Bei­der­sei­ti­ge Rechts­mit­tel­rück­nah­me im Straf­ver­fah­ren – und die Befrie­dungs­ge­bühr

Nimmt der Ver­tei­di­ger nach Gesprä­chen mit der Staats­an­walt­schaft, in denen die Mög­lich­keit einer bei­der­sei­ti­gen Revi­si­ons­rück­nah­me erör­tert wur­de, die Revi­si­on des Ange­klag­ten zurück und erklärt anschlie­ßend auch die Staats­an­walt­schaft die Rück­nah­me ihres bereits begrün­de­ten Rechts­mit­tels, sind – auch wenn das Revi­si­ons­ver­fah­ren noch nicht beim Rechts­mit­tel­ge­richt anhän­gig gewor­den ist – kon­kre­te Anhalts­punk­te dafür vor­han­den, dass eine Revi­si­ons­haupt­ver­hand­lung durch­ge­führt wor­den wäre (§ 349 Abs. 5 StPO) und durch die anwalt­li­che Tätig­keit des Ver­tei­di­gers ent­behr­lich gewor­den ist 1.

Bei­der­sei­ti­ge Rechts­mit­tel­rück­nah­me im Straf­ver­fah­ren – und die Befrie­dungs­ge­bühr

Die Erle­di­gungs- bzw. Befrie­dungs­ge­bühr nach Nr. 4141 VV RVG ent­steht u.a., wenn sich das gericht­li­che Ver­fah­ren durch Rück­nah­me der Revi­si­on des Ange­klag­ten oder eines ande­ren Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten – wie der Staats­an­walt­schaft – erle­digt. Nach dem Wort­laut des Tat­be­stan­des der Gebüh­ren­be­schrei­bung muss die Haupt­ver­hand­lung durch eine anwalt­li­che Mit­wir­kung ent­behr­lich gewor­den sein, d.h. der Anwalt muss auf die Rück­nah­me irgend­wie Ein­fluss genom­men haben 2. Sinn und Zweck der Vor­schrift ist es, den Anreiz zu erhö­hen, Ver­fah­ren ohne Haupt­ver­hand­lung zu erle­di­gen, und damit weni­ger Haupt­ver­hand­lun­gen zu füh­ren, indem ent­spre­chen­de Tätig­kei­ten des Ver­tei­di­gers, die zur Ver­mei­dung der Haupt­ver­hand­lung und damit beim Ver­tei­di­ger zum Ver­lust der Haupt­ver­hand­lungs­ge­bühr füh­ren, gebüh­ren­recht­lich hono­riert wer­den 3. Mit der gro­ßen Mehr­heit der Ober­lan­des­ge­rich­te 4 hat auch das Ober­lan­des­ge­richt schon in der Ver­gan­gen­heit ent­schie­den, dass die Gebühr im Fal­le einer Revi­si­ons­rück­nah­me des­halb nur anfällt, wenn kon­kre­te Anhalts­punk­te dafür bestehen, dass aus­nahms­wei­se eine Haupt­ver­hand­lung anbe­raumt wor­den wäre 5. An die­ser Ansicht hält das Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig auch wei­ter­hin fest.

Vor­lie­gend hat der Ver­tei­di­ger nach Gesprä­chen mit dem zustän­di­gen Staats­an­walt, in wel­chen die Mög­lich­keit einer bei­der­sei­ti­gen Revi­si­ons­rück­nah­me erör­tert wur­de, die Revi­si­on des Ange­klag­ten zurück­ge­nom­men. Erst im Hin­blick auf die­se Tätig­kei­ten des Ver­tei­di­gers hat dann auch die Staats­an­walt­schaft, wie sich aus deren Ver­fü­gung ergibt, ihr Rechts­mit­tel zurück­ge­nom­men. Damit unter­schei­det sich die hie­si­ge Fall­kon­stel­la­ti­on ent­schei­dend von der­je­ni­gen, wie sie das Ent­schei­dung des OLG Braun­schweig vom 21.07.2011 zugrun­de lag. Dort hat­te die Staats­an­walt­schaft ihre Revi­si­on bereits vor der Rechts­mit­tel­rück­nah­me des Ver­tei­di­gers zurück­ge­nom­men 6. Da die (zuläs­si­ge) Revi­si­on der Staats­an­walt­schaft vor­lie­gend schon begrün­det wor­den war 7 und – im Gegen­satz zu einer (ein­sei­ti­gen) Revi­si­on des Ange­klag­ten, bei der die Beur­tei­lung der Fra­ge, ob eine Haupt­ver­hand­lung durch­ge­führt wor­den wäre, gewöhn­li­cher Wei­se erst unter Berück­sich­ti­gung der Stel­lung­nah­me der zustän­di­gen Staats­an­walt­schaft und erst dann mög­lich sein wird, wenn das Revi­si­ons­ver­fah­ren beim Rechts­mit­tel­ge­richt anhän­gig gewor­den ist – gemäß § 349 Abs. 5 StPO im Regel­fall zwin­gend zu einer Revi­si­ons­haupt­ver­hand­lung geführt hät­te, sind kon­kre­te Anhalts­punk­te dafür vor­han­den, dass eine sol­che durch­ge­führt wor­den wäre und durch die beschrie­be­ne anwalt­li­che Tätig­keit des Ver­tei­di­gers bewirk­te Rück­nah­me der staats­an­walt­schaft­li­chen Revi­si­on ent­behr­lich wur­de 8. Erst durch die Gesprä­che des Ver­tei­di­gers mit der Staats­an­walt­schaft und die Rück­nah­me der Revi­si­on des Ange­klag­ten wur­den offen­bar der Anreiz und die Tat­sa­chen­grund­la­ge für die Staats­an­walt­schaft geschaf­fen, ihre eige­ne Revi­si­on zurück­zu­neh­men. Gegen­tei­li­ges hat die inso­weit dar­le­gungs- und beweis­be­las­te­te Staats­kas­se als Gebüh­ren- und Erstat­tungs­schuld­ner 9 jeden­falls nicht dar­ge­legt. Im Ergeb­nis hat der Ver­tei­di­ger damit dar­auf hin­ge­wirkt, dass das land­ge­richt­li­che Urteil ohne eine Revi­si­ons­haupt­ver­hand­lung in Rechts­kraft erwach­sen ist. Er hat des­halb einen Anspruch auf Erstat­tung der Gebühr gemäß Nr. 4141 VV RVG nebst hier­auf ent­fal­len­der Umsatz­steu­er.

Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig, Beschluss vom 8. März 2016 – 1 Ws 49/​16

  1. Abgren­zung zu OLG Braun­schweig, Beschluss vom 21.07.2011 – Ws 178/​11[]
  2. vgl. OLG Köln, Beschluss vom 11.03.2009 – 2 Ws 55/​09 9[]
  3. vgl. u.a. OLG Olden­burg, Beschluss vom 03.11.2011 – 1 Ws 434/​10 5[]
  4. vgl. u.a. OLG Olden­burg a.a.O. m.z.w.N.; OLG Ros­tock, Beschluss vom 06.03.2012 – I Ws 62/​12; OLG Mün­chen, Beschluss vom 16.10.2012 – 4 Ws 179/​12[]
  5. vgl. OLG Braun­schweig, Beschluss vom 21.07.2011 – Ws 178/​11 3[]
  6. vgl. OLG Braun­schweig, a.a.O., Rn. 5[]
  7. vgl. hier­zu OLG Mün­chen a.a.O.; LG Koblenz, Beschluss vom 30.09.2005 – 1 Qs 235/​0519[]
  8. vgl. auch KG, Beschluss vom 17.12 2008 – 1 Ws 345/​08[]
  9. vgl. u.a. OLG Köln a.a.O., Rn. 10[]