Baby­mord – und die nied­ri­gen Beweg­grün­de

Jede ein­zel­ne der nach­fol­gen­den Hand­lungs­mo­ti­va­tio­nen ist unzwei­fel­haft im Sin­ne des § 211 StGB nied­rig:

Baby­mord – und die nied­ri­gen Beweg­grün­de

Das bewuss­te Abre­agie­ren von frus­tra­ti­ons­be­ding­ten Aggres­sio­nen an einem Opfer, das mit der Ent­ste­hung der Unzu­frie­den­heit und Ange­spannt­heit des Täters ver­ant­wort­lich weder per­so­nell noch tat­si­tua­tiv etwas zu tun hat, lässt auf das Vor­lie­gen nied­ri­ger Beweg­grün­de schlie­ßen 1: Der­je­ni­ge, der einen ande­ren Men­schen zum Objekt sei­ner Wut, Gereizt­heit, Ent­täu­schung oder Ver­bit­te­rung macht, obschon die­ser an der Ent­ste­hung sol­cher Stim­mun­gen nicht den gerings­ten Anteil hat, bringt mit der Tat eine Gesin­nung zum Aus­druck, die Lust an kör­per­li­cher Miss­hand­lung zum Inhalt hat 2. Ins­be­son­de­re der Aspekt der will­kür­li­chen Opfer­aus­wahl recht­fer­tigt die Ein­stu­fung sol­cher Tötungs­ak­te als Mord; denn eine der­ar­ti­ge Degra­die­rung des Opfers zum blo­ßen Objekt belegt die tota­le Miss­ach­tung des Anspruchs eines jeden Men­schen auf Aner­ken­nung sei­nes per­so­na­len Eigen­werts 3. Der den Eigen­wert des Opfers negie­ren­de Ver­nich­tungs­wil­le tritt hier – neben der Art und Wei­se der Tat­aus­füh­rung – zusätz­lich auch in der Wort­wahl des Ange­klag­ten zu Tage, der das Kind wäh­rend sei­ner Hand­lun­gen als Drecks­gö­re und Balg bezeich­ne­te, mit dem man kein Mit­leid haben müs­se.

Die Inkon­ne­xi­tät der Tötung des Babys in Rela­ti­on zur Moti­va­ti­ons­la­ge des Lebens­ge­fähr­ten der Mut­ter liegt hier auf der Hand. Zwar kann ein Vor­ver­hal­ten des Opfers gegen die Ver­wirk­li­chung des Mord­merk­mals spre­chen, ins­be­son­de­re dann, wenn es durch sein tat­aus­lö­sen­des Ver­hal­ten im Vor­feld der Tötung zur Eska­la­ti­on bei­getra­gen hat. Die­se Fall­ge­stal­tung lag hier jedoch unzwei­fel­haft nicht vor: Das knapp zwei Jah­re alte Kind hat­te ruhig im Bett geschla­fen. Der Nach­mit­tag war fried­lich ver­lau­fen. Wei­nen oder Erbre­chen Tage und Wochen vor der Tat sind weder ‚tat­si­tua­tiv‘ noch – bei einem Klein­kind –‚ver­ant­wor­tet‘. Die gene­rel­le Exis­tenz des Kin­des, die zur Lebensun­zu­frie­den­heit des Lebens­ge­fähr­ten der Mut­ter bei­getra­gen haben mag, stellt kein schuld­haf­tes Vor­ver­hal­ten dar, das dem Kind zuge­rech­net wer­den müss­te.

Auch die Wut und der Bestra­fungs­wil­le des Lebens­ge­fähr­ten der Mut­ter, sei­ne "Ver­zweif­lung" über die wie­der­hol­ten Ein­mi­schun­gen sei­ner Lebens­ge­fähr­tin beruh­ten (als gene­rell­abs­trakt nor­mal­psy­cho­lo­gi­sche Antrie­be) ihrer­seits auf einer nied­ri­gen Gesin­nung.

Denn wenn die aus nor­mal­psy­cho­lo­gi­schem Antrieb began­ge­ne Tötung wie hier eines recht­lich beacht­li­chen Grun­des ent­behrt 4, so ist die Annah­me eines nied­ri­gen Tat­an­triebs gerecht­fer­tigt.

Nur wenn sich die Tötung in Anse­hung der ein­zel­fall­spe­zi­fi­schen Gege­ben­hei­ten nach nor­ma­ti­ven Deu­tungs­mus­tern als begreif­lich erweist, kann das ihr zugrun­de lie­gen­de Tötungs­mo­tiv nicht als nied­rig klas­si­fi­ziert wer­den 5.

Ent­schei­dungs­er­heb­lich sind dem­nach die Grün­de, die den Täter in Wut oder Ver­zweif­lung ver­setzt und ihn zur Tötung gebracht haben 6.

Die nähe­ren Umstän­de der Tat sowie deren Ent­ste­hungs­ge­schich­te als auch die Per­sön­lich­keit des Täters und des­sen Bezie­hung zum Opfer 7 las­sen hier kei­nen Zwei­fel dar­an, dass die Tat­be­ge­hung auch unter die­sem Aspekt als nied­rig zu qua­li­fi­zie­ren ist 8: Das Kind hat­te ruhig geschla­fen. Die Unzu­frie­den­heit des Lebens­ge­fähr­ten der Mut­ter hat­te es nicht zu ver­ant­wor­ten, son­dern nur er selbst. Die Ver­su­che sei­ner Lebens­ge­fähr­tin, ihn davon abzu­hal­ten, das Baby zu schüt­teln und spä­ter so zu miss­han­deln, dass sie starb, hat der Ange­klag­te durch sein Vor­ver­hal­ten selbst her­bei­ge­führt. Glei­ches gilt für die ihn stö­ren­de man­geln­de Stand­fes­tig­keit des Klein­kin­des beim "Stra­fe ste­hen" und die von ihr aus­ge­hen­den Geräu­sche (schwe­res, röcheln­des, "unge­sun­des" Atmen) nach sei­nen Miss­hand­lun­gen. Selbst­ver­schul­de­te Bedräng­nis­se des Täters kön­nen und dür­fen auf die sozi­al­ethi­sche Beur­tei­lung sei­ner nor­mal­psy­cho­lo­gi­schen Tötungs­be­weg­grün­de kei­nen ent­las­ten­den Ein­fluss gewin­nen 9.

Auch die Per­sön­lich­keits­struk­tur des Lebens­ge­fähr­ten der Mut­ter ist weder für sich genom­men noch in Ver­knüp­fung mit der Tat­si­tua­ti­on geeig­net, die Tötung des Klein­kin­des, das sich nichts hat zuschul­den kom­men las­sen, ein­fach nur exis­tiert, als mensch­lich ver­ständ­lich erschei­nen zu las­sen und bie­tet kei­nen beacht­li­chen Grund, der der Wer­tung der Hand­lungs­an­trie­be des Ange­klag­ten als auf sitt­lich tiefs­ter Stu­fe ste­hend ent­ge­gen­wir­ken könn­te 10.

Auch die Wür­di­gung, der Ablauf der Tat sei auch Aus­druck einer voll­kom­me­nen Über­for­de­rung gewe­sen, ver­mag die­se Wer­tung die Qua­li­fi­zie­rung der Tat als nied­rig nicht in Fra­ge zu stel­len. Die all­ge­mei­ne Lebensun­zu­frie­den­heit des Lebens­ge­fähr­ten der Mut­ter und sei­ne dar­aus resul­tie­ren­de Wut und Ver­är­ge­rung sind mit den in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs aner­kann­ten "nerv­li­chen Über­for­de­run­gen" 11 nicht ver­gleich­bar, die die Ver­zweif­lung oder Wut eines Ange­klag­ten als mensch­lich begreif­bar erschei­nen las­sen könn­ten.

Die vor­lie­gen­de Tat war ein rei­ner Will­kür­akt ohne jede durch das Opfer (oder ande­ren Per­so­nen) her­vor­ge­ru­fe­ne nerv­li­che Über­for­de­rung, sei es durch Streit, inten­si­ve Belei­di­gun­gen, Zusam­men­bruch der eige­nen "Lebens­welt" oder lang­an­dau­ern­des Wei­nen oder Schrei­en eines Kin­des. Nichts davon lag hier vor.

Auf die Fra­ge eines "bewusst­seins­do­mi­nan­ten Beweg­grun­des" kommt es ange­sichts der Fest­stel­lun­gen zu den Beweg­grün­den und wirk­mäch­ti­gen Antrie­ben zur Tat aus den dar­ge­stell­ten Grün­den nicht an: Jede ein­zel­ne Hand­lungs­mo­ti­va­ti­on des Ange­klag­ten war nied­rig. Dies gilt ins­be­son­de­re ange­sichts des außer­ge­wöhn­lich bru­ta­len, ekla­tant men­schen­ver­ach­ten­den Tat­bil­des 12.

Ergän­zend merkt der Bun­des­ge­richts­hof an, dass sich in einem sol­chen Fall auch die Fra­ge der beson­de­ren Schwe­re der Schuld (§ 57a Abs. 1 Nr. 2 StGB) stellt. Im Rah­men der anzu­stel­len­den Gesamt­wür­di­gung ist zu erwä­gen, dass die Tat jeden­falls eine Nähe zu den Mord­merk­ma­len der Grau­sam­keit und der Mord­lust auf­weist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Sep­tem­ber 2015 – 5 StR 222/​15

  1. BGH, Urteil vom 12.11.1980 – 3 StR 385/​80, NStZ 1981, 100 f.; BGH, Urteil vom 23.08.1990 – 4 StR 306/​90, BGHR StGB § 211 Abs. 2 nied­ri­ge Beweg­grün­de 19[]
  2. Münch­Komm-Schnei­der, StGB, 2. Aufl., § 211 Rn. 86 mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 17.08.2004 – 5 StR 94/​04, NStZ-RR 2004, 332, 333; BGH, Urteil vom 05.11.2002 – 1 StR 247/​02, in NStZ-RR 2003, 78 f.; BGH, Urteil vom 19.10.2001 – 2 StR 259/​01, BGHSt 47, 128 ff.; Schnei­der, aaO[]
  4. zu die­sem Maß­stab sie­he BGH, Beschluss vom 23.02.1990 – 2 StR 29/​90, BGHR, § 211 Abs. 2 nied­ri­ge Beweg­grün­de 17; BGH, Beschluss vom 13.12 1994 – 4 StR 680/​94, BGHR StGB § 211 Abs. 2 nied­ri­ge Beweg­grün­de 30[]
  5. BGH, Urteil vom 14.10.1992 – 3 StR 320/​92, NStZ 1993, 182 [183]; BGH, Beschluss vom 22.07.2010 – 4 StR 180/​10, NStZ 2011, 35[]
  6. vgl. Schnei­der, aaO, Rn. 99 mwN[]
  7. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 25.10.2010 – 1 StR 57/​10, NStZ-RR 2011, 7, 8; Schnei­der, aaO, Rn. 99; Fischer, StGB, 62. Aufl., § 211 Rn.19[]
  8. vgl. hier­zu auch BGH, Urteil vom 24.05.2012 – 4 StR 62/​12, NStZ 2012, 694, 695[]
  9. Schnei­der, aaO, Rn. 100[]
  10. vgl. auch BGH, Urteil vom 14.10.1992 – 3 StR 320/​92, NStZ 1993, 182, 183[]
  11. vgl. u. a. BGH, Urteil vom 14.12 2006 – 4 StR 419/​06, NStZ-RR 2007, 111[]
  12. vgl. auch BGH, Urteil vom 22.10.2014 – 5 StR 380/​14, BGHSt 60, 52 mwN[]