Beru­fungs­be­schrän­kung auf den Rechts­fol­gen­aus­spruch – und die Fra­ge des Erwach­se­nen­straf­rechts

Die Anwen­dung von Erwach­se­nen­straf­recht kann vom Rechts­mit­tel­an­griff nach Beschrän­kung des Rechts­mit­tels auf den Rechts­fol­gen­aus­spruch nicht aus­ge­nom­men wer­den, weil die Ent­schei­dun­gen über die Höhe der Stra­fe und über eine Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung mit der Ent­schei­dung über die Anwen­dung von Jugend- oder Erwach­se­nen­straf­recht in Bezie­hung ste­hen kön­nen. Die Ent­schei­dung über die Anwen­dung von Jugend- oder Erwach­se­nen­straf­recht stellt kei­nen abtrenn­ba­ren Teil der Rechts­fol­gen­ent­schei­dung dar.

Beru­fungs­be­schrän­kung auf den Rechts­fol­gen­aus­spruch – und die Fra­ge des Erwach­se­nen­straf­rechts

Der Ange­klag­te kann mit­hin die Anwen­dung des Erwach­se­nen­straf­rechts nicht von sei­nem Rechts­mit­tel­an­griff aus­neh­men, weil die Ent­schei­dun­gen über die Höhe der zu ver­hän­gen­den Stra­fe und über eine Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung von der Ent­schei­dung über die Anwen­dung von Jugend- oder Erwach­se­nen­straf­recht beein­flusst wer­den.

Eine Beschrän­kung inner­halb des Rechts­fol­gen­aus­spruchs ist nur auf sol­che Beschwer­de­punk­te mög­lich, die los­ge­löst vom nicht ange­grif­fe­nen Teil einer recht­lich und tat­säch­lich selb­stän­di­gen Beur­tei­lung fähig sind, ohne eine Prü­fung des übri­gen Urteils­in­halts not­wen­dig zu machen [1], weil das Erfor­der­nis der Wider­spruchs­frei­heit der das Ver­fah­ren stu­fen­wei­se abschlie­ßen­den Urtei­le, die als ein ein­heit­li­ches Gan­zes anzu­se­hen sind, gewahrt wer­den muss [2]. Des­halb ist die Beschrän­kung der Beru­fung allein auf die Fra­ge der Anwen­dung von Jugend- oder Erwach­se­nen­straf­recht unzu­läs­sig [3], die – mög­li­cher­wei­se feh­ler­haf­te – Anwen­dung der maß­geb­li­chen sach­li­chen Straf­pro­zess­ord­nung betrifft stets einen der Rechts­fol­ge vor­ge­ord­ne­ten Gesichts­punkt [4].

Bei den Ent­schei­dun­gen über die Höhe der zu ver­hän­gen­den Stra­fe und über eine Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung han­delt es sich um nach­ge­ord­ne­te Ent­schei­dun­gen, die erst nach der Ent­schei­dung über die Anwen­dung von Jugend- oder Erwach­se­nen­straf­recht zu tref­fen sind. Die Ent­schei­dung einer nach­ge­ord­ne­ten Fra­ge beein­flusst in der Regel die Ent­schei­dung über die vor­ge­ord­ne­te Fra­ge nicht [5]. Anders ist es aber, wenn die vor­ge­ord­ne­te Ent­schei­dung von der all­ge­mei­nen Straf­fra­ge nicht zu tren­nen ist, weil etwa damit die Wei­chen für das Sank­ti­ons­sys­tem mit even­tu­ell wei­ter­ge­hen­den Mil­de­run­gen und damit auch für das Rechts­mit­tel­sys­tem gestellt wer­den [6]. So ist es hier. Das Sank­ti­ons­sys­tem des Jugend­ge­richts­ge­set­zes ent­hält wei­ter­ge­hen­de Mil­de­rungs­mög­lich­kei­ten als das Sank­ti­ons­sys­tem des Straf­ge­setz­buchs. Anders als bei einer Ver­ur­tei­lung zu einer Frei­heits­stra­fe kann die Ent­schei­dung über die Ver­hän­gung von Jugend­stra­fe für eine zu bestim­men­de Bewäh­rungs­zeit aus­ge­setzt wer­den (§ 27 JGG), das Jugend­ge­richt kann zudem die Ent­schei­dung über die Aus­set­zung der Jugend­stra­fe zur Bewäh­rung aus­drück­lich einem nach­träg­li­chen Beschluss vor­be­hal­ten (§ 61 JGG), dar­über hin­aus lässt die nach § 16a JGG mög­li­che Ver­hän­gung von Jugend­ar­rest neben der Aus­set­zung der Ver­hän­gung oder der Voll­stre­ckung von Jugend­stra­fe zur Bewäh­rung even­tu­ell eine ande­re Beur­tei­lung der für die Bewäh­rungs­ent­schei­dung rele­van­ten Tat­sa­chen zu. Die Ent­schei­dung über die vor­ge­ord­ne­te Fra­ge der Anwen­dung von Jugend- oder Erwach­se­nen­straf­recht kann mit­hin von den nach­ge­ord­ne­ten Ent­schei­dun­gen über die Höhe der zu ver­hän­gen­den Stra­fe und über eine Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung nicht gelöst wer­den und stellt des­halb kei­nen abtrenn­ba­ren Teil der Rechts­fol­gen­ent­schei­dung dar. Der Ange­klag­te konn­te des­halb die Anwen­dung des Erwach­se­nen­straf­rechts vom Rechts­mit­tel­an­griff nicht aus­neh­men. Die Kam­mer hät­te des­halb die not­wen­di­ge Gesamt­wür­di­gung der Per­sön­lich­keit des Ange­klag­ten und sei­ner Lebens­um­stän­de (§ 105 JGG) vor­neh­men müs­sen. Dar­an fehlt es. Die Erör­te­rung der Kam­mer zur Anwen­dung von Jugend- oder Erwach­se­nen­straf­recht beschränkt sich dar­auf, nach ihrem Ein­druck von dem Ange­klag­ten und der Bewer­tung sei­ner Lebens­si­tua­ti­on bestün­den kei­ne Zwei­fel dar­an, dass Erwach­se­nen­straf­recht anzu­wen­den sei.

Für die erneu­te Beru­fungs­haupt­ver­hand­lung weist das Ober­lan­des­ge­richt dar­auf hin, dass für die Fest­stel­lung der für die Rechts­fol­gen erheb­li­chen Umstän­de die­sel­ben Grund­sät­ze gel­ten wie für die Fest­stel­lun­gen zu den Tat­sa­chen, in denen der Straf­rich­ter die Merk­ma­le der Straf­tat fin­det. Sie müs­sen, soweit das Gericht dar­aus nega­ti­ve Schlüs­se her­lei­tet, erwie­sen sein [7].

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 14. April 2014 – 32 Ss 36/​14

  1. KK-Paul, StPO, 7. Auf­la­ge, § 318 Rdnr. 8 m. w. N.[]
  2. BGH, Beschluss vom 21.10.1980 – 1 StR 262/​80, BGHSt 29, 359, 364[]
  3. LG Göt­tin­gen, Beschluss vom 15.01.2007, 15 Ns 23/​06 – zitiert nach juris; Osten­dorf-Osten­dorf, JGG, 9. Aufl. § 105 Rdnr. 34; Brunner/​Dölling, JGG, 12. Auf­la­ge, § 105 Rdnr. 29, Schä­fer, NStZ 1998, 330, 331, BGH GA 64, 135, Eisen­berg, JGG, 16. Auf­la­ge, § 105 Rdnr. 47[]
  4. LG Göt­tin­gen a. a. O.[]
  5. Bay­O­bLGSt 56, 7, 8[]
  6. Osten­dorf-Scha­dy, a. a. O. § 55 Rdnr. 8, Brunner/​Dölling, a. a. O., Eisen­berg, a. a. O. Rdnr. 48, Schä­fer a. a. O., Böhm, NStZ 1984, 447[]
  7. LR-Stu­cken­berg, StPO, 26. Aufl.2012, § 267 Rdnr. 86[]