Aus­lie­fe­rung – und die Fra­ge men­schen­wür­di­ger Haft­be­din­gun­gen

Die Zuläs­sig­keit von Aus­lie­fe­rungs­haft nach Ein­gang eines Aus­lie­fe­rungs­er­su­chens der Grie­chi­schen Repu­blik setzt vor­aus, dass bin­nen ange­mes­se­ner Frist eine indi­vi­du­el­le Zusi­che­rung des ersu­chen­den Staa­tes dahin­ge­hend vor­liegt, dass die ver­folg­te Per­son für den Fall ihrer Inhaf­tie­rung in Grie­chen­land durch­gän­gig in einer Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt unter­ge­bracht wird, deren Stan­dards den Anfor­de­run­gen der Euro­päi­schen Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten vom 04.11.1950 bzw. den Euro­päi­schen Straf­voll­zugs­grund­sät­zen vom 11.01.2006 ent­spre­chen und dort jeder­zeit von deut­schen Kon­su­lar­be­am­ten besucht wer­den darf. Abs­trakt-gene­rel­le amt­li­che Erklä­run­gen zu all­ge­mein­gül­ti­gen grie­chi­schen Straf­voll­zugs­prin­zi­pi­en genü­gen nicht.

Aus­lie­fe­rung – und die Fra­ge men­schen­wür­di­ger Haft­be­din­gun­gen

Im Dezem­ber 2015 hat das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf ent­schie­den 1, dass die Aus­lie­fe­rung eines im dor­ti­gen Ver­fah­ren Ver­folg­ten "an die grie­chi­sche Regie­rung" zum Zwe­cke der Straf­ver­fol­gung unzu­läs­sig sei. Zur Begrün­dung wur­de u. a. Fol­gen­des ange­führt: "Der Zuläs­sig­keit der Aus­lie­fe­rung steht ein Aus­lie­fe­rungs­hin­der­nis nach § 73 Satz 2 IRG i. V. m. Art. 6 des Ver­tra­ges über die Euro­päi­sche Uni­on und Art. 3 MRK ent­ge­gen. Hier­nach ist eine Aus­lie­fe­rung in einen Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on unzu­läs­sig, durch die gegen die in Art. 6 des EUVtr ent­hal­te­nen Grund­sät­ze ver­sto­ßen wür­de. (…) Vor­lie­gend besteht die Gefahr, dass der Ver­folg­te im Fal­le sei­ner Aus­lie­fe­rung in Grie­chen­land in einer Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt inhaf­tiert wer­den könn­te, die euro­päi­schen Min­dest­stan­dards nicht genügt bzw. in der er einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung aus­ge­setzt wäre. (…)"

Nach Bezug­nah­men auf einen Bericht des Komi­tees des Euro­pa­ra­tes zur Ver­hü­tung von Fol­ter und unmensch­li­cher und ernied­ri­gen­der Behand­lung oder Stra­fe (CPT) vom 16.10.2014 sowie auf eine behörd­li­che Aus­kunft des Aus­wär­ti­gen Amts vom 12.03.2015 heißt es im bezeich­ne­ten Beschluss wei­ter wie folgt: "Daher erscheint es nicht durch­ge­hend gewähr­leis­tet, dass die Haft­be­din­gun­gen den Anfor­de­run­gen der MRK bzw. den Min­dest­grund­sät­zen für die Behand­lung von Gefan­ge­nen der Ver­ein­ten Natio­nen (vom 13.05.1977) und/​oder den Euro­päi­schen Straf­voll­zugs­grund­sät­zen vom 11.01.2006 ent­spre­chen. (…) Die­se aus dem all­ge­mein deso­la­ten Zustand des grie­chi­schen Gefäng­nis­sys­tems sich erge­ben­den Beden­ken des Ober­lan­des­ge­richts konn­ten durch die Erklä­rung des grie­chi­schen Minis­te­ri­ums für Jus­tiz (…) nicht ent­kräf­tet wer­den. (…) Die kon­kret bestehen­de Gefahr, dass der Ver­folg­te in Grie­chen­land men­schen­rechts­wid­ri­gen Haft­be­din­gun­gen aus­ge­setzt sein könn­te, schließt sei­ne Aus­lie­fe­rung aus. (…)"

Anknüp­fend hier­an hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart im vor­lie­gen­den Fall bei der Gene­ral­staats­an­walt­schaft ange­regt, die ersu­chen­de Staats­an­walt­schaft bei dem Ober­lan­des­ge­richt Athen um Abga­be einer Zusi­che­rung dahin­ge­hend zu bit­ten, dass der Ver­folg­te für den Fall sei­ner Aus­lie­fe­rung an die Grie­chi­sche Repu­blik in einer Haft­an­stalt unter­ge­bracht wird, in der durch­ge­hend gewähr­leis­tet ist, dass die Haft­be­din­gun­gen den Anfor­de­run­gen der Euro­päi­schen Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten vom 04.11.1950 bzw. den Euro­päi­schen Straf­voll­zugs­grund­sät­zen vom 11.01.2006 ent­spre­chen. Dar­über hin­aus­ge­hend hat das Ober­lan­des­ge­richt mit Beschluss vom 11.01.2016 das Aus­wär­ti­ge Amt um amt­li­che Stel­lung­nah­men zu (dort vor­lie­gen­den) Erkennt­nis­sen über aktu­ell gege­be­ne Haft­be­din­gun­gen im grie­chi­schen Straf­voll­zug und ggf. damit ein­her­ge­hen­de Unzulänglichkeiten/​Defizite im Hin­blick auf die Vor­ga­ben in den bezeich­ne­ten euro­päi­schen Über­ein­kom­men ersucht.

Die Gene­ral­staats­an­walt­schaft hat dar­auf­hin mit Schrei­ben vom 12.01.2016 bei der Staats­an­walt­schaft bei dem Ober­lan­des­ge­richt Athen um ergän­zen­de Infor­ma­tio­nen gebe­ten; unter Bezug­nah­me auf die in Rede ste­hen­de Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Düs­sel­dorf wur­de dar­in ins­be­son­de­re um eine "aus­drück­li­che Zusi­che­rung" dahin­ge­hend ersucht, dass der Ver­folg­te für den Fall sei­ner Aus­lie­fe­rung in einer grie­chi­schen Haft­an­stalt unter­ge­bracht wird, die den Anfor­de­run­gen der Euro­päi­schen Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten vom 04.11.1950 bzw. den Euro­päi­schen Straf­voll­zugs­grund­sät­zen vom 11.01.2006 ent­spricht. Mit Schrei­ben vom 09.02.2016 wur­de sei­tens der grie­chi­schen Straf­ver­fol­gungs­be­hör­de bestä­tigt, dass die Anfra­ge an die "zustän­di­ge Abtei­lung des (…) Minis­te­ri­ums für Jus­tiz, Trans­pa­renz und Men­schen­rech­te über­mit­telt" wor­den sei. Am 10.03.2016 wur­de dem Ober­lan­des­ge­richt ein Schrei­ben des bezeich­ne­ten Minis­te­ri­ums vor­ge­legt, in dem unter dem Datum "8.02.2016" (u. a.) Fol­gen­des mit­ge­teilt wur­de: "Das Minis­te­ri­um für Jus­tiz, Trans­pa­renz und Men­schen­rech­te wird die betrof­fe­ne Per­son in einem Haft­raum in einer Wei­se und unter Haft­be­din­gun­gen unter­brin­gen (…), wel­che sei­ne Wür­de und sei­ne Men­schen­rech­te schüt­zen. Das Fol­ter­ver­bot ist in der grie­chi­schen Ver­fas­sung ver­an­kert. Die Fol­te­rung einer Per­son ist (…) mit Stra­fe bedroht. Fer­ner hat Grie­chen­land die Kon­ven­tio­nen für die Men­schen­rech­te und gegen Fol­ter (…) unter­zeich­net und es beach­tet die­se und ist dar­an gebun­den. (…) Dem­nach wer­den alle Gefan­ge­ne mit Respekt vor ihren Rech­ten als Men­schen und Gefan­ge­ne behan­delt (…)".

Die Gene­ral­staats­an­walt­schaft hat dar­auf­hin die Staats­an­walt­schaft bei dem Ober­lan­des­ge­richt Athen mit Schrei­ben vom 08.03.2016 unter aus­drück­li­chem Hin­weis auf den anste­hen­den Haft­prü­fungs­ter­min am 25.04.2016 dahin­ge­hend infor­miert, dass die ent­spre­chen­de minis­te­ri­el­le Erklä­rung kei­ne aus­rei­chen­de Zusi­che­rung bezüg­lich der Haft­un­ter­brin­gung des Ver­folg­ten in Grie­chen­land beinhal­te. Fer­ner wur­de deut­lich gemacht, dass eine ver­gleich­ba­re Erklä­rung (bereits) vom Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf nicht akzep­tiert wor­den sei. Not­wen­dig sei viel­mehr eine indi­vi­du­el­le, auf den Ver­folg­ten bezo­ge­ne Zusi­che­rung, in der die Haft­be­din­gun­gen kon­kret und über­prüf­bar dar­ge­stellt wer­den.

Am 14.04.2016 wur­de der Gene­ral­staats­an­walt­schaft dar­auf­hin ein Schrei­ben vom 06.04.2016 zuge­lei­tet, in wel­chem das (grie­chi­sche) Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um erklärt, dass es bei den (bereits) erteil­ten "Zusi­che­run­gen" ver­blei­be.

Eine (Behör­den-) Erklä­rung des Aus­wär­ti­gen Amts steht der­zeit noch aus.

Bei die­sen Gege­ben­hei­ten ist das Vor­lie­gen eines der Aus­lie­fe­rung des Ver­folg­ten ent­ge­gen­ste­hen­den Hin­der­nis­ses im Sin­ne von § 73 S. 2 IRG i. V. m. Art. 6 des Ver­tra­ges über die Euro­päi­sche Uni­on und Art. 3 MRK zwar (noch) nicht end­gül­tig (zwin­gend) anzu­neh­men; die (bis­lang) feh­len­de Abga­be der – mehr­fach erbe­te­nen – indi­vi­du­el­len Zusi­che­rung zur Fra­ge der Gewähr­leis­tung einer kon­ven­ti­ons­kon­for­men Inhaf­tie­rung des Ver­folg­ten in Grie­chen­land hat jedoch vor dem Hin­ter­grund der beschrie­be­nen (Vor-) Erkennt­nis­la­ge zu den all­ge­mei­nen (Haft-) Bedin­gun­gen im grie­chi­schen Straf­voll­zug bestehen­de Zwei­fel an der Zuläs­sig­keit einer Aus­lie­fe­rung ver­dich­tet und die Wahr­schein­lich­keit, dass das in Rede ste­hen­de (Aus­lie­fe­rungs-) Ersu­chen nicht bewil­ligt wer­den kann, weil die ent­spre­chen­de Leis­tung von Rechts­hil­fe wesent­li­chen Grund­sät­zen der deut­schen Rechts­ord­nung wider­spricht, erhöht. Kor­re­spon­die­rend dazu ist die (fort­be­stehen­de) Flucht­ge­fahr (nun­mehr) so ver­min­dert, dass weni­ger ein­schnei­den­de Maß­nah­men aus­rei­chen, den Zweck der Aus­lie­fe­rungs­haft sicher­zu­stel­len. Mit die­ser Maß­ga­be bleibt die Auf­recht­erhal­tung des (außer Voll­zug gesetz­ten) Aus­lie­fe­rungs­haft­be­fehls zur Sicher­stel­lung der wei­te­ren Anwe­sen­heit des Ver­folg­ten im Aus­lie­fe­rungs­ver­fah­ren und ver­läss­li­chen Gewähr­leis­tung der durch den Rah­men­be­schluss des Rates der Euro­päi­schen Uni­on vom 13.06.2002 begrün­de­ten grund­sätz­li­chen Aus­lie­fe­rungs­pflicht der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gebo­ten.

Im Hin­blick auf den wei­te­ren Ver­fah­rens­gang ersucht das Ober­lan­des­ge­richt die Gene­ral­staats­an­walt­schaft, die ver­ant­wort­li­chen grie­chi­schen Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den auf dem offi­zi­el­len Geschäfts­weg (noch­mals) unter Mit­tei­lung der unter Nr. 5 des Tenors genann­ten Frist aus­drück­lich dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die in Rede ste­hen­de Aus­lie­fe­rung als unzu­läs­sig beur­teilt wer­den kann, falls eine indi­vi­du­el­le Zusi­che­rung dahin­ge­hend, dass der Ver­folg­te für den Fall sei­ner Aus­lie­fe­rung nach Grie­chen­land durch­gän­gig in einer Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt unter­ge­bracht wird, deren Stan­dards den Anfor­de­run­gen der Euro­päi­schen Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten vom 04.11.1950 bzw. den Euro­päi­schen Straf­voll­zugs­grund­sät­zen vom 11.01.2006 ent­spre­chen und dort jeder­zeit von deut­schen Kon­su­lar­be­am­ten besucht wer­den darf, nicht (zeit­nah) vor­lie­gen soll­te.

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart setz­te ent­spre­chend dem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 05.04.2016 2 hier­für Frist von 6 Wochen.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 21. April 2016 – 1 Ausl 321/​15

  1. OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 14.12.2015 – III-3 AR 15/​15[]
  2. EuGH, Urteil vom 05.04.2016 – C‑404/​15[]