Aus­set­zung durch Im Stich las­sen

Aus­set­zung durch Im Stich las­sen ist stets ein Unter­las­sungs­de­likt; eine Straf­rah­men­mil­de­rung gemäß § 13 Abs. 2 StGB ist nicht mög­lich, auch nicht, wenn der Täter durch die Tat den Tod des Opfers ver­ur­sacht (§ 221 Abs. 3 StGB).

Aus­set­zung durch Im Stich las­sen

Seit der Neu­fas­sung von § 221 StGB durch Art. 1 Nr. 37 des 6. StrRG [1] hat die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs [2] die Rechts­na­tur von § 221 Abs. 1 Nr. 2 StGB im Sin­ne einer Abgren­zung zwi­schen Bege­hungs- und Unter­las­sungs­de­likt noch nicht behan­delt. Die Fach­li­te­ra­tur ver­tritt unter­schied­li­che Stand­punk­te. Etli­che Autoren spre­chen sich für ein sowohl durch Tun als auch durch Unter­las­sen begeh­ba­res Delikt aus [3]. Ande­re hal­ten § 221 Abs. 1 Nr. 2 StGB für ein (rei­nes) Unter­las­sungs­de­likt [4]. § 221 Abs. 1 Nr. 2 StGB wird auch als der (nor­mier­te) unech­te Unter­las­sungs­tat­be­stand zu § 221 Abs. 1 Nr. 1 StGB ange­se­hen [5]. Teil­wei­se wird noch wei­ter dif­fe­ren­ziert [6].

Der Bun­des­ge­richts­hof hält § 221 Abs. 1 Nr. 2 StGB für ein Unter­las­sungs­de­likt. Das Ver­las­sen des Opfers ist – anders als nach der frü­he­ren Geset­zes­la­ge [7] – nur noch ein fak­ti­scher Anwen­dungs­fall, aber kein gesetz­li­cher Unter­fall des ImStich­Las­sens. Dass der Täter die gebo­te­ne Hand­lung des­halb nicht vor­nimmt, weil er den Ort, an dem er han­deln müss­te, ver­lässt, ändert nichts an dem grund­sätz­li­chen Rechts­cha­rak­ter der Tat [8]. Letzt­lich ist bei der Bewer­tung von Ver­hal­tens­wei­sen unter dem Blick­win­kel, ob straf­ba­res Tun oder straf­ba­res Unter­las­sen vor­liegt, dar­auf abzu­stel­len, wor­in der „Schwer­punkt der Vor­werf­bar­keit“ liegt [9]. Die­ser liegt dar­in, dass der Täter die gebo­te­ne Hil­fe­leis­tung unter­lässt, ohne dass es dar­auf ankommt, ob er sich (zusätz­lich) ent­fernt.

Ob § 13 StGB anwend­bar und damit auch (fakul­ta­tiv) eine Straf­rah­men­mil­de­rung gemäß § 13 Abs. 2 StGB mög­lich ist, rich­tet sich danach, ob ein „ech­tes“ oder „unech­tes“ Unter­las­sungs­de­likt vor­liegt. Für „ech­te“ Unter­las­sungs­de­lik­te gilt § 13 StGB nicht [10]. „Ech­te“ Unter­las­sungs­de­lik­te müs­sen kei­nen Tat­er­folg auf­wei­sen [11]. So ver­hält es sich letzt­lich hier. Das pflicht­wid­ri­ge Garan­ten­ver­hal­ten führt im Rah­men von § 221 Abs. 1 Nr. 2 StGB nicht zu einer Ver­ant­wort­lich­keit für den dar­aus resul­tie­ren­den Ver­let­zungs­er­folg, son­dern zur straf­recht­li­chen Haf­tung für die nicht abge­wen­de­te kon­kre­te Gefahr [12]. Ist aber aus die­sen Grün­den § 221 Abs. 1 Nr. 2 StGB ech­tes Unter­las­sungs­de­likt, sodass § 13 StGB nicht anwend­bar ist [13], kann für den hier­auf auf­bau­en­den Qua­li­fi­ka­ti­ons­tat­be­stand des § 221 Abs. 3 StGB nichts ande­res gel­ten.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat dabei erwo­gen, dass bei Vor­satz hin­sicht­lich der Todes­fol­ge Tot­schlag (§ 212 StGB) vor­lä­ge und § 221 StGB dahin­ter zurück­tre­ten wür­de [14]. Bei einer Straf­bar­keit gemäß § 212 StGB ist § 13 Abs. 2 StGB jedoch grund­sätz­lich anwend­bar, so dass gege­be­nen­falls die Min­dest­stra­fe bei Fahr­läs­sig­keit hin­sicht­lich der Todes­fol­ge (drei Jah­re Frei­heits­stra­fe gemäß § 221 StGB) höher sein könn­te als bei Vor­satz (zwei Jah­re Frei­heits­stra­fe gemäß § 212 Abs. 1 StGB i.V.m. § 13 Abs. 2 StGB und § 49 Abs. 1 Nr. 3 StGB). Ohne dass hier über einen sol­chen Fall zu ent­schei­den wäre, wür­de nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Ver­mei­dung des auf­ge­zeig­ten Wer­tungs­wi­der­spruchs [15] der Grund­satz, dass die Min­dest­stra­fe eines auf Kon­kur­renz­ebe­ne hin­ter einem ande­ren Delikt zurück­tre­ten­den Delikts eine Sperr­wir­kung ent­fal­tet [16] hier ent­spre­chend gel­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Okto­ber 2011 – 1 StR 233/​11

  1. vom 26.01.1998, BGBl. I 164[]
  2. vgl. die Über­sicht bei Wie­lant, Die Aus­set­zung nach § 221 StGB, S. 504[]
  3. z.B. Eser in Schönke/​Schröder, StGB, 28. Aufl., § 221 Rn. 10; Fischer, StGB, 58. Aufl., § 221 Rn. 12; Lackner/​Kühl, StGB, 27. Aufl., § 221 Rn. 4; Jähn­ke in LK, 11. Aufl., § 221 Rn. 22, 28, 29 mit aus­drück­li­chem Hin­weis auf die Anwend­bar­keit von § 13 Abs. 2, StGB aaO, Rn. 43; zusam­men­fas­send Wie­lant, aaO, S. 114 mwN in Fußn.194; Laut­ner, Sys­te­ma­tik des Aus­set­zungs­tat­be­stands S.196 mwN in Fußn. 1039[]
  4. z.B. Horn/​Wolters in SK StGB, § 221 Rn. 6; Hard­tung in MüKoStGB, § 221 Rn. 2; Neu­mann in NKStGB, 3. Aufl., § 221 Rn.19; zusam­men­fas­send Wie­lant, aaO, S. 112 f. mwN in Fußn. 183; Laut­ner, aaO, mwN in Fußn. 1045 ff.[]
  5. vgl. z.B. Roxin, StGB, AT II § 31 Rn. 18; zusam­men­fas­send Wie­lant, aaO, S. 400 f. mwN; Roxin, aaO, Rn. 250 weist aus­drück­lich auf die Anwend­bar­keit von § 13 Abs. 2 StGB hin[]
  6. z.B. Küper, ZStW 111, 30, 58 f.; Hohmann/​Sander, StGB, BT II 2. Aufl., S. 48[]
  7. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 30.09.1991 – 1 StR 339/​91, BGHSt 38, 78 ff.[]
  8. vgl. Neu­mann, aaO[]
  9. st. Rspr., vgl. BGH (GrSSt), Beschluss vom 17.02.1954 – GSSt 3/​53, BGHSt 6, 46, 59; BGH, Urteil vom 01.02.2005 – 1 StR 422/​04, BGH NStZ 2005, 446, 447; BGH, Urteil vom 12.07.2005 – 1 StR 65/​05, NStZ-RR 2006, 174, 175; w. Nachw., auch für die ande­ren Auf­fas­sun­gen, bei Wie­lant, aaO, S. 156 Fußn. 379[]
  10. vgl. zusam­men­fas­send Fischer, StGB, 58. Aufl., § 13 Rn. 3 mwN[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 16.05.1960 – 2 StR 65/​60, BGHSt 14, 280, 281; Bay­O­bLG, Beschluss vom 22.01.1990 – RReg 1 St/​5/​90, NJW 1990, 1861; Fischer, aaO, vor § 13 Rn. 16[]
  12. Küper, aaO, 58 f.[]
  13. so auch die über­wie­gen­de Mei­nung in der Fach­li­te­ra­tur, vgl. zusam­men­fas­send Wie­lant, aaO, S. 398 mwN in Fußn. 1459, auch für gegen­tei­li­ge Auf­fas­sun­gen[]
  14. Fischer, aaO, § 221, Rn. 28; zu § 221 StGB aF eben­so schon BGH, Urteil vom 27.03.1953 – 1 StR 689/​52, BGHSt 4, 114, 116[]
  15. vgl. hier­zu auch Roxin, aaO, Rn. 250[]
  16. st. Rspr., vgl. nur BGH, Urteil vom 24.11.2005 – 4 StR 243/​05, NStZ 2006, 288, 290 mwN; vgl. auch zusam­men­fas­send Fischer, aaO, vor § 52 Rn. 45 mwN[]