Aussetzung durch Im Stich lassen

Aussetzung durch Im Stich lassen ist stets ein Unterlassungsdelikt; eine Strafrahmenmilderung gemäß § 13 Abs. 2 StGB ist nicht möglich, auch nicht, wenn der Täter durch die Tat den Tod des Opfers verursacht (§ 221 Abs. 3 StGB).

Aussetzung durch Im Stich lassen

Seit der Neufassung von § 221 StGB durch Art. 1 Nr. 37 des 6. StrRG1 hat die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs2 die Rechtsnatur von § 221 Abs. 1 Nr. 2 StGB im Sinne einer Abgrenzung zwischen Begehungs- und Unterlassungsdelikt noch nicht behandelt. Die Fachliteratur vertritt unterschiedliche Standpunkte. Etliche Autoren sprechen sich für ein sowohl durch Tun als auch durch Unterlassen begehbares Delikt aus3. Andere halten § 221 Abs. 1 Nr. 2 StGB für ein (reines) Unterlassungsdelikt4. § 221 Abs. 1 Nr. 2 StGB wird auch als der (normierte) unechte Unterlassungstatbestand zu § 221 Abs. 1 Nr. 1 StGB angesehen5. Teilweise wird noch weiter differenziert6.

Der Bundesgerichtshof hält § 221 Abs. 1 Nr. 2 StGB für ein Unterlassungsdelikt. Das Verlassen des Opfers ist – anders als nach der früheren Gesetzeslage7 – nur noch ein faktischer Anwendungsfall, aber kein gesetzlicher Unterfall des ImStichLassens. Dass der Täter die gebotene Handlung deshalb nicht vornimmt, weil er den Ort, an dem er handeln müsste, verlässt, ändert nichts an dem grundsätzlichen Rechtscharakter der Tat8. Letztlich ist bei der Bewertung von Verhaltensweisen unter dem Blickwinkel, ob strafbares Tun oder strafbares Unterlassen vorliegt, darauf abzustellen, worin der „Schwerpunkt der Vorwerfbarkeit“ liegt9. Dieser liegt darin, dass der Täter die gebotene Hilfeleistung unterlässt, ohne dass es darauf ankommt, ob er sich (zusätzlich) entfernt.

Ob § 13 StGB anwendbar und damit auch (fakultativ) eine Strafrahmenmilderung gemäß § 13 Abs. 2 StGB möglich ist, richtet sich danach, ob ein „echtes“ oder „unechtes“ Unterlassungsdelikt vorliegt. Für „echte“ Unterlassungsdelikte gilt § 13 StGB nicht10. „Echte“ Unterlassungsdelikte müssen keinen Taterfolg aufweisen11. So verhält es sich letztlich hier. Das pflichtwidrige Garantenverhalten führt im Rahmen von § 221 Abs. 1 Nr. 2 StGB nicht zu einer Verantwortlichkeit für den daraus resultierenden Verletzungserfolg, sondern zur strafrechtlichen Haftung für die nicht abgewendete konkrete Gefahr12. Ist aber aus diesen Gründen § 221 Abs. 1 Nr. 2 StGB echtes Unterlassungsdelikt, sodass § 13 StGB nicht anwendbar ist13, kann für den hierauf aufbauenden Qualifikationstatbestand des § 221 Abs. 3 StGB nichts anderes gelten.

Der Bundesgerichtshof hat dabei erwogen, dass bei Vorsatz hinsichtlich der Todesfolge Totschlag (§ 212 StGB) vorläge und § 221 StGB dahinter zurücktreten würde14. Bei einer Strafbarkeit gemäß § 212 StGB ist § 13 Abs. 2 StGB jedoch grundsätzlich anwendbar, so dass gegebenenfalls die Mindeststrafe bei Fahrlässigkeit hinsichtlich der Todesfolge (drei Jahre Freiheitsstrafe gemäß § 221 StGB) höher sein könnte als bei Vorsatz (zwei Jahre Freiheitsstrafe gemäß § 212 Abs. 1 StGB i.V.m. § 13 Abs. 2 StGB und § 49 Abs. 1 Nr. 3 StGB). Ohne dass hier über einen solchen Fall zu entscheiden wäre, würde nach Auffassung des Bundesgerichtshofs zur Vermeidung des aufgezeigten Wertungswiderspruchs15 der Grundsatz, dass die Mindeststrafe eines auf Konkurrenzebene hinter einem anderen Delikt zurücktretenden Delikts eine Sperrwirkung entfaltet16 hier entsprechend gelten.

Bundesgerichtshof, Beschluss vom 19. Oktober 2011 – 1 StR 233/11

  1. vom 26.01.1998, BGBl. I 164[]
  2. vgl. die Übersicht bei Wielant, Die Aussetzung nach § 221 StGB, S. 504[]
  3. z.B. Eser in Schönke/Schröder, StGB, 28. Aufl., § 221 Rn. 10; Fischer, StGB, 58. Aufl., § 221 Rn. 12; Lackner/Kühl, StGB, 27. Aufl., § 221 Rn. 4; Jähnke in LK, 11. Aufl., § 221 Rn. 22, 28, 29 mit ausdrücklichem Hinweis auf die Anwendbarkeit von § 13 Abs. 2, StGB aaO, Rn. 43; zusammenfassend Wielant, aaO, S. 114 mwN in Fußn.194; Lautner, Systematik des Aussetzungstatbestands S.196 mwN in Fußn. 1039[]
  4. z.B. Horn/Wolters in SK StGB, § 221 Rn. 6; Hardtung in MüKoStGB, § 221 Rn. 2; Neumann in NKStGB, 3. Aufl., § 221 Rn.19; zusammenfassend Wielant, aaO, S. 112 f. mwN in Fußn. 183; Lautner, aaO, mwN in Fußn. 1045 ff.[]
  5. vgl. z.B. Roxin, StGB, AT II § 31 Rn. 18; zusammenfassend Wielant, aaO, S. 400 f. mwN; Roxin, aaO, Rn. 250 weist ausdrücklich auf die Anwendbarkeit von § 13 Abs. 2 StGB hin[]
  6. z.B. Küper, ZStW 111, 30, 58 f.; Hohmann/Sander, StGB, BT II 2. Aufl., S. 48[]
  7. vgl. hierzu BGH, Urteil vom 30.09.1991 – 1 StR 339/91, BGHSt 38, 78 ff.[]
  8. vgl. Neumann, aaO[]
  9. st. Rspr., vgl. BGH (GrSSt), Beschluss vom 17.02.1954 – GSSt 3/53, BGHSt 6, 46, 59; BGH, Urteil vom 01.02.2005 – 1 StR 422/04, BGH NStZ 2005, 446, 447; BGH, Urteil vom 12.07.2005 – 1 StR 65/05, NStZ-RR 2006, 174, 175; w. Nachw., auch für die anderen Auffassungen, bei Wielant, aaO, S. 156 Fußn. 379[]
  10. vgl. zusammenfassend Fischer, StGB, 58. Aufl., § 13 Rn. 3 mwN[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 16.05.1960 – 2 StR 65/60, BGHSt 14, 280, 281; BayObLG, Beschluss vom 22.01.1990 – RReg 1 St/5/90, NJW 1990, 1861; Fischer, aaO, vor § 13 Rn. 16[]
  12. Küper, aaO, 58 f.[]
  13. so auch die überwiegende Meinung in der Fachliteratur, vgl. zusammenfassend Wielant, aaO, S. 398 mwN in Fußn. 1459, auch für gegenteilige Auffassungen[]
  14. Fischer, aaO, § 221, Rn. 28; zu § 221 StGB aF ebenso schon BGH, Urteil vom 27.03.1953 – 1 StR 689/52, BGHSt 4, 114, 116[]
  15. vgl. hierzu auch Roxin, aaO, Rn. 250[]
  16. st. Rspr., vgl. nur BGH, Urteil vom 24.11.2005 – 4 StR 243/05, NStZ 2006, 288, 290 mwN; vgl. auch zusammenfassend Fischer, aaO, vor § 52 Rn. 45 mwN[]