Beding­ter Vor­satz beim Dro­gen­ku­rier

Für die Annah­me beding­ten Vor­sat­zes bezüg­lich der trans­por­tier­ten Men­ge gilt für einen Dro­gen­ku­rier, der dem vor­lie­gen­den Fall eines Lot­sen für das Dro­gen­fahr­zeug ver­gleich­bar ist, nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs Fol­gen­des:

Beding­ter Vor­satz beim Dro­gen­ku­rier

Ein Kurier, der sich zum Trans­port von Betäu­bungs­mit­teln bereit erklärt und weder auf die Men­ge des ihm über­ge­be­nen Rausch­gifts Ein­fluss neh­men noch die­se Men­ge über­prü­fen kann, wird in der Regel damit rech­nen müs­sen, dass ihm mehr Rausch­gift zum Trans­port über­ge­ben wird, als man ihm offen­bart hat.

Das gilt jeden­falls dann, wenn zwi­schen ihm und sei­nem Auf­trag­ge­ber kein per­sön­li­ches Ver­trau­ens­ver­hält­nis besteht. Ist ihm bei die­ser Sach­la­ge die tat­säch­li­che Men­ge der Betäu­bungs­mit­tel gleich­gül­tig, so han­delt er mit beding­tem Vor­satz bezüg­lich der tat­säch­lich trans­por­tier­ten Gesamt­men­ge 1.

Von die­sen Maß­stä­ben ist im hier ent­schie­de­nen Fall auch das Land­ge­richt aus­ge­gan­gen. Die Beweis­er­wä­gun­gen las­sen aller­dings den von der Straf­kam­mer gezo­ge­nen Schluss nicht zu, die Ange­klag­ten hät­ten allen­falls mit einer Mari­hua­na­men­ge bis zu zehn Kilo­gramm gerech­net. Die­se Schluss­fol­ge­rung stellt sich im Ergeb­nis daher ledig­lich als Ver­mu­tung dar. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Ange­klag­ten allein Lot­sen­diens­te wahr­ge­nom­men haben. Vor die­sem Hin­ter­grund kann aus dem Umstand, dass die Ange­klag­ten selbst in der Ver­gan­gen­heit mit deut­lich gerin­ge­ren Betäu­bungs­mit­tel­men­gen Han­del trie­ben – der Ange­klag­te B. mit einer Men­ge von einem Kilo­gramm und der Ange­klag­te K. mit bis zu drei Kilo­gramm Mari­hua­na –, kein Rück­schluss auf die Men­ge Rausch­gift gezo­gen wer­den, mit denen der Mit­an­ge­klag­te Ba. oder der unbe­kann­te Abneh­mer, und damit für die Ange­klag­ten drit­te Per­so­nen, Han­del trie­ben. Auch der Umstand, dass der Auf­trag­ge­ber dem Ange­klag­ten K. nach des­sen Ein­las­sung ver­si­chert haben soll, bei Bege­hung der Tat kei­ne grö­ße­ren Pro­ble­me im Rah­men sei­ner Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt zu bekom­men, ist für die Fra­ge des Vor­sat­zes hin­sicht­lich der Mehr­men­ge ohne Bedeu­tung. Denn dass jedes Dro­gen­ge­schäft, das eine nicht gerin­ge Men­ge an Betäu­bungs­mit­teln zum Gegen­stand hat, für die wei­te­re The­ra­pie von Rele­vanz ist, liegt auf der Hand. Anders als die Straf­kam­mer meint, kommt es für die Fra­ge des Vor­sat­zes auch nicht maß­geb­lich dar­auf an, ob ein beson­de­res Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen den Ange­klag­ten und ihrem Auf­trag­ge­ber bestand. Ein sol­ches erlangt nach der Recht­spre­chung als Umstand, der gegen einen beding­ten Vor­satz (des Dro­gen­ku­riers) spre­chen könn­te, ledig­lich dann Bedeu­tung, wenn der Auf­trag­ge­ber den Ange­klag­ten kon­kre­te Anga­ben zur Men­ge des trans­por­tier­ten Rausch­gifts gemacht hät­te und die Ange­klag­ten wegen des Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses auf des­sen Anga­ben hät­ten ver­trau­en dür­fen, was jedoch nicht fest­ge­stellt ist. Soweit das Land­ge­richt in der Beweis­wür­di­gung anführt, der ver­nom­me­ne Kri­mi­nal­be­am­te Kr. klag­te habe den Ein­druck gewon­nen, der Ange­klag­te K. sei auf­rich­tig scho­ckiert gewe­sen, als er erfuhr, dass der gesam­te Kof­fer­raum rand­voll mit Mari­hua­na­pa­ke­ten bela­den war, ver­mag die­ser Umstand allein und ohne wei­te­re Wür­di­gung die Ableh­nung eines beding­ten Vor­sat­zes hin­sicht­lich der Mehr­men­ge nicht ohne wei­te­res zu tra­gen, zumal das Land­ge­richt sich auf die­sen Gesichts­punkt erkenn­bar nicht maß­geb­lich gestützt hat. Es kann in die­sem Zusam­men­hang aber auch Bedeu­tung erlan­gen, dass – wie das Land­ge­richt zugleich aus­ge­führt hat – der Ange­klag­te K. in die­ser Situa­ti­on abge­strit­ten habe, über­haupt von dem Betäu­bungs­mit­tel im Pkw Kennt­nis zu haben.

Da der Bun­des­ge­richts­hof nicht sicher aus­zu­schlie­ßen ver­mag, dass die Stra­fe ohne den recht­li­chen Man­gel im Blick auf die erheb­li­chen Men­gen­un­ter­schie­de (vor­ge­stell­te Men­ge: zehn Kilo­gramm; tat­säch­lich trans­por­tier­te Men­ge: fast 50 Kilo­gramm Mari­hua­na) höher aus­ge­fal­len wäre, sind die jewei­li­gen Straf­aus­sprü­che auf­zu­he­ben. Inso­weit ist auch von Bedeu­tung, dass – soweit hin­sicht­lich der Mehr­men­ge ledig­lich Fahr­läs­sig­keit der Ange­klag­ten fest­stell­bar ist – die­se Men­ge gleich­wohl als tat­schul­d­er­hö­hend gewer­tet und mit­hin straf­schär­fend berück­sich­tigt wer­den könn­te 2.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. August 2019 – 1 StR 218/​19

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 05.07.2017 – 2 StR 110/​17 Rn. 8; und vom 21.04.2004 – 1 StR 522/​03 Rn. 10; Beschluss vom 31.03.1999 – 2 StR 82/​99 Rn. 6[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 21.04.2004 – 1 StR 522/​03 Rn. 13[]