Aus­lie­fe­rung – und die völ­ker­recht­lich ver­bind­li­chen Min­dest­stan­dards

Die Aus­lie­fe­rung eines Ver­folg­ten – hier: nach Bul­ga­ri­en – zur Straf­voll­stre­ckung ver­stößt nicht gegen den völ­ker­recht­lich ver­bind­li­chen Min­dest­stan­dard (und damit gegen wesent­li­che Grund­sät­ze der deut­schen Rechts­ord­nung), wenn dem Ver­folg­ten in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt zwar nur eine Min­dest­wohn­flä­che von knapp 4 Qua­drat­me­tern zur Ver­fü­gung ste­hen wird, aber kei­ne wei­te­ren Umstän­de (wie bspw. Belüf­tungs, Hei­zungs- oder Beleuch­tungs­de­fi­zi­te) hin­zu­tre­ten, die auf men­schen­rechts­wid­ri­ge Zustän­de schlie­ßen las­sen.

Aus­lie­fe­rung – und die völ­ker­recht­lich ver­bind­li­chen Min­dest­stan­dards

Die Haft­be­din­gun­gen, die den Ver­folg­ten in Bul­ga­ri­en erwar­ten, genü­gen schließ­lich auch noch den völ­ker­recht­li­chen Min­dest­stan­dards. Dies erschien dem Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig zunächst zwei­fel­haft, weil der Bericht des Aus­schus­ses zur Ver­mei­dung von Fol­ter und unmensch­li­cher oder ernied­ri­gen­der Behand­lung oder Stra­fe des Euro­pa­rats vom 04.12.2012 1 dar­auf hin­deu­tet, dass die völ­ker­recht­li­chen Min­dest­stan­dards jeden­falls nicht in allen bul­ga­ri­schen Haft­an­stal­ten gewahrt sind 2. Die Beden­ken des Ober­lan­des­ge­richts sind indes durch die Aus­kunft der Regio­na­len Staats­an­walt­schaft Silis­tra vom 03.10.2010 aus­ge­räumt. Aus die­ser ergibt sich, dass die ohne­hin nicht mehr hohe Rest­stra­fe im Gefäng­nis Bele­ne voll­streckt wer­den wird. Dort wird der Ver­folg­te bei Nor­mal­be­le­gung mit 520 Häft­lin­gen – im Aus­kunft­zeit­punkt lag aller­dings eine gering­fü­gi­ge Über­be­le­gung vor (569 Häft­lin­ge) – eine Min­dest­wohn­flä­che von 4 Qua­drat­me­tern zur Ver­fü­gung haben. Bei sol­chen Platz­ver­hält­nis­sen ist nach der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te nur dann ein Ver­stoß gegen Art 3 EMRK anzu­neh­men, wenn wei­te­re Umstän­de (Belüf­tungs, . Hei­zungs- oder Beleuch­tungs­de­fi­zi­te etc.) hin­zu­tre­ten 3. Das ist vor­lie­gend nicht der Fall. Der Stel­lung­nah­me ist zu ent­neh­men, dass jeder Schlaf­saal mit WC und Wasch­be­cken aus­ge­stat­tet ist. Die Schlaf­räu­me ver­fü­gen zwar nicht über ein geson­der­tes Bad, den Gefan­ge­nen wird aber gestat­tet, zwei­mal pro Woche zu baden. Auch ver­fü­gen die Räu­me über Zugang zu natür­li­chem Licht, so dass es zur Belüf­tung kei­ner Anla­ge bedarf.

Ein ande­res Ergeb­nis folgt auch nicht aus der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 22.02.2011 4. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat­te einen Sach­ver­halt zu beur­tei­len, der dadurch gekenn­zeich­net war, dass die Toi­let­te in einer mit meh­re­ren Inhaf­tier­ten beleg­ten Zel­le ledig­lich unzu­rei­chend vom übri­gen Haft­raum getrennt und nicht geson­dert belüf­tet war. Anhalts­punk­te, dass die Haft­räu­me in dem Gefäng­nis Bele­ne ähn­li­che Män­gel ele­men­ta­rer Inti­mi­tät auf­wei­sen, lie­gen nicht vor.

Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig, Beschluss vom 22. Okto­ber 2014 – 1 AusL 6/​14 – 1 AR (Ausl) 6/​14

  1. CPT/​Inf (2012) 33[]
  2. vgl. hier­zu auch OLG Bre­men, Beschluss vom 13.02.2014, Ausl A 20/​13[]
  3. vgl. Nach­wei­se bei Pohl­reich, Die Recht­spre­chung des EGMR zum Voll­zug von Straf- und Unter­su­chungs­haft, NStZ 2011, 560, 561 f.[]
  4. BVerfG, Beschluss vom 22.02.2011 – 1 BvR 409/​09[]