 25 GG in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ver­bind­li­chen völ­ker­recht­li­chen Min­dest­stan­dard und den unab­ding­ba­ren ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­sät­zen ver­ein­bar sind [1].

Aus­lie­fe­rung nach Russ­land

Zu den unab­ding­ba­ren Grund­sät­zen der deut­schen ver­fas­sungs­recht­li­chen Ord­nung zählt wegen Art. 1 Abs. 1 und Art. 2 Abs. 1 GG, dass eine ange­droh­te oder ver­häng­te Stra­fe nicht grau­sam, unmensch­lich oder ernied­ri­gend sein darf. Die zustän­di­gen Orga­ne der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land sind des­halb gehin­dert, an der Aus­lie­fe­rung eines Ver­folg­ten mit­zu­wir­ken, wenn die­ser eine sol­che Stra­fe zu gewär­ti­gen oder zu ver­bü­ßen hat [2].

Der Umstand, dass dem Beschwer­de­füh­rer in einem Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on (hier: Öster­reich), der auf Grund­la­ge der auch für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ver­bind­li­chen uni­ons- und völ­ker­recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen Frem­den Schutz gewährt, in der Ver­gan­gen­heit Schutz vor einer Aus­lie­fe­rung in die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on bewil­ligt wor­den ist und nach sei­nem nicht über­prüf­ten Vor­trag auch gegen­wär­tig noch bewil­ligt wird, ist aller­dings grund­sätz­lich ein deut­li­cher Anhalts­punkt dafür, dass dem Beschwer­de­füh­rer eine Behand­lung dro­hen könn­te, die sei­ne Aus­lie­fe­rung unzu­läs­sig machen wür­de [3].

Im hier ent­schie­de­nen Fall lies sich den vom Beschwer­de­füh­rer vor­ge­leg­ten Unter­la­gen jedoch ent­neh­men, dass der Asyl­ge­richts­hof der Repu­blik Öster­reich bei der von ihm aus­ge­spro­che­nen Zuer­ken­nung sub­si­diä­ren Schut­zes an den Beschwer­de­füh­rer die Gefahr einer straf­recht­li­chen Ver­fol­gung aus poli­ti­schen oder sons­ti­gen kon­ven­ti­ons­re­le­van­ten Moti­ven aus­drück­lich aus­ge­schlos­sen hat. Viel­mehr hat er die Gewäh­rung sub­si­diä­ren Schut­zes aus­schließ­lich mit der Befürch­tung begrün­det, die dem Beschwer­de­füh­rer in der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on dro­hen­de straf­recht­li­che Ver­fol­gung wegen Mor­des ber­ge die Gefahr einer Ver­let­zung von Art. 3 EMRK. Die­se Befürch­tung hält das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen [4] durch die gegen­über dem Bun­des­mi­nis­ter der Jus­tiz und für Ver­brau­cher­schutz nach Erlass der Ent­schei­dung des Asyl­ge­richts­hofs erteil­te Zusi­che­rung der Gene­ral­staats­an­walt­schaft der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on für aus­ge­räumt, ohne dass dies im Ergeb­nis ver­fas­sungs­recht­lich zu bean­stan­den wäre. Der Begrün­dung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de lässt sich auch nicht ent­neh­men, dass es im vor­lie­gen­den Fall erfor­der­lich wäre, die noch aus­ste­hen­de Ent­schei­dung über den Asyl­an­trag des Beschwer­de­füh­rers abzu­war­ten.

Im Aus­lie­fe­rungs­ver­kehr zwi­schen Deutsch­land und ande­ren Staa­ten ist dem ersu­chen­den Staat im Hin­blick auf die Ein­hal­tung der Grund­sät­ze der Rechts­staat­lich­keit und des Men­schen­rechts­schut­zes grund­sätz­lich Ver­trau­en ent­ge­gen­zu­brin­gen [5]. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts sind daher vom ersu­chen­den Staat im Aus­lie­fe­rungs­ver­kehr gege­be­ne völ­ker­recht­lich ver­bind­li­che Zusi­che­run­gen geeig­net, etwai­ge Beden­ken hin­sicht­lich der Zuläs­sig­keit der Aus­lie­fe­rung aus­zu­räu­men, sofern nicht im Ein­zel­fall zu erwar­ten ist, dass die Zusi­che­rung nicht ein­ge­hal­ten wird [6]; auch ist die Zusi­che­rung der Spe­zia­li­tät der Straf­ver­fol­gung in der Regel als aus­rei­chen­de Garan­tie gegen eine dro­hen­de poli­ti­sche Ver­fol­gung des Aus­zu­lie­fern­den anzu­se­hen [7].

Vor­lie­gend hat die Gene­ral­staats­an­walt­schaft der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on zuge­si­chert, der Beschwer­de­füh­rer wer­de in Über­ein­stim­mung mit Art. 3 EMRK nicht gefol­tert, grau­sam, unmensch­lich oder ernied­ri­gend behan­delt oder bestraft. Fer­ner hat die Gene­ral­staats­an­walt­schaft eine Garan­tie abge­ge­ben, dass den Mit­ar­bei­tern der Deut­schen Bot­schaft jeder­zeit die Mög­lich­keit gege­ben wer­de, den Beschwer­de­füh­rer in der Voll­zugs­an­stalt zum Zweck der Kon­trol­le der Ein­hal­tung der abge­ge­be­nen Garan­tien zu besu­chen. Die­se Zusi­che­rung ermög­licht die gebo­te­ne effek­ti­ve Kon­trol­le der kon­ven­ti­ons­kon­for­men Behand­lung des Beschwer­de­füh­rers durch deut­sche Stel­len und ist daher in der Lage, etwai­ge Zwei­fel an der Ein­hal­tung der Zusi­che­rung zu zer­streu­en.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 2. Febru­ar 2016 – 2 BvR 2486/​15

  1. vgl. BVerfGE 63, 332, 337 f.; 75, 1, 19; 108, 129, 136; 113, 154, 162; BVerfG, Beschluss vom 20.11.2014 – 2 BvR 1820/​14 24[]
  2. BVerfGE 75, 1, 16 f.; 108, 129, 136 f.; 113, 154, 162; zu den dar­aus fol­gen­den Auf­klä­rungs­pflich­ten der Gerich­te vgl. BVerfG, Beschluss vom 09.04.2015 – 2 BvR 221/​15 12 ff.; Beschluss vom 15.12 2015 – 2 BvR 2735/​14 62 ff.[]
  3. vgl. BVerfGE 52, 391, 405 f.[]
  4. OLG Mün­chen, Beschluss vom 26.011.2015 – 1 AR 294/​15[]
  5. BVerfGE 109, 13, 35 f.; 109, 38, 61; BVerfG, Beschluss vom 15.12 2015 – 2 BvR 2735/​14 68[]
  6. vgl. BVerfGE 63, 215, 224; 109, 38, 62; BVerfGK 2, 165, 172 f.; 3, 159, 165; 6, 13, 19; 6, 334, 343; 13, 128, 136; 13, 557, 561; 14, 372, 377 f.; BVerfG, Beschluss vom 20.12 2007 – 2 BvQ 51/​07 27 f.; Beschluss vom 09.04.2015 – 2 BvR 221/​15 17[]
  7. vgl. BVerfGE 15, 249, 251 f.; 38, 398, 402; 60, 348, 358; BVerfG, Beschluss vom 09.11.2000 – 2 BvR 1560/​00, NJW 2001, S. 3111, 3112; Beschluss vom 09.04.2015 – 2 BvR 221/​15 17[]