Beding­ter Tötungs­vor­satz – und die psy­chi­sche Ver­fas­sung des Täters

Beding­ter Tötungs­vor­satz ist gege­ben, wenn der Täter den Tod als mög­li­che, nicht ganz fern­lie­gen­de Fol­ge sei­nes Han­delns erkennt (Wis­sens­ele­ment) und dies bil­ligt oder sich um des erstreb­ten Zie­les Wil­len zumin­dest mit dem Ein­tritt des Todes abfin­det, mag ihm der Erfolgs­ein­tritt auch gleich­gül­tig oder an sich uner­wünscht sein (Wil­lens­ele­ment).

Beding­ter Tötungs­vor­satz – und die psy­chi­sche Ver­fas­sung des Täters

Bei­de Ele­men­te des beding­ten Vor­sat­zes müs­sen in jedem Ein­zel­fall umfas­send geprüft und gege­be­nen­falls durch tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen belegt wer­den. Ihre Beja­hung oder Ver­nei­nung kann nur auf der Grund­la­ge einer Gesamt­be­trach­tung aller objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Umstän­de des Ein­zel­falls erfol­gen, in wel­che ins­be­son­de­re die objek­ti­ve Gefähr­lich­keit der Tat­hand­lung, die kon­kre­te Angriffs­wei­se des Täters, sei­ne psy­chi­sche Ver­fas­sung bei der Tat­be­ge­hung und sei­ne Moti­va­ti­ons­la­ge ein­zu­be­zie­hen sind.

Im Rah­men der vor­zu­neh­men­den Gesamt­schau stellt die auf der Grund­la­ge der dem Täter bekann­ten Umstän­de zu bestim­men­de objek­ti­ve Gefähr­lich­keit der Tat­hand­lung einen wesent­li­chen Indi­ka­tor sowohl für das kogni­ti­ve als auch für das vol­un­ta­ti­ve Vor­satz­ele­ment dar [1].

Die­sen Anfor­de­run­gen wur­de in dem hier vom Bun­des­g­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das ange­foch­te­ne Urteil des Land­ge­richts Essen nicht in jeder Hin­sicht gerecht. Die Annah­me eines beding­ten Tötungs­vor­sat­zes durch das Land­ge­richt stützt sich auf eine lücken­haf­te Wür­di­gung, weil die Straf­kam­mer nicht alle fest­ge­stell­ten Umstän­de, denen nach den Gege­ben­hei­ten des kon­kre­ten Gesche­hens eine vor­satz­re­le­van­te Bedeu­tung zukom­men kann, in ihre Über­le­gun­gen mit­ein­be­zo­gen hat.

So hat das Land­ge­richt nicht in den Blick genom­men, dass der nach den Urteils­aus­füh­run­gen nicht beson­ders alko­hol­ge­wohn­te Ange­klag­te bei Bege­hung der Tat eine maxi­ma­le Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on von 1,93‰ auf­wies. Mit einem mög­li­chen Ein­fluss der alko­ho­li­schen Beein­flus­sung auf die Risi­ko­kennt­nis des Ange­klag­ten hat es sich nicht befasst. Des Wei­te­ren hat die Straf­kam­mer nicht bedacht, dass der Ange­klag­te vor dem zwei­ten Mes­ser­an­griff auf den B. zwei Schlä­ge mit einer Glas­fla­sche auf den Kopf erhal­ten hat­te, was ihn mit zuneh­men­der Ten­denz in Wut und Rage ver­setz­te. Auch die­se durch die Schlä­ge gestei­ger­te affek­ti­ve Erre­gung des Ange­klag­ten hät­te im Rah­men der für die Prü­fung bei­der Vor­satz­ele­men­te erfor­der­li­chen Gesamt­be­trach­tung aller vor­satz­re­le­van­ter Umstän­de einer tatrich­ter­li­chen Erör­te­rung bedurft.

Der Bun­des­ge­richts­hof ver­mag nicht aus­zu­schlie­ßen, dass die Annah­me eines beding­ten Tötungs­vor­sat­zes durch die Straf­kam­mer auf die­ser unvoll­stän­di­gen Berück­sich­ti­gung der zur psy­chi­schen Ver­fas­sung des Ange­klag­ten fest­ge­stell­ten Umstän­de beruht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. März 2020 – 4 StR 388/​19

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urtei­le vom 22.03.2012 ? 4 StR 558/​11, BGHSt 57, 183 Rn. 26; vom 01.03.2018 ? 4 StR 399/​17, BGHSt 63, 88 Rn. 17 ff.; vom 31.01.2019 ? 4 StR 432/​18 Rn. 10; jeweils mwN[]