Aus­schluss der Öffent­lich­keit

Nach § 171b GVG darf die Öffent­lich­keit auch wäh­rend der Ver­le­sung des Ankla­ge­sat­zes von der Ver­hand­lung aus­ge­schlos­sen wer­den.

Aus­schluss der Öffent­lich­keit

Die Vor­schrift des § 171b GVG knüpft an den Begriff der Ver­hand­lung vor dem erken­nen­den Gericht in § 169 Satz 1 GVG an und lässt beim Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen des § 171b Abs. 1 Satz 1 GVG einen Aus­schluss der Öffent­lich­keit für sämt­li­che Abschnit­te der Haupt­ver­hand­lung zu [1]. Die Aus­schlie­ßungs­be­fug­nis nach § 171b GVG reicht nicht weni­ger weit als bei den Aus­schluss­tat­be­stän­den des § 171a GVG und § 172 GVG, für wel­che aus­drück­lich nor­miert ist, dass die Öffent­lich­keit für die (Haupt-)Verhandlung oder einen Teil davon aus­ge­schlos­sen wer­den kann. Dafür spricht auch die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des § 171b GVG. Durch die Schaf­fung des § 171b GVG soll­te der bis dahin in § 172 Nr. 2 GVG in der Fas­sung vom 9. Mai 1975 gere­gel­te Schutz des per­sön­li­chen Lebens­be­reichs eines Pro­zess­be­tei­lig­ten oder Zeu­gen durch eine Ände­rung des Abwä­gungs­maß­stabs zuguns­ten des Per­sön­lich­keits­schut­zes ver­bes­sert, der Aus­schluss der Öffent­lich­keit bei Erör­te­rung von Umstän­den aus dem per­sön­li­chen Lebens­be­reich aus dem Zusam­men­hang der übri­gen Aus­schluss­grün­de gelöst und pla­ka­tiv an die Spit­ze gestellt wer­den [2]. Dafür, dass bei dem neu in das Gerichts­ver­fas­sungs­ge­setz auf­ge­nom­me­nen § 171b GVG – anders als bei § 172 GVG – bestimm­te Ver­fah­rens­ab­schnit­te der Haupt­ver­hand­lung von der Aus­schlie­ßungs­be­fug­nis aus­ge­nom­men sein soll­ten, bie­tet die Ent­ste­hungs­ge­schich­te kei­nen Anhalt. Das Gesetz ent­hält in § 173 GVG ledig­lich für die Urteils­ver­kün­dung eine beson­de­re Rege­lung, wonach die Ver­le­sung der Urteils­for­mel stets öffent­lich zu erfol­gen hat und der Aus­schluss der Öffent­lich­keit wäh­rend der Eröff­nung der Urteils­grün­de einen beson­de­ren Beschluss des Gerichts nach §§ 171b, 172 GVG erfor­dert. Die eine Gegen­aus­nah­me zu den Aus­schlie­ßungs­tat­be­stän­den der §§ 171a, 171b und 172 GVG beinhal­ten­de Bestim­mung des § 173 GVG ist ent­ge­gen der Ansicht der Revi­si­on einer aus­deh­nen­den, ihren Anwen­dungs­be­reich auf ande­re Ver­fah­rens­vor­gän­ge erstre­cken­den Aus­le­gung nicht zugäng­lich.

Die Haupt­ver­hand­lung beginnt mit dem Auf­ruf der Sache (§ 243 Abs. 1 Satz 1 StPO) und umfasst nach § 243 Abs. 3 Satz 1 StPO die Ver­le­sung des Ankla­ge­sat­zes. Die Ver­le­sung ist ein Teil der Ver­hand­lung, für den bei Vor­lie­gen der gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen die Öffent­lich­keit aus­ge­schlos­sen wer­den darf [3]. Auch bei der Ver­le­sung des Ankla­ge­sat­zes kön­nen Umstän­de aus dem per­sön­li­chen Lebens­be­reich eines Pro­zess­be­tei­lig­ten, Zeu­gen oder durch eine rechts­wid­ri­ge Tat Ver­letz­ten zur Spra­che kom­men, die einen Aus­schluss der Öffent­lich­keit nach § 171b Abs. 1 Satz 1 GVG zu recht­fer­ti­gen ver­mö­gen, weil deren öffent­li­che Erör­te­rung schutz­wür­di­ge Inter­es­sen ver­let­zen wür­de, ohne dass das Inter­es­se an der öffent­li­chen Erör­te­rung die­ser Umstän­de über­wiegt. Etwas ande­res ergibt sich ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on weder aus dem Umstand, dass der Inhalt des Ankla­ge­sat­zes auf einer vor­läu­fi­gen Bewer­tung des Ermitt­lungs­er­geb­nis­ses durch die Staats­an­walt­schaft beruht, noch aus der ver­fah­rens­recht­li­chen Funk­ti­on des Ankla­ge­sat­zes zur Umgren­zung und Kon­kre­ti­sie­rung des Ver­fah­rens­ge­gen­stan­des.

Zuläs­sig­keit der Rüge

Die Rege­lung des § 171b Abs. 3 GVG i.V.m. § 336 Satz 2 StPO steht der erho­be­nen Rüge nicht ent­ge­gen. Gemäß § 171b Abs. 3 GVG unan­fecht­bar und daher gemäß § 336 Satz 2 StPO der revi­si­ons­ge­richt­li­chen Über­prü­fung ent­zo­gen ist die gericht­li­che Ent­schei­dung dar­über, ob die in § 171b Abs. 1 Satz 1 GVG nor­mier­ten tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für einen Aus­schluss der Öffent­lich­keit im Ein­zel­fall vor­lie­gen [4]. Damit ist es dem Revi­si­ons­ge­richt ver­wehrt, die Begrün­dung einer nach § 171b GVG ergan­ge­nen Ent­schei­dung inhalt­lich zu über­prü­fen [5]. Die Rüge der Staats­an­walt­schaft zielt indes­sen nicht auf die Trag­fä­hig­keit der von der Straf­kam­mer für ihre Aus­schlie­ßungs­an­ord­nung ange­führ­ten Grün­de, son­dern stellt die gene­rel­le Befug­nis für den Aus­schluss der Öffent­lich­keit wäh­rend der Ver­le­sung des Ankla­ge­sat­zes in Fra­ge. Die­se Bean­stan­dung wird von § 171b Abs. 3 GVG nicht aus­ge­schlos­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Juni 2012 – 4 StR 623/​11

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 10.03.1992 – 1 StR 105/​92, BGHR GVG § 171b Abs. 1 Dau­er 5; Wickern aaO, Rn. 21[]
  2. vgl. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung, BT-Drucks. 10/​5305 S. 23[]
  3. vgl. für § 172 GVG: RG, Urteil vom 13.05.1927 – 1. D 392/​1927; Wickern aaO, § 172 GVG, Rn. 39[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 21.02.1989 – 1 StR 786/​88, BGHR GVG § 171b Abs. 1 Dau­er 1; Beschluss vom 19.12.2006 – 1 StR 268/​06, StV 2007, 514; vgl. auch den Ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung für ein Ers­tes Gesetz zur Ver­bes­se­rung der Stel­lung des Ver­letz­ten im Straf­ver­fah­ren, BT-Drucks. 10/​5305 S. 23 f.[]
  5. vgl. Wickern in LöweRo­sen­berg, StPO, 26. Aufl., § 171b GVG, Rn. 25[]