Beding­ter Tötungs­vor­satz – bei grup­pen­dy­na­misch gepräg­ten Gewalt­hand­lun­gen

Eine recht­lich feh­ler­freie Beweis­wür­di­gung [1] erfor­dert die sorg­fäl­ti­ge Abwä­gung aller für und gegen einen Tötungs­vor­satz spre­chen­den Umstän­de im Rah­men einer Gesamt­schau.

Beding­ter Tötungs­vor­satz – bei grup­pen­dy­na­misch gepräg­ten Gewalt­hand­lun­gen

Dies gilt in beson­de­rem Maße bei einer in Mit­tä­ter­schaft began­ge­nen Tat. Hier ist jeder Mit­tä­ter für ein Han­deln ande­rer Per­so­nen im Hin­blick auf eine Vor­satz­tat nur im Rah­men sei­nes eige­nen Vor­sat­zes ver­ant­wort­lich [2].

Selbst wenn die­ser Vor­satz, dem Tat­plan ent­spre­chend, auch den Ein­satz eines gefähr­li­chen Werk­zeugs umfasst hat, folgt dar­aus noch nicht ohne wei­te­res, dass ein Mit­tä­ter, der – wie hier – ein sol­ches Werk­zeug nicht selbst ein­setzt, auch beding­ten Vor­satz zur Tötung des Opfers hat.

Bei grup­pen­dy­na­misch gepräg­ten Gewalt­hand­lun­gen kön­nen Fäl­le mit gedan­ken­lo­ser Ver­let­zungs­ab­sicht vor­lie­gen, die gege­be­nen­falls nur mit gro­ber Fahr­läs­sig­keit hin­sicht­lich einer mög­li­chen Todes­ver­ur­sa­chung ein­her­ge­hen.

Ob beding­ter Tötungs­vor­satz oder Fahr­läs­sig­keit vor­liegt, ist in sol­chen Fäl­len hin­sicht­lich jedes Tat­be­tei­lig­ten in einer Gesamt­schau aller ihn betref­fen­den objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Tat­um­stän­de, in die auch die psy­chi­sche Ver­fas­sung des Tat­be­tei­lig­ten bei der Tat­be­ge­hung sowie sei­ne Moti­va­ti­on ein­zu­be­zie­hen sind, genau zu prü­fen [3].

Die­sen Anfor­de­run­gen genüg­te in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das Urteil des Land­ge­richts nicht. Vor allem wer­den vom Land­ge­richt die sub­jek­ti­ven Ele­men­te des Tötungs­vor­sat­zes und ins­be­son­de­re vor­satz­kri­ti­sche Umstän­de im Rah­men der Gesamt­wür­di­gung nicht erör­tert:

Das Land­ge­richt geht zwar zunächst davon aus, dass bei­de Ange­klag­ten ledig­lich mit einer kör­per­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung ohne Mes­ser­ein­satz gerech­net hat­ten. Nach dem Zie­hen des Mes­sers durch den Mit­an­ge­klag­ten P. hät­ten sie die­ses Mes­ser aber vor Beginn der Aus­ein­an­der­set­zung wahr­ge­nom­men und damit den Mes­ser­ein­satz auch gebil­ligt. Bei­de Ange­klag­ten hät­ten auch die Gefähr­lich­keit des­sen Ein­sat­zes eben­so wie die dar­aus resul­tie­ren­de Mög­lich­keit eines für den Geschä­dig­ten töd­li­chen Aus­gangs erkannt und sich damit abge­fun­den, da es kei­ne Umstän­de gebe, die bei­de Ange­klag­ten trotz der erkann­ten Gefähr­lich­keit auf einen nichtt­öd­li­chen Aus­gang hät­ten ver­trau­en las­sen kön­nen.

Damit hat sich das Land­ge­richt aber im Rah­men sei­ner Gesamt­wür­di­gung zum einen nicht mit der vor­satz­kri­ti­schen Aus­sa­ge des Geschä­dig­ten aus­ein­an­der­ge­setzt, der ange­ge­ben hat, dass einer der bei­den Ange­klag­ten, wel­cher wis­se er aller­dings nicht, nach dem Zücken des Mes­sers durch den Mit­an­ge­klag­ten P. gesagt habe, „der mit dem Mes­ser sol­le das Ding weg­ste­cken“. Zum ande­ren bleibt unge­klärt, auf Grund wel­cher Umstän­de die bei­den Ange­klag­ten ent­spre­chend dem vom Land­ge­richt objek­tiv fest­ge­stell­ten Vor­zei­gen des Mes­sers durch den Mit­an­ge­klag­ten P. auch sub­jek­tiv von einem ent­spre­chen­den Ein­satz die­ses Mes­sers mit töd­li­chem Aus­gang aus­ge­hen muss­ten und dies auch bil­lig­ten. Eben­so erör­tert das Land­ge­richt im Rah­men sei­ner Beweis­wür­di­gung zum Tötungs­vor­satz nicht, ob es sich bei dem Ver­hal­ten des Mit­an­ge­klag­ten P. nicht um einen Mit­tä­ter­ex­zess als wesent­li­che Abwei­chung vom vor­ge­stell­ten Tat­bild der bei­den Ange­klag­ten han­del­te. Das Vor­lie­gen eines Mit­tä­ter­ex­zes­ses lag nach den bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen, dass die Ange­klag­ten nach dem Ver­las­sen der Dis­ko­thek nur eine kör­per­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Geschä­dig­ten such­ten, nahe. Es wird vom Land­ge­richt aber nur pau­schal ohne Begrün­dung bei der recht­li­chen Wür­di­gung ver­neint, jedoch nicht im Rah­men der Beweis­wür­di­gung in die Abwä­gung ein­be­zo­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. August 2019 – 1 StR 204/​19

  1. zum revi­si­ons­recht­li­chen Prü­fungs­maß­stab vgl. nur BGH, Urteil vom 05.04.2018 – 1 StR 67/​18 Rn. 13 mwN, BGHR StGB § 212 Abs. 1 Vor­satz, beding­ter 69[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 03.03.2011 – 4 StR 52/​11[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 01.09.2016 – 2 StR 19/​16 Rn.19; Urteil vom 26.01.2005 – 5 StR 290/​04 Rn. 12, BGHR StGB § 212 Abs. 1 Vor­satz, beding­ter 59[]