Beding­ter Tötungs­vor­satz – oder doch nur bewuß­te Fahr­läs­sig­keit?

Bedingt vor­sätz­li­ches Han­deln setzt nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs vor­aus, dass der Täter den Ein­tritt des tat­be­stand­li­chen Erfol­ges als mög­lich und nicht ganz fern­lie­gend erkennt, fer­ner dass er ihn bil­ligt oder sich um des erstreb­ten Zie­les wil­len zumin­dest mit der Tat­be­stands­ver­wirk­li­chung abfin­det 1.

Beding­ter Tötungs­vor­satz – oder doch nur bewuß­te Fahr­läs­sig­keit?

Die Prü­fung, ob Vor­satz oder (bewuss­te) Fahr­läs­sig­keit vor­liegt, erfor­dert ins­be­son­de­re bei Tötungs- oder Kör­per­ver­let­zungs­de­lik­ten eine Gesamt­schau aller objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Tat­um­stän­de, wobei es vor allem bei der Wür­di­gung des vol­un­ta­ti­ven Vor­satz­ele­ments regel­mä­ßig erfor­der­lich ist, dass sich der Tatrich­ter mit der Per­sön­lich­keit des Täters aus­ein­an­der­setzt und sei­ne psy­chi­sche Ver­fas­sung bei der Tat­be­ge­hung sowie sei­ne Moti­va­ti­on und die zum Tat­ge­sche­hen bedeut­sa­men Umstän­de – ins­be­son­de­re die kon­kre­te Angriffs­wei­se – mit in Betracht zieht 2.

Die­se indi­vi­du­el­le Gesamt­schau sämt­li­cher objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven, für und gegen den Ange­klag­ten spre­chen­den Umstän­de des Ein­zel­fal­les ist ins­be­son­de­re dann erfor­der­lich, wenn der Tatrich­ter allein oder im Wesent­li­chen aus äuße­ren Umstän­den auf die inne­re Ein­stel­lung eines Ange­klag­ten zur Tat schlie­ßen muss 3.

Sie ist lücken­haft, wenn der Tatrich­ter sich mit wesent­li­chen, den Ange­klag­ten be- oder ent­las­ten­den Umstän­den nicht aus­ein­an­der­setzt, die für die sub­jek­ti­ve Tat­sei­te bedeut­sam sind 4.

Eine sol­che Gesamt­schau hat die Straf­kam­mer im vor­lie­gen­den Fall nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nicht in der gebo­te­nen Voll­stän­dig­keit vor­ge­nom­men:

Das Land­ge­richt ver­weist in sei­nen Rechts­aus­füh­run­gen zur sub­jek­ti­ven Tat­sei­te auf die feh­len­de Anwe­sen­heit Drit­ter am Unfall­ort, auf die frü­he Mor­gen­stun­de und die wenig fre­quen­tier­te Stra­ße. Der Ange­klag­te habe zudem die stark blu­ten­de Kopf­ver­let­zung der Neben­klä­ge­rin wahr­ge­nom­men und das Tat­op­fer zutref­fend für bewusst­los gehal­ten. Die­sen Umstän­den kommt zwar grund­sätz­lich Bedeu­tung für die im Urteil vor­ge­nom­me­ne Wer­tung zu, der Ange­klag­te habe die Not­wen­dig­keit sofor­ti­ger medi­zi­ni­scher Hil­fe für die Neben­klä­ge­rin erkannt, auf (exter­ne) Hil­fe nicht ernst­haft ver­trau­en kön­nen und des­halb bedingt vor­sätz­lich gehan­delt. Die Straf­kam­mer hat aber wei­te­re, den Ange­klag­ten inso­weit mög­li­cher­wei­se ent­las­ten­de Umstän­de, deren Berück­sich­ti­gung sich nach den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen auf­dräng­te, nicht in den Blick genom­men. Aus­weis­lich der Urteils­grün­de ist sie der eige­nen Ein­las­sung des Ange­klag­ten "zum größ­ten Teil" gefolgt. Danach hat sie ihren Fest­stel­lun­gen ins­be­son­de­re zugrun­de gelegt, der Ange­klag­te habe nach Wie­der­erlan­gung sei­nes Bewusst­seins dar­an gedacht, die Neben­klä­ge­rin in die sta­bi­le Sei­ten­la­ge zu brin­gen, davon aber man­gels ent­spre­chen­der Kennt­nis­se Abstand genom­men. Ob und gege­be­nen­falls wel­che Schlüs­se dar­aus hin­sicht­lich der sub­jek­ti­ven Tat­sei­te, hier ins­be­son­de­re hin­sicht­lich des vol­un­ta­ti­ven Ele­ments des beding­ten Vor­sat­zes zu zie­hen waren, bleibt jedoch gänz­lich uner­ör­tert. Ent­spre­chen­des gilt für die Fest­stel­lung, der Ange­klag­te habe ver­geb­lich ver­sucht, das Smart­pho­ne der Neben­klä­ge­rin zu bedie­nen und habe es sodann neben der am Boden Lie­gen­den abge­legt, bevor er sich ent­fern­te. Auch die vom Land­ge­richt ange­nom­me­ne erheb­lich ver­min­der­te Steue­rungs­fä­hig­keit des Ange­klag­ten infol­ge sei­ner Alko­ho­li­sie­rung im Zusam­men­wir­ken mit dem erlit­te­nen Schä­del-Hirn-Trau­ma wäre als vor­satz­kri­ti­scher Umstand in die Gesamt­ab­wä­gung ein­zu­be­zie­hen gewe­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Febru­ar 2018 – 4 StR 361/​17

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urtei­le vom 22.03.2012 – 4 StR 558/​11, BGHSt 57, 183, 186; und vom 05.12 2017 – 1 StR 416/​17, Tz. 18; jeweils mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 22.03.2012 aaO; eben­so Urtei­le vom 04.04.2013 – 3 StR 37/​13, BGHR StGB § 212 Abs. 1 Vor­satz, beding­ter 64; und vom 14.01.2016 – 4 StR 84/​15, NStZ-RR 2016, 79, 80 mwN[]
  3. vgl. etwa BGH, Urteil vom 13.12 2005 – 1 StR 410/​05, NJW 2006, 386 f.[]
  4. BGH, Urteil vom 14.01.2016 aaO[]